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 > Der dichtende Tarzan am Prenzlauer Berg

Salon
Adolf Endler

Der dichtende Tarzan am Prenzlauer Berg

von 
Joachim Sartorius
10. Januar 2012
picture alliance
Adolf Endler, Joachim Sartorius, Santiago
Adolf Endler war für viele der dichtende „Tarzan am Prenzlauer Berg“

Adolf Endler gilt im Rückblick als geistreiche, ironische und auch etwas schrullige Vaterfigur der jüngeren DDR-Autoren.

Santiago
Adolf Endler

Sie mussten sich auf den Boden
    des Stadions legen
Arbeiter
Schubkarren mit Steinen gefüllte
Rollte man über sie weg
Proletarier
Um ihnen das Rückgrat zu brechen
Über sie weg

Ich hefte den Durchschlag dieser Notiz
    in all meine Mappen
Bei jeder Arbeit muss ich sie
    wiederfinden

Sie mussten sich auf den Boden
    des Stadions legen
Arbeiter
Schubkarren mit Steinen gefüllte
Rollte man über sie weg
Proletarier
Um ihnen das Rückgrat zu brechen
Über sie weg

Aus: „Das Sandkorn. Gedichte“, Mitteldeutscher Verlag, 1974

 

Im Jahr 1973 stürzte Augusto Pinochet die Regierung des demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Allende kam unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben. Das große Sportstadion in Santiago de Chile diente als Konzentrationslager für Tausende von Gegnern des neuen Regimes. Auf diese historische Situation bezieht sich das Gedicht von Adolf Endler, das die Brutalität der Bewacher und die Leiden der Inhaftierten in einem knappen Bericht veranschaulicht.

Die Beschreibung zeichnet sich zunächst durch Nüchternheit aus, doch die gewinnt schon in der ersten Strophe durch die Brechung der Sätze und das wiederholte „über sie weg“ eine große Intensität. Indem Endler diese „Notiz“ in alle seine Mappen legt, will er diesen schrecklichen Vorgang im Bewusstsein halten und nicht mehr vergessen. Wie zur Veranschaulichung wird die erste Strophe in Gänze wiederholt, ein bitterer Refrain. Die Notiz wird so zur Mahnung und zum Maßstab, an dem seine – und schriftstellerische Arbeit überhaupt – zu messen ist.

Adolf Endler, der 1930 in Düsseldorf geboren wurde, 1955 in die DDR übersiedelte und 2009 in Berlin starb, gilt im Rückblick als geistreiche, ironische und auch etwas schrullige Vaterfigur der jüngeren DDR-Autoren. Für viele war er der dichtende „Tarzan am Prenzlauer Berg“, so der Titel seiner 1994 erschienenen Tagebuchfragmente. Dieses Gedicht nun zeigt einen ganz anderen Endler, den genau hinsehenden Kommentator, der seine Empörung über das Leid der Anhänger Salvador Allendes nach dessen gewalttätigem Sturz in wenige sachliche Bilder zu fassen weiß und gerade dadurch unser Mitgefühl hervorruft.

 

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Der putsch in chile fand am 11. september 1973 statt.

  • Antworten
Jayne-Ann Igel11.01.2012 | 09:28 Uhr

Danke

Danke für den Hinweis.

  • Antworten
Woody Mues11.01.2012 | 10:08 Uhr

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