Ein Berliner Klinikum und der Privatsender RTL planen mit „Babyboom - Willkommen im Leben“ eine Dokumentation über Geburten. Die Empörung ist gewaltig - und völlig überflüssig
Können wir uns dann vielleicht mal wieder beruhigen? Bei dem ganzen Geschrei über den Untergang des Abendlandes versteht man nämlich sein eigenes Wort nicht mehr. Was eigentlich schade ist. Denn wer nicht mehr miteinander spricht, der versucht auch nicht mehr zu verstehen, horcht weder in sich hinein noch kann er hören, was andere zu sagen haben.
Dabei gibt es ein paar Ideen, die es durchaus Wert sind, aufgegriffen zu werden. Zum Beispiel das Konzept der englischen Dokumentation „One Born Every Minute“, das mit dem Preis der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst ausgezeichnet wurde. Frankreich und Amerika haben die Sendung bereits erfolgreich adaptiert – nun sollte Deutschland nachziehen.
Das Berliner Klinikum Vivantes in Friedrichshain hat in einem Teil seiner Geburtenstation Kameras installieren lassen, um diese Multi Rig Documentary zu verwirklichen. Die Idee dahinter: Ein aufwändig gemachter Gegenentwurf zur billig produzierten Scripted Reality. Hier soll eine Echtheit, eine Wahrhaftigkeit entstehen, die nichts zu tun hat mit gecasteten Amateur-Darstellern und vorgeschriebenen Dialogen. Vollautomatische und ferngesteuerte Kameras erzeugen 24 Stunden am Tag Filmmaterial.
Um eine Staffel der englischen Version zu schneiden, mussten die Aufnahmen drei Wochen lang in drei Schichten gesichtet werden. Der technische und personelle Aufwand ist also beträchtlich. Und das wirkt sich auf die Qualität aus. Könnten die verzweifelten Sender hier nicht ein neues Erfolgskonzept finden, um den sinkenden Quoten die Stirn zu bieten?
RTL, die Produktionsfirma Shine Germany und das Vivantes Klinikum wollten diesen Versuch wagen. Obwohl das Gewitter im Feuilleton erwartbar war – und bisher schon beträchtliche Ausmaße angenommen hat: Aufregung, Tumult, Beschwerden folgten. Die Politik griff ein. Heute heißt es, die Klinikleitung habe den Aufsichtsrat nicht informiert. Bis zur nächsten Sitzung wird das Projekt nun ausgesetzt.
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