Roger Boyes hat für die „Newsweek“ einen Blick in den Kopf der „mysterious Merkel“ gewagt – und sich dabei eher als mittelmäßig begabter Hobby-Freudianer denn als Reporter mit paranormalen Fähigkeiten entlarvt
Was denkt die Kanzlerin wirklich. Fragezeichen. Das wüssten wir, ehrlich gesagt, auch gern. Ausrufezeichen. Da uns die Gabe des Gedankenlesens versagt blieb, mussten wir uns bisher mit dem zufriedengeben, was die Kanzlerin sagt. Immerhin soll ja, und zwar auch in der Politik, eine gewisse Interdependenz zwischen sagen und denken herrschen. Was zugegebenermaßen die Möglichkeit einer Lücke offenlässt, in die alle Gedanken hineinpurzeln, die niemals ausgesprochen wurden.
Dieses Gedankenloch auszuloten hat sich diese Woche die Zeitschrift „Newsweek“ zur Aufgabe gemacht und zu diesem Zweck Roger Boyes, den langjährigen Deutschlandkorrespondenten von „The Times“, gewonnen – einem Mann mit offenbar paranormalen Fähigkeiten. Oder eben doch nicht. Jedenfalls kocht er, wie wir nach der Lektüre seines Beitrags („Mysterious Merkel – The future of Europe is in the hands of one painfully private leader. What does the chancellor really think?“) feststellen mussten, auch nur mit den Utensilien eines mittelmäßig begabten Küchenpsychologen.
Und dort, in der Küche nämlich, hat Boyes prompt ein Gerät entdeckt, das ihm wie geschaffen schien, um als Metapher für den Gefühlshaushalt der Kanzlerin herzuhalten: den Kühlschrank. Ein Kühlschrank sei es gewesen, den Angela Merkel aus dem Fundus der gemeinsamen Wohnung nach der Trennung von ihrem ersten Ehemann Ulrich Merkel für sich beansprucht habe. Sonst nichts. Dass es sich nach Aussage des verlassenen Herrn Merkel wohl eher um eine Waschmaschine handelte, dürfte im Eifer der Boyesschen Séance in den Hintergrund getreten sein – worüber sich das Objekt seiner Gedankenstudien im Nachhinein freuen sollte.
Denn anderenfalls hätte die Kanzlerin damit rechnen müssen, als notorischer Putzteufel beschrieben zu werden, der Europa im Schleudergang eine sauberere Finanzpolitik verpassen will. Was es für das Schicksal unseres Kontinents bedeutet hätte, wäre Angela Merkel vor 30 Jahren lediglich mit einem Nudelholz von dannen gezogen, möchten wir uns lieber gar nicht erst vorstellen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Episode aus Merkels Leben noch für Boyes zur Psychoexegese taugt











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