Die Ich-Erzählerin leidet unter der Distanziertheit ihrer Mutter, die auf dem Sterbebett liegt. Ein letztes Mal rückt sie ihr auf die Pelle, indem sie die Biografie der Mutter zu Geschichten formt. Annette Pehnt entwirft in ihrem Roman „Chronik der Nähe“ eine Genealogie weiblicher Verhaltensweisen
Der Satz, den die Ich-Erzählerin am Krankenhausbett ihrer Mutter Anne ausstößt, ist in ihrer Familie „wortgewaltiger, redseliger“ Frauen die ultimative Drohung: „Wenn du nichts sagst, mache ich es für dich.“ Nie hätte die Mutter ihr das durchgehen lassen, läge sie nicht während jener Woche, die Annette Pehnts Roman „Chronik der Nähe“ umfasst, bereits im Sterben.
Für die Tochter, Generationsgenossin der 1967 geborenen Autorin, fühlt sich die abgebrochene Kommunikation jedoch wie die Fortsetzung jener Distanziertheit an, unter der sie immer gelitten hat.
Sie erinnert sich, wie sie als Kind zur Belohnung einmal die Handtasche ihrer Mutter aufräumen durfte: „Es waren nicht die Sachen, die mich beglückten, es war das Öffnen der Tasche: Ich klappte sie auf und sah hinein, nun war sie für mich geöffnet, ein privater Eintritt, selten gewährt.“
Ab und zu erlaubt die unter Migräne leidende Mutter eine Fuß- oder Rückenmassage, aber es gibt keine alltäglichen Umarmungen oder Liebesversicherungen. Ihre eigene Mutter hatte dem jungen Mädchen eine Überdosis davon aufgezwungen, verbunden mit regelmäßiger emotionaler Erpressung inklusive theatralischer Sterbe-Drohung.
Fast wirkt es, als rücke ihr nun, da sie sich nicht mehr wehren kann, die Tochter ein letztes Mal etwas zu dicht auf den Pelz, indem sie ihre Drohung wahr macht und die Biografie der Mutter unautorisiert zu hier nachlesbaren Geschichten in der dritten Person formt.
Oder ist es vielmehr die Autorin, die den Leser hinter dem Rücken der Ich-Erzählerin mit Details aus Annes Leben versorgt, von denen diese ihrer Tochter nicht berichten wollte? Die sonst so Eloquente war immer dann verstummt, wenn sie nach ihrer Kindheit und Jugend mit der Großmutter gefragt wurde. „Ja, es war – also schön war es nicht, aber schlimm auch nicht, es war –?“.
Selbst ein Besuch im Heimatort führt lediglich zu einem Migräne-Anfall, nicht zur Annäherung an die Familiengeschichte. Nicht, dass dort dunkle deutsche Geheimnisse lauern würden – Opa war kein Nazi, sondern ein älterer Kunstmaler, der kurz nach Ausbombung und Kriegsende in einem niederrheinischen Mohnfeld am Herzinfarkt stirbt.
Die Großmutter hält sich als Kaltmamsell und durch Bratkartoffelverhältnisse über Wasser. Anne gibt den Jungs Nachhilfestunden in Diversem, wird eine hervorragende Sekretärin und Übersetzerin und findet schließlich „den Richtigen“. Ihre Tochter hat, obwohl ängstlich und „bookish“, keine düstere Kindheit, sie wird versorgt, behütet und unterstützt. Allerdings nicht lautstark geliebt.
Inzwischen hat auch sie zwei kleine Töchter – und wird in deren Augen ebenfalls Fehler machen, ganz sicher.
Ob komplizenhafte Freude, übergriffige Neugier, manipulative Schmeicheleien, uralte Vorwürfe oder Machtspielchen, für die man sich eigentlich zutiefst schämt: Jede dieser sich durch die Generationen ziehenden, einander spiegelnden Facetten im Verhältnis von Müttern und Töchtern beschreibt Annette Pehnt in ihrem feinen, knappen Stil punktgenau.
Annette Pehnt: Chronik der Nähe. Piper, München 2012, 224 Seiten, 13,99 Euro











