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Sopranistin Annette DaschDie schöne Diva, Berliner Art

Von Eva Gesine Baur4. August 2011
picture alliance
Annette Dasch, Sopranistin, Oper, Diver, Berlin, Bayreuth, Festspiele
Sopranistin Annette Dasch trat bei den Bayreuther Festspielen auf
Schrift:

Auch als Weltstar bleibt die Sopranistin Annette Dasch dem Stil ihrer Heimatstadt Berlin treu – genauer: dem Stilbruch. Energisch befreit sie die Oper vom Ruf des Elitären und wirbt mit Undergroundfrische für erhabene Kunst. Ende Juli tritt sie bei den Bayreuther Festspielen auf

Wenn die Zukunft der Oper aussieht wie Annette Dasch, haben historistische Ausstattungsorgien auf der Bühne und die Abenddirndl im Publikum ausgedient. Zwar begann ihr unaufhaltsamer Aufstieg im Jahr 2000, als sie den Maria-Callas-Wettbewerb in Athen gewann. Doch die Diva assoluta scheint nicht ihre Stilikone zu sein. Dasch betritt das Café Prückl in Wien, Durchgangsstation ihres straffen Reiseplans, in kurzen Hosen und einem grasgrünen Oberteil mit gepunkteter Schleife an der linken Schulter. Die Beine sind sonnengebräunt, die dunkelblonden Locken wie zufällig zusammengebunden, an den Ohren baumeln fingernagelgroße Origamielefanten in Ferkelrosa.

Der Stilbruch gehört für Annette Dasch zum guten Stil. Und doch ist die Tochter eines Jugendgefängnisdirektors, geboren und aufgewachsen in Berlin, die Dachdeckerin oder Rockstar werden wollte und an freien Wochenenden mit den Geschwistern ums Lagerfeuer saß, eine Verfechterin der Oper, die deren Meuchelmörder das Fürchten lehren kann.

Dass die Opernkrise ausgerechnet in Italien, dem Geburtsland der Oper ausgebrochen ist, macht sie fassungslos. „Jeder in Italien kann bekannte Verdi-Arien auswendig mitsingen. Für mich ist es total unverständlich und sehr traurig, dass der Aufschrei dort nicht lauter ausfällt.“ Ministerpräsident Silvio Berlusconi stimmte das vermutlich fröhlich, bestätigt es doch seine Sicht der Dinge. Als überzeugter Schaumschläger der TV-Seifenoper hält der Multimilliardär die klassische Oper für sinnlose Verschwendung und arbeitet, sparsam wie er ist, an ihrer Beseitigung. Was würde Annette Dasch ihm sagen, säße sie mit ihm an einem Tisch? „Die Verlockung, ihm einfach ein Getränk über den Kopf zu schütten, wäre zu stark.“

Doch denkt sie an Deutschland in der Nacht, ist sie ebenfalls um den Schlaf gebracht. Dass hier kleinen Häusern zunehmend die Schließung droht, es also bald Regionen geben wird, die ganz ohne Theater auskommen müssen, findet sie „katastrophal und typisch für Politiker, die nicht über ihre Amtszeit hinausdenken“. Dasch singt nicht nur an der New Yorker Metropolitan Opera und dem Münchner Nationaltheater, im Teatro Real in Madrid und in der Dresdner Semperoper, sondern eben auch in Celle und Hannover.

Es scheint, als habe ausgerechnet Annette Dasch, geprägt von der Stadt der Schnoddrigkeit, verstanden, woran viele von uns leiden: an einem Pathosdefizit. Und dass die Oper es besser als jede andere Form der Kunst vermag, jenen Wunsch nach dem Ergriffenwerden zu befriedigen. Ihr monatliches Abendprogramm „Annettes Daschsalon“ im Berliner Kunstraum Radialsystem, das auch auf 3sat übertragen wird, beweist ihren Instinkt eben dafür. Als dort Freiheit das Thema war, bat sie spontan alle Anwesenden mal aufzustehen und den Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ zu singen, begleitet von der Salonière auf ihrer Pfadfinderklampfe. „Es war ein bewegender Moment für jeden im Raum“, sagt sie.

Berlin kittet seine Brüche und Risse nicht. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es die Dasch als echte Berliner Opernsängerin, auch wenn sie neuerdings der Liebe wegen in Frankfurt lebt, riskiert, die titelgebende Partie in Liszts „Legende von der Heiligen Elisabeth“ ebenso zu übernehmen wie die furienhafte Rolle der Sarazenenprinzessin Armida, ob von Gluck, Händel oder Haydn vertont, dass sie Volkslieder einspielt und zugleich die großen Mozart-Arien, dass sie bei den Bayreuther Festspielen, wo sie sich „wie ein Alien“ fühlt, die schicksalhafte Elsa singt und sich für die Münchner in die mädchenhafte Pamina verwandelt.

Über die vermeintlichen Widersprüche zerbricht sie sich nicht den Kopf. Taugte ihre Stimme für Death Metal, wäre das morgen dran.

Die Karriere der Annette Dasch verlief reibungslos, ihr Gesicht auf den Covers und offiziellen Fotos ist so makellos, wie es ihr Auftritt in silbrig glänzender Robe bei der Echopreis-Verleihung war. Und jenes öffentliche Bild ist keineswegs von Marketingstrategen konzipiert worden. An ihre Imagegestaltung lässt die Dasch keinen ran, doch in durchaus berlinerischem Pragmatismus bedient sie den Ikonenbedarf genau so weit, wie für den Abverkauf nötig. Angebote, sie zum blonden Gegenmodell und -model der Netrebko zu gestalten, fegte sie sofort vom Tisch. Zehn Kilo abzunehmen, um ins nach fremden Maßen geschneiderte Stardesign zu passen? Abwegig! Anpasserisch zu sein, ist mörderisch für Kunst und Künstler.

Auch dass etwa in New York Oper in gräten- und knochenfreien Gefälligkeitsinszenierungen serviert wird, damit sie von einspruchsberechtigten Sponsoren widerstandslos konsumiert werden kann, bedeutet für Annette Dasch einen Anschlag auf das Leben der Oper.

Modernes Regietheater, in Amerika als Euro-Trash abgetan, hält sie für eine Zukunftsversicherung. „Deutschland ist nicht nur wegen der Tradition Opernland Nummer eins, sondern weil man hier Lust hat, in Tiefen und Abgründe zu blicken.“ Unverzichtbar sei es, „dass das Theater der eine Ort ist, wo man eben nicht für dumm verkauft wird. Wo man nicht auf seine Eigenschaften als Konsument mit potenzieller Kaufkraft reduziert und in eine Quotenschublade gesteckt wird.“

Viele Opernstars geben zu, hätten sie die Wahl, kein zweites Mal diese Laufbahn einzuschlagen. Auch Annette Dasch kennt jene Stunden, wo sie fern der Heimat aus dem Jubel in die Einsamkeit eines Hotelzimmers abstürzt. Dann liest sie deutsche Bücher oder hört Deutschlandradio Kultur – „gegen Heimweh“. Sie dreht an ihrem Siegelring. Er zeigt den Berliner Fernsehturm. Heimweh ist ein durchaus opernreifes Gefühl.

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