Andrzej Stasiuk schickt zwei polnische „Könige des Plunders“ dorthin, wo der Osten besonders wild ist
Nach Süden! In seinem Essay „Mein Europa“ hat der polnische Romancier Andrzej Stasiuk einmal begründet, warum es ihn immer wieder in diese Richtung zieht. Wenn er seinen Wohnort Wolowiecz in den Niederen Beskiden verlässt, nimmt der reiselustige Schriftsteller, Jahrgang 1960, gern den „Fluchtweg, der nach Süden führt, weil Osten und Westen von ihren entarteten Schwestern besetzt wurden und meine ausgehungerte Seele dort nichts zu finden vermag“.
Man tut also Stasiuks neuem Roman „Hinter der Blechwand“ kein Unrecht, wenn man ihn als ein weiteres literarisches Resultat dieser Suchbewegung weg von der Mitte interpretiert – so, wie er sie schon in seinem Roman „Die Welt hinter Dukla“ (2000) erprobte. Wenn in seinem neuen Werk Wladek und Pawel, die „Könige des Plunders“, wie sich zwei polnische Klamotten-Händler nennen, eines Tages ihren ausrangierten Müll zusammenpacken und sich nicht etwa nach Berlin, sondern dorthin aufmachen, wo die Leute „noch ärmer sind“, folgen sie der ideologischen Himmelsrichtung ihres Erfinders.
„Hinter der Blechwand“ ist nicht zufällig eine road novel. Schließlich ahmt für Stasiuk die Literatur „die Geografie nach“ und setzt sich „aus Blicken aus dem Auto“ zusammen. Und so besteht der Roman vor allem aus Bewusstseinssplittern und traumhaft erfassten Landschaften, wenn der italienische Kleinlaster der beiden Männer Kurs auf die Karpaten nimmt: in das Vierländereck zwischen der Slowakei, Ungarn, Rumänien und der Ukraine, einer zivilisationsarmen Grauzone aus Monokulturen, verlassenen Geisterstädten und staubigen Ebenen.
Stasiuk bedient auch in diesem Buch das Klischee vom wilden Osten, in dem Menschenhandel und illegale Mülltransporte an der Tagesordnung sind. Und er folgt einer binären Logik, wenn er seinem Ich-Erzähler Pawel gestattet, gegen das „Land der abertausend Spiegel“ (wie der Autor einmal die Welt zwischen Wien und London charakterisiert) seinen Gefühlen für eine Region freien Lauf zu lassen, die in „Dunkelheit und Schlamm“ versinkt. Trotzdem gelingt ihm mit seiner schwermütigen Liebe zum Randständigen und Hässlichen die eindrucksvolle literarische Selbstbehauptung der Welt jenseits von Brüssel.
Verglichen mit der drastischen Sprache, mit der Stasiuk in seinem Debütroman „Die Mauern von Hebron“ (2003) berühmt wurde, ist „Hinter der Blechwand“ trotz einiger solcher Szenen der verschwiemelten Männerfreundschaft, die er darin vorführt, und einem tödlichen Showdown eine Übung in verhaltener Melancholie. Denn die Zeit dieser armen, aber authentischen Welt aus schlechtem Essen, billigen Kosmetika und Kette rauchenden Ganoven läuft ab. Am Ende ihrer Reise, die sich zu einer Flucht auswächst, landen Wladek und Pawel zwar in Istanbul. Doch immer, wenn unterwegs in irgendeinem Kaff dieser „chinesische Ramsch“ auf den Märkten herumliegt, der nach Klebstoff und Gummi stinkt, wird ihnen klar, woher die neuen Herren kommen: Aus einem noch ferneren Osten.









