Bild-Studie zur Bundestagswahl - Merkel hofiert, die Grünen verteufelt

Die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung hat die Berichterstattung der Bild-Zeitung im Bundestagswahlkampf 2013 untersuchen lassen. Ergebnis: Das Blatt berichtete enorm positiv über Angela Merkel und fast durchweg negativ über die Grünen. Die Autoren sprechen der Bild sogar ab, Journalismus zu betreiben

Angela Merkel und ihre Schlandkette: Popstars in der Bild-Zeitung, wie eine Studie zur Berichterstattung im Bundestagswahl herausfand
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Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Jüngst wandte sich Mathias Döpfner in einem offenen Brief an Google. Wir haben Angst vor euch, schrieb der Vorstandschef der Axel Springer AG. Die Botschaft Döpfners richtete sich weniger an den Suchmaschinenriesen als nach außen. Wir sind die wichtigste Stimme in der deutschen Verlagslandschaft, wollte der Springer-Chef seinen Lesern, Mitarbeitern und Konkurrenten sagen. Wir sind das Leitmedium. Wir trauen uns etwas.

Vor allem aber ging es um PR. Und um die Stärkung der eigenen Verhandlungsposition, damit sich Springer (500 Millionen Euro Jahresgewinn 2013) langfristig im Kampf gegen das Google-Imperium (14 Milliarden Dollar 2013) gut aufgestellt sieht.

Dass Selbstvermarktung, Willkür und Gewinnmaximierung so etwas wie die DNA der Springer-Produkte sind, behauptet die Studie „Missbrauchte Politik“ der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung. Die Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben dafür die Berichterstattung der beiden Flaggschiffe des Hauses – der Bild und der Bild am Sonntag – im Bundestagswahlkampf 2013 inhaltsanalytisch untersucht.

Auch wenn sich Chefredakteur Kai Diekmann für 41 Millionen kostenfrei verteilte Ausgaben der Wahl-BILD beklatschen ließ oder sich nach der Wahl als Anführer der „Außerparlamentarischen Opposition“ gegen die Große Koalition stilisierte: Für die Autoren war es eine Überraschung, „wie wenig ‚Bild‘ und ‚BamS‘ über Politik berichten“ – konkret waren dies weniger als 15 Prozent ihres Umfangs – und „wie sehr sie Politik für ihre unternehmerischen Zwecke zurichten“.

Im Wahlkampf hieß das zunächst: Parteilichkeit. Während Angela Merkel von Bild und BamS demnach „hofiert“ wurde, wurde Peer Steinbrück durchgängig als Verlierer und Lachnummer dargestellt. Entsprechend der konservativ-liberalen Weltanschauung behandelten die Springer-Zeitungen Union und FDP wohlwollend bis euphorisch, die Grünen nahezu feindselig. Schwarz-Gelb war aber nicht die Lieblingskonstellation: Der Studie zufolge hatten sich Bild und BamS auf eine Große Koalition festgelegt.

Politisches Wohlergehen der Kanzlerin fördern


Arlt und Storz haben sich die Springer-Blätter nicht nur für den Untersuchungszeitraum (15. Juni bis 30. September 2013) angetan. Sie haben bereits die zwei Vorgängerstudien „Drucksache Bild“ zur Eurokrise und „Bild und Wulff“ vorgelegt. Ingesamt sechs Jahre lang haben die Autoren Belege ausgeschnitten, Fotos markiert, Wörter gezählt.

Die Befunde sind schlagkräftig. So erschien die Bundeskanzlerin als Mensch, meist „gut gelaunt“ und „verständnisvoll“, sogar „umjubelt“. Die Bild machte ihre „Schlandkette“ – die schwarz-rot-goldene Halskette, die sie im TV-Duell trug – zum Symbol. Die 130 Beiträge, die im Untersuchungszeitraum über Merkel veröffentlicht wurden, griffen Kritik entweder gar nicht auf oder nur, um sie zurückzuweisen. Mitunter wurden Ereignisse im Fall Merkel so dargestellt, „dass sie das Image des Blattes und das politische Wohlergehen der Kanzlerin fördern“. Und das, obwohl die Kanzlerin der Bild nie ein Interview gegeben hatte.

Auch im NSA-Skandal habe es die Bild versäumt, hart nachzuhaken. Als die Kanzlerin für ihre Aussage, das Internet sei für alle noch Neuland, einen Shitstorm erntete, sprang die BamS ihr zur Seite: Als „dumpfes Stammtischgedröhn“ qualifizierte ein Kommentator die Kritik im Netz (23.6.2013) ab. In einem anderen Artikel bewertete die Bild die Aussagen des damaligen Kanzleramtschefs Ronald Pofalla vor dem Parlamentarischen Kontrollgremium positiv: sein Auftritt sei ein „entschlossener“ gewesen, und nach Bild-Interpretation „widerlegte“ er dort den Vorwurf der millionenfachen Ausspähung der Deutschen (13.8.2013).

Peer Steinbrück hatte dagegen keine Chance. Im Mittelpunkt standen die „Pleiten, Pech und Pannen“ des SPD-Kanzlerkandidats – sein Glühbirnen-Bunker, die Putzfrau-Erpressung oder der Stinkefinger, der sich in der Bild zum Hit und Leitmotto entwickelte: Von insgesamt 94 Steinbrück-Fotos zeigen ihn 18 mit der legendären Geste aus dem SZ-Magazin. Interessant auch die Wortwolke, die die Autoren für die SPD und alle anderen Parteien entwickelt haben: Den 347 „Steinbrück“-Nennungen folgen 146 Mal „Merkel“, 134 Mal „SPD“, 100 Mal „BILD“, 62 Mal „Kanzlerkandidat“. Gegenüber der Personalisierung fällt die Sachpolitik zurück: „Euro“ 17 Mal, „Steuern“ 16 Mal und der „Mindestlohn“ – immerhin eines der zentralen Themen des sozialdemokratischen Wahlkampfes – nur 7 Mal.

Bei der FDP sind für den Boulevard die wichtigsten Themen Rainer Brüderles Treppensturz sowie das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde nach der Wahl. Die Berichterstattung über die FDP ist „sympathisierend“, es fällt kaum ein böses Wort. In einem Dreier-Interview durften Genscher, Westerwelle und Rösler auf fast einer ganzen Seite so ungestört von kritischen Nachfragen ihr Parteiprogramm referieren, dass die Autoren spitz fragten, ob die Springer-Gleichung so laute: „Werbung für ‚Bild‘ + PR für die FDP = Journalismus?“

Sie vermuten, dass solche Interviews auf „Nachrichtendeals“ beruhen. Das heißt, Bild und BamS würden Politikern eine reichweitenstarke Plattform bieten – zum beiderseitigen Vorteil. Arlt und Storz zufolge werden knackige Politiker-Zitate von Boulevardredaktionen zunächst selbst formuliert; anschließend suchen sie jemanden, „der bereit ist, es gesagt zu haben“. Auf Cicero-Online-Anfrage wollte sich die Bild-Zeitung weder zu dieser Praxis noch zu der Studie äußern.

Während die Linke, vor allem aber die AfD regelrecht ignoriert wurden – die Autoren vermuten hier, dass Bild und BamS nicht ihre eigenen, möglicherweise AfD-affinen Leser verprellen wollten – wurden die Grünen heftig kritisiert. Bis auf einen Namensbeitrag Cem Özdemirs sei die Partei „ausschließlich in negativen Zusammenhängen erwähnt“ worden. Teilweise habe es sogar „denunziatorische Grauzonen“ gegeben. Stichworte waren hier die „Kindersex“-Affäre und die „Verbots-Partei“: eine Bild-Erfindung, die auf einem geschickten Wahlkampfmanöver des CDU-Politikers Michael Fuchs basierte. Am 17. Juli erschien seine Verbotsliste unter dem Titel: „Was uns Trittin & Co. alles verbieten wollen“. Anfang August drehte die Zeitung das Verbots-Stereotyp mit einer Schlagzeile auf Seite 1 weiter: „‘Veggie Day‘ in der Kantine. Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“.

Brutal auch die Urteile gegen das grüne Spitzen-Personal: Volker Beck wurde zum „Verlierer des Tages“. Katrin Göring-Eckardt musste sich – anders als bei den Spitzenkandidaten-Interviews anderer Parteien – gegen ihren Willen hartnäckige Fragen nach ihrem Privatleben gefallen lassen. Und in „Post von Wagner“ wurde Jürgen Trittin als „Besserwisser“, „Egomane“ und „verbissener, furchtbarer, ideologischer Mann“ abqualifiziert.

Dahinter stehe eine klare Agenda, sagt Hans-Jürgen Arlt im Gespräch mit Cicero Online: „Die Parteilichkeit ist ein publizistisches Mittel, mit dem sich mehr Aufmerksamkeit generieren lässt.“

Unwissenschaftlich: Die „kleine Geschichte über Ines und Kai“


Dass diese Aufmerksamkeit sich zu Geld machen lässt, hat für Arlt und Storz bei Bild und BamS nichts mehr mit Journalismus zu tun. In ihrer Studie sprechen sie daher eher von „Boulevard-Publizismus“, „für den es nicht darauf ankommt, ob er gerade Werbung, Unterhaltung, PR oder Journalismus macht, Hauptsache, das Ergebnis pro Aktie stimmt“. Der Haken nur: Journalismus war schon immer auf den Verkauf angewiesen. Auch erwähnen Arlt und Storz nicht, dass das Springer-Haus für Qualitätsjournalismus wie bei der Welt durchaus Verluste in Kauf nimmt und intern quersubventioniert. Bild Plus und das ganze Onlinegeschäft bleiben in der Betrachtung ebenso außen vor.

Zwar räumen die Autoren ein, dass die diversen „Anspielungen, kleinen Pointen, hübschen Hinweise“ durchaus eine „nennenswerte publizistische Qualität“ aufweisen. Doch Medium mache „nicht dadurch schon Journalismus, dass es Mitteilungen zur Veröffentlichung auswählt und dafür Aufmerksamkeit sucht“, so heißt es an anderer Stelle.

Dass der Begriff „Journalismus“ hier nicht abgegrenzt oder kurz definiert wird, ist eine Schwäche der Studie. Der Leser muss dafür in Teil 1 der Studientrilogie nachschlagen, um eine wissenschaftliche Einordnung von Massenkommunikation, Journalismus und Nachrichtenwerten zu erhalten. Arlt selbst nennt als wichtigste Kriterien Aktualität, Neuigkeit, Richtigkeit und Relevanz: Bei Bild und BamS fehle insbesondere der letzte Punkt, die Relevanz.

Unschön ist, dass die Autoren den Epilog der Studie für Ideologie nutzen. Für die „kleine Geschichte über Ines und Kai“ – damit sind taz-Chefredakteurin Ines Pohl und Bild-Chef Kai Diekmann gemeint – dichten die Autoren, wie traurig und idealistisch die eine, wie erfolgreich und selbstverliebt der andere ist. Besser wäre es gewesen, sie hätten darauf verzichtet und wären bei strenger Wissenschaft geblieben.

Denn wenn auch nur einige der Befunde zutreffen, die die Autoren in diesen drei Studien vorgelegt haben, dann bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Warum weisen nicht nur die Macher der Bild, sondern auch die deutschen Qualitätsmedien dem Blatt immer noch die Funktion eines „Leitmediums“ zu?

Abbildung der Wortwolke Steinbrück aus: Arlt/Storz, Missbrauchte Politik. "Bild" und "BamS" im Bundestagswahlkampf 2013, Studie der Otto Brenner Stiftung 2014, S. 40

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