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Salon

„Babyboom“Die depperte Empörung über RTLs Geburten-Doku

Von Marie Amrhein3. März 2013
picture alliance
RTLs „Babyboom - Willkommen im Leben“: Der intimste Moment. Warum ihn nicht teilen?
Der intimste Moment. Warum ihn nicht teilen?
Schrift:

Ein Berliner Klinikum und der Privatsender RTL planen mit „Babyboom - Willkommen im Leben“ eine Dokumentation über Geburten. Die Empörung ist gewaltig - und völlig überflüssig

Seite 1 von 2

Können wir uns dann vielleicht mal wieder beruhigen? Bei dem ganzen Geschrei über den Untergang des Abendlandes versteht man nämlich sein eigenes Wort nicht mehr. Was eigentlich schade ist. Denn wer nicht mehr miteinander spricht, der versucht auch nicht mehr zu verstehen, horcht weder in sich hinein noch kann er hören, was andere zu sagen haben.

Dabei gibt es ein paar Ideen, die es durchaus Wert sind, aufgegriffen zu werden. Zum Beispiel das Konzept der englischen Dokumentation „One Born Every Minute“, das mit dem Preis der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst ausgezeichnet wurde. Frankreich und Amerika haben die Sendung bereits erfolgreich adaptiert – nun sollte Deutschland nachziehen.

Bildergalerie: Die totale Öffentlichkeit von der Geburt bis zum Tode

Das Berliner Klinikum Vivantes in Friedrichshain hat in einem Teil seiner Geburtenstation Kameras installieren lassen, um diese Multi Rig Documentary zu verwirklichen. Die Idee dahinter: Ein aufwändig gemachter Gegenentwurf zur billig produzierten Scripted Reality. Hier soll eine Echtheit, eine Wahrhaftigkeit entstehen, die nichts zu tun hat mit gecasteten Amateur-Darstellern und vorgeschriebenen Dialogen. Vollautomatische und ferngesteuerte Kameras erzeugen 24 Stunden am Tag Filmmaterial.

Um eine Staffel der englischen Version zu schneiden, mussten die Aufnahmen drei Wochen lang in drei Schichten gesichtet werden. Der technische und personelle Aufwand ist also beträchtlich. Und das wirkt sich auf die Qualität aus. Könnten die verzweifelten Sender hier nicht ein neues Erfolgskonzept finden, um den sinkenden Quoten die Stirn zu bieten?

RTL, die Produktionsfirma Shine Germany und das Vivantes Klinikum wollten diesen Versuch wagen. Obwohl das Gewitter im Feuilleton erwartbar war – und bisher schon beträchtliche Ausmaße angenommen hat: Aufregung, Tumult, Beschwerden folgten. Die Politik griff ein. Heute heißt es, die Klinikleitung habe den Aufsichtsrat nicht informiert. Bis zur nächsten Sitzung wird das Projekt nun ausgesetzt.

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Die Widerspiegelung der Realität?

Wer hier von einer „echten“ Darstellung oder „Authentizität“ spricht, versteht nichts von konstruierten Bildern und deren Wirkung und Wahrnehmung. Ich mache hier den schweren Vorwurf, dass hier die menschliche Existenz in einer intimen Ausnahmesituation ästhetisch inszeniert wird, und diese gedankenlose Verwertung verboten werden sollte. Die Behauptung hier werden „automatische“ Kameras eingesetzt, die rund um die Uhr filmen („Multi Rig Documentary“), dies sei ein objektivierender Film, bedingt durch das Verfahren, weil das Medium nur als Transportmittel für eine Wirklichkeit eingesetzt wird, ähnlich einer Reportage oder Dokumentation, wo das Ereignis nur reproduziert wird, objektiviert wird durch die Wiedergabe der tatsächlich bestimmenden Bedingungen des Vorgangs. Das ist falsch! Das umfangreiche Material erhält später am Schneidetisch eine bestimmte gewählte Dramaturgie, die gemacht wird. Interview-Ausschnitte mit Ärzten, Pflegern, Patienten, die das Geschehen kommentieren, kommen hinzu und werden eingebaut. Es wird zur Inszenierung (auch als eine kostenlose PR-Maßnahme für das Klinikum gedacht). Durch diese Inszenierung wird mit dem Material auch die Erzeugung einer bestimmten Wahrnehmung des Ereignisses, auf eine atmosphärische Stimmung Wert gelegt. Reproduzierend und zulässig wäre eigentlich nur in diesem Zusammenhang der wissenschaftliche Film, der nur für Fachleute bestimmt ist, nicht für die mediale Öffentlichkeit. Dort würden dann real ablaufende Prozesse im Film sichtbar gemacht, mit dem Ziel Erkenntnisse zu gewinnen, um vielleicht eine neue Schmerztherapie oder Techniken zu entwickeln. Hier wird jedoch der Mensch lediglich instrumentalisiert für das Medienprodukt um es marktmäßig zu verwerten, die Protagonisten werden gewissermaßen zur Gebährmaschine für den medialen Vermarktungs-Boom. In einer Zeit, in der der mediale Wahnsinn herrscht, als scheinbar aufgeklärt-zeitgenössisch bis avantgardistisch daherkommt und „verkauft“ wird, kommt man auch bei diesem Thema nicht um die Beantwortung der Frage herum, was ist der Mensch? Was liegt hier für ein Menschenbild vor? Vor dieser Verantwortung kann man sich auch nicht als Journalist(in), als Teil dieses medialen Systems drücken. Das Wesentliche bleibt hier seine kommerzielle ökonomische Struktur. Die Medienprodukte werden als vorläufig kostenlose Werbe-Vorreiter betrachtet. Hat eine Sendung Erfolg (Einschaltquoten), eröffnet sich die Chance für gigantische Vermarktungsstrategien. So werden schon Kinder und Jugendliche zu Gefangenen in einem Konsum- und Mediennetz, mit weitreichenden Folgen für ihr Bild von der Realität, für ihre Phantasien und ihre Selbstkonzepte.
P.S.: Der Verfasser ist nicht in der Medienbranche oder als Pädagoge tätig. Wir Bürger brauchen jedoch inzwischen alle Schutz vor dem Missbrauch durch die Massenmedien, vor diesem ästhetischen Bilderkrieg.

  • Antworten
bernhard jasper04.03.2013 | 08:41 Uhr

kann ich nicht nachvollziehen

Ich stimme dem Autor in seiner Argumentation im Grunde zu.
Da ich selbst noch nie die Gelegenheit hatte eine Geburt zu erleben/zu sehen und es in absehbarer Zeit auch nicht haben werde, wäre eine solche Darstellung doch sehr interessant und bestimmt lehrreich.
Wenn die Beteiligten dabei in einem ihnen angenehmen Rahmen präsentiert werden, sehe ich da auch nichts entwürdigendes oder entmenschlichendes.
Im Gegenteil, ich kann mir vorstellen das es Leute gibt die das sogar mögen und sich geschmeichelt fühlen würden.

Mir scheint eher die Position alles schönmalen zu wollen und partout in einer rosagrünen Scheinwelt leben zu wollen entfremdend und unmenschlich. Lächerlich ist doch dass das mittlerweile als "natürlich" deklariert wird.

  • Antworten
Hans Wurst04.03.2013 | 10:09 Uhr

Dem "CICERO"

habeich ein anderes Niveau unterstellt. Allein der Sender RTL steht nun wohl nicht gerade für ein seriöses Medium. Für Frau Amrhein scheinen auch Sendungen á lá "Dschungelcamp" irgendeinen Wert zu besitzen. Eine Klinik, die mit RTl zusammenarbeitet, ddürfte sich selbst disqualifizieren. Es gibt heute eine Reihe von Menschen, die jeden auch noch so intimen Lebensbereich "enttabuisieren" wollen. Und wenn diese Menschen in Millionen zu bemessen sind: Auch Millionen können irren. Eine Mehrheit für diese Art Voyerismus scheint es mir in Deutschland für solche Art "Brot und Spiele" noch nicht zu geben, noch nicht einmal im sogenannten Prekariat. Es gibt wesentlich andere lebensbereiche, auf denen Progressivität nötig wäre.

  • Antworten
Bambus0704.03.2013 | 12:54 Uhr

Ich kann mich "Bambus07" nur

Ich kann mich "Bambus07" nur anschliessen. Das ist eine ausgesprochen merkwürdige Haltung der Autorin. Seriöse Geburtsdokumentationen gibt es schon lange, ebenso auch von Sterbebegleitung. Es ist in keiner Weise notwendig, solche Themen über die wenig geschmackvollen und vor allem wenig informativen Privatsender zu verramschen. In dem Fall ist es mir eigentlich auch egal, ob es den Beteiligten recht wäre.
Die Vorstellung, die Geburt eines Kindes vor Chips essenden "Boah, ey, voll krass"-Jugendlichen im Fernsehen zu zeigen, finde ich nur widerlich.

  • Antworten
Clara05.03.2013 | 17:28 Uhr

Meine Güte,

gleich vom Untergang des Abendlandes zu sprechen, weil sich Menschen einverstanden erklärt haben, sich bei der Geburt ihres Nachwuchses filmen zu lassen.
Eine gut gemachte Doku darüber hat doch nichts mit Dschungelcamp oder anderen RTL-Sendungen zu tun. Wo soll denn da bitte der Tabubruch sein? Würde die gleiche Sendung auf Arte gezeigt, fände sie bestimmt mehr Beifall. Lächerlich sich in Zeiten von Internet und youtube wegen ein paar Entbindungen so derartig aufzuregen.

  • Antworten
shandi06.03.2013 | 09:43 Uhr

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