Angela Merkel im Fußball-Fieber - Lizenz zum Ranwanzen

Ein Selfie mit Lukas Podolski, ein Besuch in der Kabine der deutschen Elf: Bei jedem anderen Regierungschef bestünde akute Shitstorm-Gefahr. Angela Merkel aber kann es sich leisten. Mehr noch: die PR-Inszenierung schmeichelt ihrem Image.

Angela Merkel besucht nach dem Spiel die Nationalmannschaft in ihrer Kabine.
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Christoph Seils ist Ressortleiter „Berliner Republik“ von Cicero. Im Januar 2011 ist im wjs-Verlag sein Buch Parteiendämmerung oder was kommt nach den Volksparteien erschienen.

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Die Frau kann es sich mittlerweile offenbar leisten. Der Mittlere Ostern versinkt im Chaos, in der Ukraine droht ein Bürgerkrieg und in der EU werden die Krisen-Signale wieder lauter. Die Parteien der Großen Koalition streiten über den Mindestlohn. Der Bundespräsident und die Verteidigungsministerin bereiten die Deutschen gerade auf neue Auslandseinsätze der Bundeswehr vor. Dass es immer noch keinen neuen Präsidenten der EU-Kommission gibt, sei nur am Rande bemerkt.

Und was erlauben Merkel? Die Kanzlerin jettet im Regierungsflieger um die halbe Welt, um in Brasilien ein - zugegeben - nicht ganz unwichtiges Fußballspiel anzuschauen. Sie sitzt im Signalfarben-roten Blazer auf der Tribüne und wirkt neben dem grauen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter wie ein Jungbrunnen. Bei jedem der vier Tore jubelt sie wie immer mit steifer Lockerheit, aber auch das gehört mittlerweile zum Merkel-Image. Irgendwie sieht es doch niedlich aus, wie die Kanzlerin ihre Puffärmchen in die Höhe reckt. Gleich nach dem Sieg der Deutschen gegen Portugal eilt die Kanzlerin in die Kabine der siegreichen Elf, obwohl einige Spieler noch unter der Dusche stehen. Sie lässt sich mit den schwitzenden und teilweise noch halb nackten Helden fotografieren. Die Nation jubelt.

Fast scheint es, als könne sich die Kanzlerin mittlerweile in der Tat alles erlauben. Das Selfie mit Ergänzungsspieler Lukas Podolski erobert die sozialen Netzwerke. Das Gruppenfoto mit Mutti im Kreise der Helden von Salvador da Bahia ebenso. Die PR-Inszenierung gelingt. Selbst das Blazer-Rot passt Trainingsanzug-Rot des DFB. Dazu sprechen die Fußballmoderatoren vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, für die professionelle Distanz eh ein Fremdwort ist, nicht mehr von Frau Dr. Merkel, sondern nur noch von „Angie“. Auf dem Weg von der Tribüne der Arena Fonte Nova in die Katakomben wird aus der mächtigsten Frau Europas eine Kumpeline. Poldi, Jogi, Angie  – Angela Merkel ist endgültig in der Popkultur angekommen. Schwäbische Hausfrau war gestern.

Ranwanzen erlaubt

Man stelle sich einmal vor, Gerhard Schröder wäre noch Bundeskanzler. Die Zeitungen wären voll mit hämischen Kommentaren über einen Regierungschef, der sich an die Spieler ranwanzt. Bei Twitter würde man sich über Gerd „Acker“ Schröder auslassen, den mäßig talentierten ehemaligen Mittelstürmer des TuS Talle. Die BILD-Zeitung ließe einen Experten penibel vorrechnen, was die Lustreise nach Brasilien den Steuerzahler gekostet hat. Und für den ZDF-Moderator Oliver Welke bliebe der Herr Bundeskanzler der Herr Bundeskanzler.

Wie wäre es bei François Hollande, bei David Cameron oder bei Matteo Renzi? Keine noch so perfekte PR könnte jeden Fallstrick eines Kabinenbesuches bei einer Truppe testosterongeladener Jungspunde vorhersehen. Keiner dieser mächtigen Männer könnte sich eine solche Inszenierung im Fußballmilieu ohne akute Shitstorm-Gefahr leisten.

Merkel kann es sich leisten und das liegt daran, dass ihre Regentschaft nach der Bundestagswahl in eine neue Phase eingetreten ist. Die Bundeskanzlerin schwebt in eigenen politischen Sphären, sie spielt in der Innenpolitik mittlerweile nach Regeln, die nur für sie gelten. Erst war sie einfach nur eine Kanzlerin, die solide und verlässlich regierte, sich in der ersten Großen Koalition in der Finanz- und Eurokrise als Krisenmanagerin bewährte. Anschließend profilierte sich Merkel als schwarz-gelbe Kanzlerpräsidentin, die über dem kleinkarierten Parteiengezänk zwischen CDU, CSU und FDP stand. Den Bundestagswahlkampf 2013 gewann sie mit einer einzigen Geste, die den Wählern ohne Worte vermittelte: „Ihr könnt mir vertrauen“. Die Merkelraute wurde zu ihrem ganz persönlichen Markenlogo. Das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen der 2. Großen Koalition nickte sie am Ende nur noch ab. Inzwischen ist sie – Poldi sei Dank - auf dem besten Wege zum Popidol. Wenn die Jungs weiter eifrig siegen, will Mutti Merkel zum Finale in Rio de Janeiro wieder kommen.

Die Kanzlerin arbeitet weiter an der eigenen Legende. Fürs Regieren sind derweil andere zuständig.

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