Zur Eröffnung der Berlinale beschwört Benoït Jacquot die Apokalypse in Versaille, Werner Herzog trifft Mörder auf der „Death Row“ und Angelina Jolie dreht den „Schindlers Liste“ des Bosnienkriegs – oder auch nicht. Die Filmkolumne von Constantin Magnis für CICERO ONLINE
Ein ambitioniertes Filmfestival wie die Berlinale ist immer beides: Ein Wettbewerb der besten Filme, und irgendwie auch ein Zoo der seltenen, anderswo vom Aussterben bedrohten cineastischen Arten. Wer schon einmal im Tierheim war, und dort die grindigen Köter mit permanent verdorbenem Charakter durch die Gitterstäbe schielen gesehen hat, fühlt sich gelegentlich auch daran erinnert. Und zwar bei dieser bestimmten Art von Film, die symptomatisch für das Festival ist, und leicht an der großen Traurigkeit zu erkennen ist, die einem beim Überfliegen der Synopsis im Programmheft überkommt.
Ein klassischer Fall ist dieses Jahr beispielsweise „La Demora“, ein Beitrag aus Urugay: „Faszinierend beiläufig inszeniert La Demora den harten Alltag einer alleinerziehenden Mutter, die in beengten Wohnverhältnissen neben drei Kindern auch ihren dementen Vater mitversorgen muss.“ Oder der Film „Espoir Voyage“ aus Burkina Faso: „In einer der berührendsten Szenen des Films“, lockt der Festivalführer, „spielt der Regisseur seinem Cousin Augustin eine Videobotschaft von dessen Mutter vor. Ihre Vorwürfe, warum er sich nicht melde und dass das Haus dringend repariert werden müsse, treffen Augustin schwer. In seinem Gesicht spiegelt sich die ganze emotionale Last der Hoffnungsträger: Erwartungsdruck, Schuldgefühle, Scham.“
Oder nehmen wir das israelische Kinoerlebnis „Sharquiya“: „Am Rande der Wüste Negev lebt Kamel mit dem Rest seiner Beduinenfamilie im Camp. Nun soll die Hütte abgerissen werden, eine Besitzurkunde für das seit Jahrhunderten besiedelte Gebiet gibt es nicht. In ruhigen, großen Bildern wird Kamels Ausweglosigkeit erfahrbar.“ Eskapismus kann man dem Programm jedenfalls nicht vorwerfen.
Während die mühsameren Filme sich tendenziell in den Sektionen Panorama und Forum sammeln, ist man auch unter den eigentlich publikumsfreundlichen Wettbewerbsfilmen keinesfalls sicherer. Denn die Gewinnchance eines Films verhält sich prinzipiell umgekehrt proportional zu seinem Sex-Appeal. Es gewinnt, – eigentlich grundsätzlich – der eine Film, den man sich bewusst nicht angeschaut hatte, weil man solche Angst davor hatte, sich zu Tode zu langweilen.











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