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Salon

Star-Bariton Christian GerhaherÜppig, Schwer, Dunkel

Von Eva Gesine Baur12. Dezember 2011
picture alliance
Star-Bariton Christian Gerhaher, Tour mit Martin Walser
Star-Bariton Christian Gerhaher
Schrift:

Star-Bariton Christian Gerhaher hat schon einige Lebens- und Arbeitserfahrung sammeln können. Zuletzt bei seiner gemeinsamen Tour mit Martin Walser

Es muss möglich sein, darstellende Kunstwerke gegen den Strich zu bürsten“, sagt der Mann, der mir gerade die Tür geöffnet hat. Er hat es an sich selbst ausprobiert. Seine wilden, nach hinten gebürsteten Locken machen einen relativ glatten Eindruck. Christian Gerhaher könnte heute an der Münchner, morgen an der Wiener Staatsoper und übermorgen in Amsterdam oder London in Hauptpartien von Mozart, Wagner oder Johann Strauß Ovationen ernten, aber er sieht sich vor allem als Liedsänger. „Ein Lied ist etwas, das immer unfassbar bleibt“, sagt er. „Nur ein kleiner Teil des Publikums interessiert sich dafür. Da muss man eben eine Abhärtung durchmachen.“

Dass er in den ohnehin unpopulären Regionen des Liedes auch noch eine besonders entlegene Ecke aufsucht, grenzt selbst bei einem Künstler seines Rufes an Risikolüsternheit: Die schöne Magelone von Johannes Brahms hat er sich für eine Konzerttournee Ende Oktober vorgenommen, einen Zyklus von 15 Romanzen. Was ist daran so schwierig? „Dass Brahms sich mit der Magelone aus den vielen wunderbaren Stücken in Tiecks ‚Phantasus‘ ausgerechnet das mit Abstand schlechteste ausgewählt hat. Für mich ist die Magelone ein bisschen oller Schmus.“ Doch offenbar trotzdem eine neue Herausforderung.

Als Liedsänger zur Weltgeltung gelangt ist Gerhaher mit Liedern von Schubert, Schumann und Mahler. Brahms’ Lieder verlangen ihm etwas völlig anderes ab. „Einen viel größeren körperlichen Aufwand. Sie sind üppiger, schwerer und dunkler.“ Kurzes Schweigen. „Wenn ich Brahms-Lieder singe, fühle ich mich wie eine Bratsche.“ Er weiß, wovon er redet: Geige hat er gelernt, auch wenn er behauptet, „lausig“ gespielt zu haben. Im Chor seines Straubinger Geigenlehrers entdeckte er neben hübschen Mädchen seine Stimme und mit dem Sohn des Geigenlehrers, dem Pianisten Gerold Huber, einen kongenialen Begleiter.

Was ihn bisher auch vor der Magelone zurückschrecken ließ, waren deren erzählte Zwischentexte. Doch die Lösung hat sich gefunden. Sie heißt Martin Walser. Der hat für ihn Tiecks Erzähltexte gekürzt und umformuliert und wird sie persönlich vortragen. „Jetzt sind sie vielschichtiger und haben etwas von dem, was ich an Walser besonders schätze: diesen ironisierenden Ton, als ob er über etwas lächle.“ Ähnlich, wie Gerhaher über manches lächelt, was ihm verehrend angedichtet wird. Zum Beispiel, dass sein Leiden ihn, den studierten Mediziner, der wegen einer chronischen Erkrankung den Arztberuf nicht ausüben konnte, als Künstler noch größer mache. „Ich wäre lieber gesund, weil der Sänger enorm viel Kraft braucht.“ Wenn gemutmaßt wird, die Tiefe seiner Liedinterpretationen seien der Tatsache zu verdanken, dass er an der Jesuitischen Hochschule in München Philosophie studiert hat, grinst er. „Das habe ich abgebrochen. Ich war leider zu doof dafür.“ Wer ihn sich als Schubert’schen Wanderer vorstellt, erfährt, fürs Wandern sei er leider zu faul. Und auch seine offen eingestandene Neigung zur Melancholie will er nicht zur Gnade ummünzen lassen, durch die er die romantische Seele erst erfasse. „Ich bin grüblerisch, aber ich bin es nicht gern.“

Skeptisch hingegen ist er gern. Die deutsche Sprache etwa ist Gerhaher ein Anliegen, die deutschen Volkslieder, die er mit seinen drei Kindern singt, sind ihm „Ausgangspunkt und Endpunkt des Kunstlieds“, aber die derzeitige Wiedererweckung des Volkslieds macht ihn misstrauisch: „Dass es als Teil der deutschen Leitkultur gefeiert wird, finde ich geschmacklos. Das Volkslied tendiert zum Kunstlied und nicht zum Völkischen.“ Er versteht, dass Jorge Luis Borges das Lob der deutschen Sprache sang und sie süß nannte. Er wirbt für das Deutsche, indem er dessen Emotion hörbar macht – durch Präzision, wie es sich für einen nüchternen Romantiker gehört. Kaum ein anderer Sänger spricht wie er und ist auch noch in der hintersten Reihe perfekt zu verstehen. Sein Geheimnis? „Ich versuche, die Aussprache so natürlich wie möglich zu halten, um dem Publikum die Last des Nachübersetzens abzunehmen. Wenn ich das Wort der mit einem rollenden r am Ende singe, dann lenkt das ab.“

Gerhahers natürlicher Gesangsstil bezaubert. Aber auch Natürlichkeit macht Arbeit. „Lieder zu singen, ist wie Konzeptkunst. Jedes Werk fordert seine eigene, spezifische Technik. Wenn ich italienisch singe, ist das Wichtigere die Vielfalt und das Klingen der Konsonanten. Aber wenn ich deutsch singe, geht es mir um die Differenzierung der Vokale. Im Deutschen gibt es Hunderte unterschiedlicher As.“ Er widmet sich jedem.

Allerdings hat nicht jedes Lied seine Leidenschaft verdient. 1992 besuchte er mit seiner Schwester in Berlin einen der letzten Liederabende von Dietrich Fischer-Dieskau. Der sang als Zugabe das Ständchen von Brahms. „Da hat meine Schwester gesagt: ‚Was ist denn das für ein Quark? Dieses Gedicht ist ja unerträglich.‘ Ich habe sofort protestiert. Aber ich habe gemerkt, dass sie recht hatte. Das Ständchen singe ich jetzt nicht mehr.“ Aus kühlem Grund: „Kein Mensch hat was gegen einfache Texte, aber gerade junge Zuhörer reagieren allergisch auf das Verlogene.“ Gerhaher setzt auf das Vielsagende. Das spricht für sich.
 

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