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Salon
hören & sehen: Hörbuch

«Bitte achten Sie immer auf Ihre Umgebung»

von 
Bernhard Gleim
11. Februar 2010
Foto: Hans Madej / Agentur Bilderberg
Bitte achten Sie auf Ihre Umgebung
Immer mit dem Knopf im Ohr: Kunst-, Bildungs- und gründlich andere Reisen
Seite 1 von 2

«Bitte achten Sie immer auf Ihre Umgebung wie den Straßenverkehr, Treppenstufen, Absperrungen u.ä. Durch das intensive Zuhören könnten Sie stark abgelenkt sein. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir für Schäden, die aus der Verwendung dieses Kunst- und Reise­führers entstehen, nicht haften können.» So selbstbewusst überzeugt von den gefährlichen Nebenwirkungen des eigenen Mediums wird man selten gewarnt! Und muss im Kölner Dom erst einmal über die ganz besondere Aufmerksamkeit beim Hören nachdenken. In Kirchen und vor Kunst: immer schön konzentriert! Aber wir Reisenden sind auch Hans-Guck-in-die-Lufts, entgleiten dem Alltag, suchen nach Entgrenzung. Ganz trittsicher ist man nie. Sicher ist nur, dass das Hörbuch «reiseaffin» ist. «VW Zubehör» bietet Hörbücher für Autofahrten an, durch die Sehenswürdigkeiten schleicht man mit einem Audioguide und im Reisebericht danach findet man die Tonspur anregender Reiseerlebnisse.

Es ehrt das neue Label «auditorium maximum» der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, dass Abstriche an intellektuellem Niveau nicht gemacht werden. Wer sich mit «Franziskus von Assisi», einer «einmaligen Kombination von Reiseführer und Kurzbiographie», auf die Lebens­orte des großen Mystikers vorbereitet, findet mindestens drei Reisen: Die Lebensreise des Franziskus, deren Orte heute Pilgerstätten des modernen Touristen sind, darüber lagernd die diesem Leben nachgehende Reise des Bonaventura, des großen Franziskus-Biografen, der dessen Lehre ideologisch stabilisiert und so erst eigentlich überlebensfähig gemacht hat. Und schließlich die Pilgerwege der Seele, die Stationen der mystischen Erfahrung nach franziskanischer Lehre. Dem Hörer wird ein gewichtiges Stück Theologiegeschichte zugemutet – zu Recht, wenn man nicht am Legendenkitsch kleben bleiben will. Reisen zu «Lebensorten» sind nicht selten Versuche einer mindestens kurzfristigen, auratisch umleuchteten Identifikation. Wie bei Bonaventura, der sich an Franzens Orte begibt, um dort zu verweilen, über ihn zu schreiben und ihm nahe zu sein. Und so folgen wir ihm in die Höhle in La Verna, wo Franz seine Stigmatisierung erfährt, ein auch für einen Agnostiker in seiner Mischung aus Leidensschmerz und Erwähltheit faszinierendes Körper- und Seelenspektakel.

Allerdings meldet sich bei diesem Hörbuch wie bei anderen desselben Verlags eine dringende Bitte aus dem Inneren der Hörhöhle: Geht es nicht etwas erzählerischer? Müssen die Sprecher so lesen, als handele es sich um Wasserstandsmeldungen, bei denen jede einzelne Information wichtig sein könnte? Elke Domhardt spricht so stocksteif, dass die Seele, auch die des leidensbereiten Pilgers, sehr schnell entweicht.


Mangelndes Kathedralen-Ranking

Mündliches Erzählen erfordert Verdeutlichung, Reihenfolge, Verknappung. So wie es die «Kunst und Reise»-Hörführer machen, die klar aufgebaut und mit hervorragend orientierenden Booklets ausgestattet sind. Wie und an welchen Stationen erfasst man ein Gebäude am besten von außen? Wie wird das spröde Kapitel der Baugeschichte so anschaulich gemacht, dass sie zum plausiblen Bestandteil eines gründlicheren Sehens werden kann? Hier gelingt’s, und das kleine «allerdings» betrifft womöglich das Genre generell. Kunstführungen sind oft so trocken, weil es viel zu zeigen, aber wenig zu beurteilen gibt. Gewiss, Ranking-Listen sind mediengeborener Unsinn, aber der legendäre englische Kunsthistoriker Alec Clifton-Taylor wanderte durch die ewigschönen englischen Kathedralen so, als sei er nicht nur ihr Erklärer, sondern auch ihr Kritiker; er forderte seine Leser erst einmal auf, ein Ranking der ihrer Meinung nach besten Kathe­dralen aufzustellen. Könnte ein guter Audioguide in diesem Sinn nicht ein diskreter, aber durchaus auch meinungsstarker Bekannter sein, der den Reisenden auf dies und jenes hinweist, aber seinen Unwillen, wenn nötig, durchaus auch zu erkennen gibt? Unterhaltsamkeit wäre hier keine aufgesetzte Witzigkeit, sondern entstünde aus einer zugewandten Haltung dem Betrachteten gegenüber.

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