„Babyboom“ - Die depperte Empörung über RTLs Geburten-Doku

Ein Berliner Klinikum und der Privatsender RTL planen mit „Babyboom - Willkommen im Leben“ eine Dokumentation über Geburten. Die Empörung ist gewaltig - und völlig überflüssig

RTLs „Babyboom - Willkommen im Leben“: Der intimste Moment. Warum ihn nicht teilen?
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Können wir uns dann vielleicht mal wieder beruhigen? Bei dem ganzen Geschrei über den Untergang des Abendlandes versteht man nämlich sein eigenes Wort nicht mehr. Was eigentlich schade ist. Denn wer nicht mehr miteinander spricht, der versucht auch nicht mehr zu verstehen, horcht weder in sich hinein noch kann er hören, was andere zu sagen haben.

Dabei gibt es ein paar Ideen, die es durchaus Wert sind, aufgegriffen zu werden. Zum Beispiel das Konzept der englischen Dokumentation „One Born Every Minute“, das mit dem Preis der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst ausgezeichnet wurde. Frankreich und Amerika haben die Sendung bereits erfolgreich adaptiert – nun sollte Deutschland nachziehen. [gallery:Die totale Öffentlichkeit von der Geburt bis zum Tode]

Das Berliner Klinikum Vivantes in Friedrichshain hat in einem Teil seiner Geburtenstation Kameras installieren lassen, um diese Multi Rig Documentary zu verwirklichen. Die Idee dahinter: Ein aufwändig gemachter Gegenentwurf zur billig produzierten Scripted Reality. Hier soll eine Echtheit, eine Wahrhaftigkeit entstehen, die nichts zu tun hat mit gecasteten Amateur-Darstellern und vorgeschriebenen Dialogen. Vollautomatische und ferngesteuerte Kameras erzeugen 24 Stunden am Tag Filmmaterial.

Um eine Staffel der englischen Version zu schneiden, mussten die Aufnahmen drei Wochen lang in drei Schichten gesichtet werden. Der technische und personelle Aufwand ist also beträchtlich. Und das wirkt sich auf die Qualität aus. Könnten die verzweifelten Sender hier nicht ein neues Erfolgskonzept finden, um den sinkenden Quoten die Stirn zu bieten?

RTL, die Produktionsfirma Shine Germany und das Vivantes Klinikum wollten diesen Versuch wagen. Obwohl das Gewitter im Feuilleton erwartbar war – und bisher schon beträchtliche Ausmaße angenommen hat: Aufregung, Tumult, Beschwerden folgten. Die Politik griff ein. Heute heißt es, die Klinikleitung habe den Aufsichtsrat nicht informiert. Bis zur nächsten Sitzung wird das Projekt nun ausgesetzt.

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Allerdings gehe man davon aus, dass das Projekt weiterlaufen könne, sagen RTL und die Klinikleitung übereinstimmend. Alle klinischen und juristischen Fragen seien längst geklärt, die ersten Geburten sind abgefilmt. Paare zu finden, die ihre Niederkunft vor der Kamera zeigen möchten, war offenbar kein Problem.

Und in der Tat wirkt der Vorwand, man müsse noch einmal klären, inwiefern die Rechte der Kinder und Mitarbeiter verletzt werden, arg konstruiert. Wie sonst ließe sich erklären, dass wir uns hier, hier und hier durch die Fotos etlicher Neugeborener klicken können? Klar ist schon lange, dass Mitarbeiter des Krankenhauses sowie die Eltern vor den Filmaufnahmen um Erlaubnis gefragt wurden: Wer nicht will, der wird auch nicht gefilmt. [gallery:Die totale Öffentlichkeit von der Geburt bis zum Tode]

Bei der ganzen Debatte aber tritt noch ein weiteres Problem zu Tage, das vielleicht viel schwerwiegender ist: Tabubrüche sind dem Privatfernsehen vorbehalten, während die öffentlich-rechtlichen Sender vor sich hin schnarchen. Und so manifestiert sich dieses Missverständnis über Emotionen und Tabubrüche im TV und schlägt sich in unserem Fernsehangebot nieder.

Dabei wäre es durchaus interessant zu erfahren, wie andere Menschen ihre Kinder erziehen. Was wir nicht sehen wollen, sind kleine Kinder, die in verwahrlosten Wohnungen aufwachsen und von ihren Eltern verbal misshandelt werden. Auch eine Sendung, die Bauern beim Anbändeln über die Schulter sieht, wäre doch großartig. Wenn die Beteiligten nicht ihrer Würde beraubt in hässlichen Unterhosen und bei Mami am Küchentisch bloß gestellt würden. Und mindestens genauso interessant wäre es, Männer und Frauen bei den Herausforderungen einer Geburt zuzuschauen. Wenn die Darstellung echt wäre. Authentisch. Glaubhaft. Multi Rig Documentary wäre diese Chance.

„Beim nächsten Mal sind wir dann beim Tod live dabei“, hieß es zur Debatte um die Baby-Doku effekthascherisch vom Grünen-Politiker Heiko Thomas. Aber wäre das denn wirklich das Schlechteste?

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