Dennis Hopper hatte viele Talente, eines war die Fotografie: Derzeit ist im Berliner Gropius-Bau eine Auswahl von 400 Bildern aus den 1960er Jahren zu sehen. Sie geben Einblicke in das bunte Durcheinander dieser Zeit
Oh, diese großen Schuhe: Sind sie vom Vater geschenkt oder vom Nachbarn geklaut? Sie machen den kleinen Jungen nicht größer, aber er fühlt sich groß, wie er so zielstrebig die Hauswand entlang marschiert. Eine Beobachtung in Mexico.
Dieses Foto ist eines der unzähligen Bilder die der amerikanische Schauspieler, Regisseur und Maler Dennis Hopper als Fotograf zwischen 1961 bis 1967 machte. In Los Angeles, New York, Mexico, Peru, wo er gerade war. 400 Fotos stellte er 1969/70 für seine erste Ausstellung im Fort Worth Art Museum in Texas zusammen. Danach verschwanden sie in Kisten und wurden vergessen. Erst nach Hoppers Tod 2010 tauchten sie erneut auf, flogen nach Berlin, und sind nun im Dachgeschoss des Martin-Gropius-Bau zu besichtigen.
400 Vintage-Prints, klein, schwarz-weiß, ordentlich hängen sie an nackten Wänden wie Augenzeugen, die darauf warten, endlich Bericht zu erstatten, wie es damals war im Amerika der Sechziger. Ein buntes Durcheinander wars: barbusige Mädchen, zahnlose Hell`s Angeles, tanzende Hippiemädchen, Künstlerfreunde, Stierkampf, Rodeo, Kinder, Werbeplakate, Graffitis. Jedes Bild ein Augenblick im Lebensfluss. Martin Luther King jr. am Rednerpult, John F. Kennedys Beerdigung am Fernsehen. Und zu Hause bei Hopper balanciert die Tänzerin auf dem Schimmel und lacht der Clown – Hopper war auch Kunstsammler.
Die Schauspielerin Brooke Hayward, seine damalige Frau, hatte ihm eine Nikon zu seinem 25. Geburtstag geschenkt. Und er fotografierte wie ein Verrückter, weil er dann auch nicht mit jedem reden musste. Ausnahme waren die Pop-Art Künstler, seine beste Kunden. Als Künstler und Sammler kannte Hopper die Kollegen: Robert Rauschenberg, Andy Warhol, David Hockney, James Rosenquist. Kaliforniens aufstrebende, junge Kunstszene erschien in Anzug und Krawatte – linkisch, frech, selbstbewusst. Der schönste unter ihnen aber war Jasper Jones.
Roger Vadim und Jane Fonda heirateten entspannt in Las Vegas, der Modeschöpfer Rudi Gernreich hatte gerade den Oben-ohne-Look erfunden, Paul Newman ließ seinen nackten Oberkörper vom Schatten eines Gitterzauns bespielen, Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, immer wieder trifft man auf Bekannte.
Die Fotos sind unglaublich lebendig. Sie zeigen was sie zeigen und man sieht, was man sieht. Psychologische Tiefendeutung, kunsthistorische Erklärungen, kann man vergessen. Hopper fotografierte wie ein Maler flach ohne Perspektive. Alles was seine Neugier erregte veranschaulichen seine Fotos.
1969 legte Hopper seine Nikon beiseite. Zusammen mit Peter Fonda und Jack Nicholson drehte er den Kultfilm „Easy Rider“. Im Rahmen der Ausstellung wirkt der Film wie eine Weiterentwicklung der Fotos nur sind sie jetzt bunt, bewegen sich und sprechen. Das Filmende ist schrecklich. Zwei Südstaatler knallen Billy (Dennis Hopper) und Wyatt (Peter Fonda) ab wie Kaninchen, das letzte Bild der Himmel. Nachdenklich verlässt man die Ausstellung: Sind die besseren Jahre vorbei?
Dennis Hopper „The Lost Album“, Berlin Martin-Gropius-Bau, bis 17. Dezember, empfehlenswerter Katalog 24 Euro











