Barbara Honigmann erlebt eine amour fou in Ost-Berlin. Eine Rezension ihres neuen Romans „Bilder von A.“
Man kann leicht herausbekommen, wer der titelgebende A. ist, jener aufmüpfige und begabte Theaterregisseur, in den sich die Ich-Erzählerin in Barbara Honigmanns neuem Roman Anfang der siebziger Jahre in Ost-Berlin verliebt und mit dem sie an einem Kleist-Projekt fürs Deutsche Theater arbeitet – ein paar Suchbegriffe, und man weiß Bescheid. Fast immer geht es bei dieser Autorin ja um ein Kapitel aus ihrem Leben. Sie nutzt ihre Biografie, ihre Erinnerung für eine höchst eigene poetische Spurensuche.
Dieses Mal hat sie sich auf die Suche nach einer vergangenen Liebe gemacht. Dabei ist es für die Leser nicht wichtig, die Protagonisten des Buches namhaft zu machen: Die literarische Recherche, um die es hier geht, weist über das Individuelle weit hinaus. Es sind die alten Fragen: Warum verliebt man sich und warum entliebt man sich wieder, welche Spuren schreiben sich für immer ein in die eigene Biografie? „Wenn ich an A. denke, bin ich verletzt, beleidigt, fühle mich abgewiesen und ausgenutzt, (…) und ich liebe ihn. Wir sind, wie man so sagt, im Bösen auseinandergegangen. Unversöhnt. A. ist jetzt tot.“
Es geht um eine amour fou in Ost-Berlin: Die junge Frau trifft den 15 Jahre älteren Theaterkünstler, weil beide Kleist lieben und gut kennen. Sie malt den Mann mit den langen Beinen und dem blauen Pullover, sie sitzt auf der Fahrradstange, wenn er sie nach Hause bringt. Alles ist aufregend – wie in allen Liebesgeschichten. Nur dass diese rasch besonders zäh und verletzend wird. Der Mann ist verheiratet und führt sich auf, wie Künstler das gern tun: Er verspricht nichts, schon gar keine Bindung, und irgendwann ist er weg, hat die DDR verlassen – ohne ein Wort des Abschieds.
Barbara Honigmann fragt sich: Warum habe ich das mit mir machen lassen? Sie erzählt von einer heimlichen Abtreibung, von der Aversion ihrer Mutter gegen den Liebhaber, der nicht nur blond ist, sondern auch noch Adolf heißt, und von der Sympathie des Vaters für ihn, weil der eine ein a-religiöser Materialist ist wie der andere. Diese Haltung wird später der Grund sein fürs „böse Auseinandergehen“. Ihre Eltern hatten Wert auf eine nichtjüdische Erziehung gelegt. Sie waren aus dem Exil zurückgekommen und wollten sich als ordentliche Kommunisten im vermeintlich besseren Deutschland nicht unterscheiden. Barbara Honigmann entscheidet sich nicht lange nach dem Weggang des Geliebten für ein jüdisches Leben. Dass der sture Anti-Kapitalist und engstirnige Ideologe das nicht akzeptieren kann, dass er es für eine Flucht aus der Realität hält, sie ihn deswegen am Ende zum Antisemiten erklärt, beschreibt das Nachgefecht einer Liebe, die nur einmal, eine gemeinsame Reise-Woche lang, gelebt werden konnte. Später trafen sich beide noch ein einziges Mal, schrieben sich aber lange Jahre Briefe, blieben verbunden – und sind es bis heute.
Barbara Honigmann erzählt von der Enge Ost-Berlins und von der Macht der Kulturbürokratie, sie braucht nicht viele Seiten, um das Bild dieses repressiven Staats zu zeichnen, und entwirft souverän das Bild eines Paares, das keines werden konnte. Die endgültige Trennung wird vollzogen, weil sie auf ihrem Jüdischsein besteht und er das für überflüssig hält. Eine sehr deutsche Konstellation also sorgt für den Schlussstrich.









