Während der Graffiti-Künstler Banksy die Street Art revolutionierte, brach auf der Jagd nach seinen lukrativen Werken auf der Straße der Goldrausch aus. Wie zwei Deutsche mit einer listigen Schatzsuche und nicht immer legalen Methoden ein kleines Vermögen machten.
Das ist die Geschichte eines Phantoms, dessen Identität kaum jemand kennt und seinen Jägern, deren Identität niemand kennen soll. Das Phantom: Der Brite mit dem Künstlernamen Banksy, Robin Hood der Street Art, schillerndster Dunkelmann der Graffiti-Szene, der in den letzten fünf Jahren mit seinen Spray- und Leinwandwerken zum bekanntesten Vertreter seiner Kunstgattung aufgestiegen ist, ohne je zweifelsfrei identifiziert worden zu sein. Sein Jäger ist ein junger Mann um die dreißig, der im Rotlichtviertel einer deutschen Großstadt in einer Altbauwohnung sitzt und eine Zigarette raucht. Erzählen, sagt er, könne man seine Geschichte schon. Nur erkennen dürfe man ihn darin nicht, muss man halt schauen, dass man den Text vorsichtig aufschreibt. Nennen wir ihn also Meier und seinen Komplizen Schuster.
Es ist 2007, die beiden haben gerade ihr Studium abgeschlossen, der eine als Literaturwissenschaftler, der andere als Informatiker. Sie haben keine Jobs, viel Zeit und brauchen Geld. Der Name Banksy war inzwischen Synonym für die subversive Eroberung des Kunstmarktes geworden. Zwei Jahre vorher hatte Sothebys sein erstes Werk versteigert, für damals sensationelle 6000 Pfund – das Doppelte des Schätzpreises. 2006 landeten bereits 11 Stücke des Graffitiguerilleros unter dem Hammer und während Hollywoodprominente wie Angelina Jolie oder Brad Pitt begannen, die Werke zu sammeln, vervierfachte sich ihr Marktwert. Was als illegales Graffiti, als Vandalismus begonnen hatte, war nun beides geworden: Kult und eine Geldanlage. Und das Geld – sollte sich bald herausstellen – lag auf der Straße.[gallery:Von der Straße auf die Leinwand auf die Kinoleinwand]
Den ersten Batzen finden Meier und Schuster eher zufällig. Ein Straßenschild bei ihnen um die Ecke, auf der Rückseite eine Ratte – Banksys gesprayte Signatur. Mit einem Schraubenzieher montieren sie nachts das Blechschild ab. „Uns war klar: Für so ein Schild kriegen wir bei EBay sicher ein paar Hundert. Und wir wussten: Davon gibt es hier noch mehr.“ Auf der Stadtkarte markieren sie den ersten Fund: „Dann sind wir ganz systematisch vorgegangen, haben zwei Kilometer in jede Richtung wirklich jede Straße durchkämmt“. Über zwei Monate pirschen die beiden durch die Gassen, Bahnunterführungen, U-Bahnschächte und Hinterhöfe ihrer Stadt. Um auch überklebte Kunst nicht zu übersehen, kratzen sie Plakate von jedem Stromkasten, jeder Stahltüre. Sie durchforsten nächtelang Banksy-Bildergalerien des Fotodienstes Flickr und studieren Fotos in den Bildbänden des Künstlers auf der Suche nach Hinweisen. Immer wieder verraten ihnen visuelle Indizien Standorte in ihrer Stadt, durch markante Straßenecken, Ladenfassaden oder Restaurantnamen im Bildhintergrund.
Die Recherche lohnt sich. Banksy, so stellt sich heraus, hat sich vor einigen Jahren – als damals noch unbekannter Künstler – einmal quer durch die Stadt gesprüht. Meier öffnet den Stadtplan auf dem sie damals jedes Original des Briten feinsäuberlich markiert haben: Die Punkte ziehen sich wie eine verirrte Herde Schafe vom Nordwesten in den Südosten der Stadt: Über dreißig Stück, die meisten bereits übersprüht, abgebröckelt oder unmöglich abzumontieren, damit unverkäuflich.
Andere nicht. So zum Beispiel ihr zweiter Fund: Ein Schablonensprühbild auf einem Briefkasten. „Erst wollten wir das Teil komplett heraus brechen“, sagt Meier. Weil sie am Ende doch Sorge haben, das Werk so zu zerstören, rufen sie bei der Post an und treffen Sicherheitsvorkehrungen, die sie bis zum Ende ihrer Schatzsuche beibehalten sollten: „Falsche Namen, falsche E-Mail Adressen, alle Telefonate mit der Aldi-Prepaid-Card“, sagt Meier. Mit der rührseligen Geschichte eines fiktiven Freundes, der seiner Braut den Heiratsantrag an just jenem Postkasten gemacht habe und ihn deshalb als Hochzeitsgeschenk bekommen soll, beknien sie die Eigentümer. Die Post überlässt ihnen den Kasten zum Materialpreis.
Wenige Tage später entdecken Sie ein weiteres Bild auf der Türe eines U-Bahn Schachtes. Sie kontaktieren die Bahn – wieder mit falschen Kontakten. Die Verantwortlichen sind schwer zu erreichen, die Verhandlungen ziehen sich über Wochen, bis das Unternehmen sich schließlich bereit erklärt, die Türe auswechseln zu lassen – die Kosten dafür sollten die Sammler übernehmen. Als sie kurz vor dem geplanten Verkaufstermin noch einmal wegen Details anrufen, heißt es: „Ist alles geklärt, ihr Kollege hat sich gestern schon gemeldet“. Doch den Kollegen gab es nicht. „Da wussten wir“, sagt Meier, „dass wir nicht mehr alleine sind.“ Im Revier der beiden war offenbar eine zweite, ebenso entschlossene Schatzsuchertruppe am wildern. Und von denen wollten sich Meier und Schuster ihre Beute unter keinen Umständen abjagen lassen.
Das Risiko, die Türe zu verlieren ist ihnen zu groß, sie handeln. Über zwei Tage beobachten sie die Umgebung, notieren die Bewegungsfrequenz davor zur Tages- und Nachtzeit, stellen fest: Das einzige Hindernis ist ein 24-Stunden-Hotel samt Nachtportier, theoretisch mit permanentem Blickkontakt zu ihrem Kunstobjekt. Als sie ihre Ausrüstung zusammenstellen, schaffen sie deshalb nicht nur Plasmaschneider, Rollwagen und Gasflaschen an sondern auch ein Stahlgerüst mit zwei Bundeswehr-Planen. Damit bauen sie wenige Nächte später ein Zelt, einen Sichtschutz vor die Türe und fräsen in seinem Inneren unter Schweiß und beißendem Qualm die Tür samt Rahmen aus dem Mauerwerk. Fünf Monate sind seit ihrem ersten Fund vergangen als sie so ihr drittes Banksy-Original bergen, sichern und einlagern.
Offenbar keinen Tag zu früh: Immer wieder, immer öfter stoßen die beiden auf Spuren ihrer mysteriösen Konkurrenten. So zum Beispiel, als sie an einer Baustelle einen Banksy auf der Türe einer Lagerhalle entdecken. Fünfzig Euro will der Vorarbeiter haben, um ihnen die Türe zu überlassen. Er bekommt Hundert, damit er sie rasch, bis zum nächsten Morgen, ausbaut. Als sie das Kunstwerk abzuholen wollen, heißt es: „Dein Kumpel war schon da.“ Die Türe war weg. Sie tauchte Jahre später auf einer Auktion im Wiener Dorotheum wieder auf. Verkäufer unbekannt, Verkaufspreis 8000 Euro. „Wir nannten die Typen nur „die Assis“, sagt Meier.
Erfolgreicher sind sie mit dem Graffiti auf der Fassade einer prominenten Kirche: Die zuständige Gemeindesekretärin, stellt sich beim ersten Sondierungsgespräch heraus, hat selbst eine Vergangenheit als Graffitisprayerin und Verständnis für das Anliegen der beiden jungen Herren. Sie zahlen einen Steinmetz, der die besprühte Mauerplatte heraus bricht und ersetzt und bekommen das Werk.
Lesen Sie im zweiten Teil, wann Meier und Schuster es mit der Angst zu tun bekamen.












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