Querfront - Antiwestliche Ressentiments sind in der Mitte angekommen

Kolumne Grauzone: Während Deutschland die Rechtsextremen fürchtet, hat sich eine Bewegung formiert, die Ansätze linker und rechter Ideologien kombiniert: die Querfront. Mit ihren antiwestlichen und antiliberalen Ressentiments erreicht sie frustrierte Bürger

Demonstranten tragen am 19.10.2015 in Dresden (Sachsen) ein Plakat mit der Aufschrift "Merkel muss weg".
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig.

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Pegida spaziert wieder. Die Stimmung im Land ist gereizt. Glaubt man den Umfragen, ist die Mehrzahl der Deutschen mit der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung eher unzufrieden – vorsichtig formuliert.

Beobachter warnen zunehmend vor „rechtem Gedankengut“. Was genau damit gemeint ist, bleibt häufig unklar und hängt mitunter auch vom Standpunkt des Betrachters ab. Die Fokussierung auf „rechtes Gedankengut“ hat in jedem Fall historische Gründe.

Hinzu kommt: Es gibt eine militante extreme Rechte, die das politische System der Bundesrepublik ablehnt, die gewaltbereit ist und Menschenleben bedroht. Es wäre ein Wunder, wenn diese Leute angesichts der politischen Stimmungslage im Land nicht Morgenluft wittern würden.

Rechtsextremismus ist esoterisch
 

Um aber als politische Strömung erfolgreich zu sein, bedarf es mehr, als ein Thema zu haben, das punktuell die Gesellschaft umtreibt. Es bedarf eines ganzen Themenkomplexes, geballter Ressentiments oder auch einer gemeinsamen Aufbruchstimmung. Ein gutes Beispiel dafür ist der Linksextremismus der 60er bis 80er Jahre. In ihren besten Jahren repräsentierte die damalige Linke ein Lebensgefühl, das von der Popmusik über die Mode bis zum Sex reichte und die Aura unbedingter Modernität hatte.

All das geht dem Rechtsextremismus zwar ab. Den Intelligenteren der Szene ist das aber schon aufgefallen, weshalb man sich bemüht, nach und nach kulturelle Diskurse zu erobern. Noch funktioniert das nicht.

Bündelung weit verbreiteter Feindbilder
 

Stattdessen formiert sich seit Jahren eine Bewegung, die Versatzstücke linker und rechter Ideologien kombiniert und sie anschlussfähig für Teile des von den etablierten Parteien enttäuschten Bürgertums macht: die Querfront.

Neu ist das Querfront-Phänomen nicht. Schon in den 20er Jahren fantasierten einige Nationalbolschewisten von einem Bündnis von KPD und NSDAP, und auch Teile der Nouvelle Droite dachten in den 80er Jahren in entsprechenden Koalitionen.

Anders als ihre historischen Vorläufer gelingt es der aktuellen Querfront-Bewegung jedoch erfolgreich – das zeigt auch eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung –, weit verbreitete, gesellschaftlich etablierte Feindbilder zu bündeln. Dies sind: ein massiver Antiamerikanismus, Überfremdungsängste und eine radikale Kritik an der Globalisierung, dem „Neoliberalismus“ oder der „Finanzmafia“.

Erklärter Hauptfeind sind die USA, die für so ziemlich alle Übel der Welt verantwortlich gemacht werden – von der Eurokrise bis zur Flüchtlingskrise. Die westlichen politischen Eliten werden als willfährige Büttel Washingtons und der New Yorker „Bankenmafia“ dargestellt. Von den „Systemmedien“ werden diese Tatsachen bewusst verschwiegen. Man verehrt Putin und glaubt dem kremlgesteuerten Propagandasender „Russia Today“ (RT).

Mit aufklärerischem Appell an intellektuelle Eitelkeit
 

Vermeintliche Protagonisten der Szene sind unter anderem der ehemalige „konkret“-Redakteur Jürgen Elsässer, der das Magazin „Compact“ herausgibt, der frühere rbb-Mitarbeiter Ken Jebsen, der einstige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte. Man veröffentlicht auf eigenen Video-Portalen, im für sein Esoterikprogramm berüchtigten Kopp-Verlag und gibt sich bei RT die Klinke in die Hand.

Unter normalen Umständen könnte man dieses Phänomen als ein Sammelbecken kruder Verschwörungstheoretiker abtun. Doch wir leben nicht unter normalen Umständen. Was den Querfront-Ansatz so gefährlich macht, sind die massiven antiliberalen und antiwestlichen Ressentiments, die er bedient und die bis weit in bürgerliche Wählerschichten hinein verbreitet sind. Die Querfront ist – anders als Links- und Rechtsextremismus – in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Doch die Querfront-Ideologie greift nicht nur gefühlte Gewissheiten auf. Der gefährliche Reiz ihrer Rhetorik liegt darin, sich aufklärerisch zu geben und im Namen des gesunden Menschenverstandes zu sprechen, gegen die korrupten Eliten. Auf subtile Weise appelliert man so an die intellektuelle Eitelkeit des mündigen Bürgers: sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und das zu durchschauen, was die Mächtigen verschweigen.

Was dagegen hilft? Ganz einfach: Offenheit. Wer jedoch den Eindruck erweckt, es gäbe unerwünschte Meinungen, die medial sanktioniert würden, der erzeugt das Treibhausklima, in dem solch brisanter Unfug prächtig gedeiht.

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