Alma Mahler-Werfel, Thomas Mann, Luchino Visconti und viele Bewunderer sahen in Gustav Mahler die Inkarnation des kranken Künstlergenies. Bis heute hält sich diese Vorstellung und verstellt den Blick. Woher stammt sie? Eine Spurensuche zum 100.Todestag des Komponisten
Die Wahl der Ehefrau wurde von manchem großen Künstler zu wenig durchdacht. Besitzt die prospektive Witwe doch die Macht, der Welt nach seinem Tod zu erklären, wer und wie er eigentlich war. Hervorragend gelang das der mitteilungsfreudigen Alma Mahler-Werfel, geborene Schindler. Ihr verdanken wir das Gustav-Mahler-Bild vom unerträglich nervösen Mann, der an den Nägeln biss, „psychisch impotent“ war und mit seiner Frau nur Liebe machen konnte, indem er sie im Schlaf überfiel. Von Ehrgeiz und Eifersucht zerfressen, zur Rastlosigkeit verdammt, außerstande, das sinnliche Leben auszukosten. „Kein Genießen! Niemals Ausruhen!“, stöhnte die Gattin. Auch die Ursache dieser Probleme diagnostizierte sie sehr bestimmt: „Ahasverismus“. Mahler war für sie der ewige Jude, Wiedergänger Ahasvers, der nirgendwo heimisch und daher zwangsläufig neurotisch wird.
Wie gut dieses Bild sich hält, wie emsig es kolportiert wird, ist unübersehbar.„Gustav Mahler, seines Zeichens Neurotiker“ heißt das dem Komponisten und Wiener Hofoperndirektoren gewidmete Kapitel in „Klassische Musik für Dummies“ aus dem Jahr 2008. David Pogue, der Verfasser, hat in Yale Musik studiert und wird als Kolumnist der New York Times und als Bestsellerautor geschätzt. Mahlers Kollegen und Freund Richard Strauss verkauft er den Lesern als einen „nüchternen, ausgeglichenen“ Rosenkavalier – uneingedenk der Tatsache, dass Strauss eine Sängerin heiratete, die ihm zuvor mit einer Partitur auf den Schädel gedroschen hatte, nur durch Juwelen zu sedieren war und deren fortgesetzte verbale und tätliche Übergriffe er mit dem Satz „Ich brauch’ des“ kommentierte. Doch neben diesem entsetzlich netten Strauss scheint Mahler als Neurosenkavalier besonders einprägsam zu wirken. Er hat sich immer am besten verkauft, wenn man ihm das antisemitisch gefärbte Etikett des dekadenten Künstlers aufklebte.
Die selbstredende Verfemung Mahlers unter den Nationalsozialisten verklebte selbst 1971 noch die Gehörgänge, als Luchino Visconti mit seiner Verfilmung von Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ Mahler schlagartig populär machte. Mann hatte von Mahler nur dessen Vornamen für seinen Protagonisten Gustav Aschenbach entlehnt und, wie ein Zeitungsfoto aus seinem Besitz belegt, dessen Gesichtszüge auf ihn übertragen. Visconti hingegen machte aus dem sterbenden Dichter einen Komponisten. Zwar erklärte er: „Nichts wäre unbegründeter, als eine noch so partielle Identifikation zwischen Gustav Aschenbach und Gustav Mahler herauszuarbeiten.“ Das Erfolgsgeheimnis des Films war jedoch eben diese Identifikation. Suggeriert wurde sie unter anderem durch die Wahl der Filmmusik: Sechsmal erklang das Adagietto aus Mahlers Fünfter Sinfonie, und während Aschenbach inspiriert wurde zu einem neuen Werk, war das Misterioso der Dritten zu hören. Der Protagonist und seine Musik vermittelten sich so, wie der Dirigent Pierre Boulez das Mahler’sche Werk einmal beschrieben hatte: „degeneriert“ und „reif für den Schlaganfall durch expressiven Überdruck“.
Drei Jahre nach Visconti drehte Ken Russell in seinem Film „Mahler“ noch weiter auf. Er zeigte den Komponisten als ein Wesen am Rande des Nervenzusammenbruchs, von perversen Schreckensfantasien sexueller und sadistischer Art heimgesucht. Und im vergangenen Jahr widmeten sich gleich zwei neue Filme einem ähnlichen Thema. Beide haben dieselbe biografische Episode zur Grundlage: Der Neurotiker Mahler sucht während einer dramatischen Ehekrise Sigmund Freud in der Sommerfrische auf, sinnigerweise im niederländischen Leiden. Versucht der französische Regisseur Pierre-Henry Salfati dem Komponisten in „Mahler – In gemessenem Schritt“ durch Indiskretion nahezukommen, versuchen es Percy und Felix Adlon in „Mahler auf der Couch“ durch Humor. Damit wurden Letztere die Überraschungssieger, hatte Alma doch das Bild eines humorbereinigten Mannes gepinselt, vor allem in Gesellschaft. „Er verbreitete dann eine Atmosphäre um sich herum“, schrieb sie in ihren Erinnerungen, „als läge eine Leiche unter dem Tisch.“ Brachte er andere zum Lachen, war das in ihren Augen nur Folge seiner Unbeholfenheit. So beim Zahnarzt, als er aus dem Behandlungszimmer ins Wartezimmer zurückstürmt und fragt: „Du, Alma, welcher Zahn tut mir eigentlich weh?“
Die Sorge ist nicht unbegründet, dass für das Gros des Publikums Almas Mahler-Bild erhalten bleibt, so gut fügt es sich in gängige Künstlerklischees ein. „Je größer das Genie“, schrieb sie etwa, „desto kränker seine Sexualität.“ Und im Stillen denken wir weiter: desto kränker natürlich auch sein Umgang mit sich selbst und anderen Menschen. Aus Almas Sicht war es für den gestörten Gatten symptomatisch, dass er in einem schönen, konfliktlosen Sommer, nachdem er soeben seine Kinder geherzt hatte, nichts Besseres zu tun wusste, als zwei weitere Kindertotenlieder zu vertonen.
Doch dass sie, ohne es zu wollen, Gegenbeweise für Mahlers angebliche Neurosen lieferte, fiel ihr nicht auf. 1905 notierte sie in ihr Tagebuch, dass Mahler am ersten Mai bei einem Arbeiterzug mitgewandert sei: „Alle hätten ihn so brüderlich angesehen“, soll er gesagt haben. „Das eben wären seine Brüder! Diese Menschen seien seine Zukunft!“ Diese Offenheit für das Ungewohnte, Unbekannte, Kommende lassen Neurotiker im Allgemeinen vermissen. Für Mahler war sie kennzeichnend. Bei der Uraufführung von Arnold Schönbergs Kammersinfonie im Musikvereinssaal in Wien war er es, der den Zischern, Pfeifern und Buhern Einhalt gebot und zum Schluss „applaudierte, bis die letzten Scharfmacher aus dem Saal waren“. Mahler über Schönberg: „Ich verstehe seine Musik nicht, aber er ist jung; vielleicht hat er recht. Ich bin alt, ich habe vielleicht nicht mehr das Organ für seine Musik.“
Als Indiz für Mahlers hypochondrische, anhedonische Lebenseinstellung wird von Alma oft seine soziale Unverträglichkeit ins Feld geführt. Freudlos, laut Gattin, seien schon seine Ernährungsgewohnheiten gewesen: „Eigentlich das ganze Leben lang Krankenkost.“ Abgesehen von einer vorehelichen vegetarischen Phase deutet aber nichts auf Enthaltsamkeit oder gar Kasteiung hin. Die häufigen Besuche im Wiener Rindfleischparadies von „Meißl & Schadn“ zeugen vom Gegenteil, Briefe Mahlers sprechen von Schinken, Beefsteak und „stimmungsvollem Zwetschkenkuchen [sic]“, die Zeugnisse des Freundes Alfred Roller davon, dass Mahler „vortrefflich“ schlief, seine Zigarre und das abendliche Bier liebte und gelegentlich Mosel, Chianti oder Asti trank. Berichte von Zeitgenossen sprechen sogar von kulinarischer Fürsorge. Am 20.Dezember 1904 lud Mahler die Mitglieder des Hofopernorchesters zu einem „zwanglosen Beisammensein“ im Rittersaal des Gasthauses „Zur goldenen Birne“ in der Mariahilferstraße ein. Sein Freund Ludwig Karpath berichtet, dass Mahler zu spät kam, verärgert das frugale Mahl registrierte, schnurstracks in die Küche lief und der „wohlgenährten Bratenköchin einen kurzen, aber leicht verständlichen Vortrag über die Magenkapazität eines jungen Musikers hielt“. Mit Erfolg; das Gelage dauerte bis zum frühen Morgen.
Mahler war kein Genussverweigerer, er war, nicht nur wegen eines Hämorrhoidenleidens, ernährungsbewusst. Er aß gerne naturrein, leicht, ohne schwere Soßen und vom Einfachen immer nur das Beste, weil ihm das guttat. Sein gesamtes Dasein stellt sich dem unvoreingenommenen Betrachter als Fitnessprogramm dar – obwohl der Hofoperndirektor ein unfassliches Pensum als Dirigent, Bühnenreformator, Talenteförderer und oft noch Starkorrepetitor sowie die hochkonzentrierte Kompositionsphase in der Sommerpause bewältigen musste. Doch der zappelige Mahler mit ausfahrender Gestik passte eben besser ins Klischee des überdrehten Juden, der mit die Händ red’t, als der energiegeladene Mahler, dem die junge Alma im Hause der Wiener Journalistin Berta Zuckerkandl zum ersten Mal begegnet war: „Der Kerl besteht nur aus Sauerstoff“, schrieb sie damals. „Man verbrennt sich, wenn man an ihn ankommt [sic].“
Mahler wegen seiner Nervosität, auch als Dirigent, zu verunglimpfen, war beliebt. Die antisemitische Deutsche Presse hatte sich schon zu Beginn seines Direktorats über „Die Judenwirtschaft an der Wiener Hofoper“ beschwert und Mahlers Dirigierstil beschrieben als Ausdruck eines seelisch Kranken, eines Perversen: „Die Linke Mahlers in konvulsivischen Zuckungen (…) scharrt nach Schätzen, sie tremoliert, sie hascht, sie sucht, sie erwürgt, sie erdrosselt Säuglinge“; wehmütig erinnerte sich der Kritiker an „die Art des Dirigierens unseres Hans Richter“. Das fügte sich ins Bild von Mahler, dem Stubenhocker, der kraftvolle Gesten durch Gefuchtel ersetzt.
Wer bei einer Opernprobe Zeuge dessen wurde, wie Mahler aus dem Orchesterraum mit einem Sprung auf die Bühne flankte und einen Sänger, der falsch stand, an die richtige Stelle wuchtete, musste erkennen, dass dieser Mann seine Muskeln so konsequent trainierte wie seine Merkfähigkeit. Alfred Roller, als Bühnenbildner Mahlers Verbündeter an der Hofoper, witterte hinter diesem körperlichen Ehrgeiz kompensatorische Beweggründe. Mahler habe „seine jüdische Abstammung nie versteckt“, so Roller, aber die Ablehnung, die ihm deswegen entgegenschlug, „war für ihn Sporn und Stachel zu umso höherer, reinerer Leistung“. Und zu der wollte er auch physisch imstande sein.
Mahlers prägendes Vorbild war kein Komponist, es war ein Ringer: „Ein großartiges Bild für den Schaffenden ist Jakob, der mit Gott ringt, bis er ihn segnet. (…)Mich will Gott auch nicht segnen, nur im fürchterlichen Kampf ums Werden meiner Werke ringe ich es ihm ab.“ Die körperliche Präsenz war für ihn Basis der geistigen. Schon als Schuljunge hatte er in Iglau das Schwimmen gelernt und es neben dem Bergsteigen intensiv gepflegt. Feriendomizile mussten daher an irgendeinem Ufer liegen und in der Nähe von Bergen. Ob in Steinbach am Attersee, in Maiernigg am Wörthersee oder schließlich in Altschluderbach bei Toblach im Pustertal, frühmorgens und mittags warf Mahler sich ins kalte Wasser. Die tägliche Wanderung gehörte zum festen Programm.
Alma interpretierte diesen Bewegungsdrang als Unfähigkeit zur Lebenskunst. „Zu schlendern vermochte Mahler überhaupt nicht.“ Roller hingegen beobachtete, dass Alma, fast 20 Jahre jünger, nicht mitzuhalten vermochte; „man konnte mit ihm ein sehr flottes Marschtempo gehen, ohne dass ihm das lästig wurde.“ Nicht selbstquälerisch, sondern genießerisch schien ihm Mahlers Umgang mit dem eigenen Körper, wenn er beobachtete, wie er mit Kopfsprung in den See sprang, unter Wasser weiterschwamm und „weit draußen wieder zum Vorschein“ kam, „sich behaglich im Wasser wälzend wie eine Robbe“. Für Alma war Mahler, 1,60 groß, um die 63 Kilo leicht, „das arme Kind“. Kein Wunder, dass Roller, als er Mahler beim Sonnenbaden nackt sah, eine überraschte Bemerkung zu dessen Muskelpracht entglitt. „Mahler lachte gutmütig, da er merkte, dass auch ich durch das Geschwätz über seine dürftige Körperlichkeit beeinflusst worden war.“
Mit seiner Lust, ein sonnengebräunter, durchtrainierter, drahtiger Mann zu sein, lag Mahler ganz im Trend – einem jüdischen Trend, trotz seiner Konvertierung zum Katholizismus im Jahr 1897. 1894 war in Wien der erste Fußballverein gegründet worden, wichtigster Mäzen war Baron Rothschild; erster Präsident war Ignaz Abeles. Fußball gehörte neben Wasserball, Ringen und Schwimmen, Hockey und Fechten zu den Disziplinen, die der 1909 gegründete jüdische Sportclub Hakoah (hebräisch für Kraft) propagierte, weil sie einen gesellschaftlichen Freiraum boten und nicht national besetzt waren wie das Turnen im Verein. Dass selbst etablierte Mediziner behaupteten, Juden seien von Natur aus mit Plattfüßen und X-Beinen geschlagen, mag durchaus ein Antrieb gewesen sein. Auch der Arzt Max Nordau, ein Mitstreiter des Begründers des Zionismus Theodor Herzl, bewarb den sogenannten „Muskeljuden“ – einen Mann, der auch körperlich imstande war, für sein Judentum zu kämpfen.
In jener Zeit brachte in Hamburg der Freund Ludwig Zinner Mahler zum Fahrradfahren. In Wien gelandet, fand sich der sportive Komponist unter Gleichgesinnten. Die Wiener Juden gehörten zu den Pionieren des Alpinismus, das Klettern ohne technische Hilfsmittel wurde erstmals von einem jüdischen Bergsteiger betrieben und beschrieben. Der jüdische Psychoanalytiker Viktor Frankl erklärte im Nachhinein, nur durch seine Bergsteigermentalität habe er vier Konzentrationslager überlebt. Askesis, nicht im Sinn des Entsagens und Verzichtens, vielmehr im Sinne des Sich-Übens, des Nicht-Aufgebens, habe er am Berg gelernt.
Auch Mahler war das physische Wohlbefinden für das psychische unabdingbar und Naturerlebnis nicht nur Regeneration, sondern Inspiration. Als derselbe Arzt, der im Juli 1907 den Todeskampf der fünfjährigen, an Scharlach erkrankten Mahler-Tochter Putzi begleitet hatte, bei Mahler ein Herzleiden diagnostizierte und ihm körperliche Beanspruchung untersagte, klagte Mahler im Sommer 1908 dem Dirigenten Bruno Walter: „Sie können sich vorstellen, wie schwer mir letztes wird, ich hatte mich seit vielen Jahren an stete und kräftige Bewegungen gewöhnt. Auf Bergen und Wäldern herumzustreifen und in einer Art keckem Raub meine Entwürfe davonzutragen.“ Als Walter, neben seiner Dirigententätigkeit auch ein Komponist, beim Besuch am Attersee seinen Blick über das Höllengebirge schweifen ließ, hatte Mahler deshalb auch erklärt: „Da brauchen Sie gar nicht hinzusehen, das habe ich schon alles wegkomponiert.“ In Bewegung, in der Natur erntete er. „An den Schreibtisch“, schrieb Mahler, „trat ich nur wie ein Bauer in die Scheune, um meine Skizzen in Form zu bringen. Sogar geistige Indispositionen sind nach einem tüchtigen Marsch gewichen.“ Kein Zufall, dass Mahlers Humor gerade dann aufblitzte, wenn es um Sport ging. „Ich scheine wirklich für das Rad geboren zu sein und werde bestimmt noch einmal zum Geheimrad ernannt werden.“
Nur langsam verändert sich das Bild des neurotischen Mahlers in der musikalischen Öffentlichkeit. Als der nur 32-jährige britische Dirigent Daniel Harding 2008 Mahlers Zehnte einspielte, die als Werk für gereifte Musiker gilt, waren viele hocherstaunt. „So klar und frisch wie Quellwasser“, pries der Musikkritiker Werner Theurich diese Aufnahme. Vielleicht, weil Harding Mahler gut versteht: Er liebt die Natur und ist leidenschaftlicher Fußballfan. Wer Abschied nimmt von Mahler, dem Neurosenkavalier, zerrissen, entkräftet und morbide, entdeckt jenen Mahler, der bekannte: „Vielleicht renne ich manchmal mit dem Kopf durch die Wand, aber dann bekommt die Wand ein Loch.“












