Aus Sicht der Generalstäbe ist der Erste Weltkrieg schon oft erzählt worden. Peter Englund interessiert sich aber für die Schicksale der Einzelnen. Ein Kriegstagebuch von unten
Wenn Hauptmann William Henry Dawkins seine Befehle erteilt, sitzt er in einem alten Sessel. In der Felsspalte befindet sich kein weiteres Möbelstück, weder Feldbett noch Kartentisch. Der Sessel ist an Land gespült worden, hier, an der Westküste von Gallipoli, der Halbinsel an der Einfahrt ins Marmara-Meer. Auch den 22-jährigen Dawkins, der schon als Volksschullehrer sein Auskommen hatte, als ihn die Sehnsucht nach dem Kadettendasein packte, hat es zufällig an diese Küste verschlagen. Das Hin und Her des Schlachtenglücks im ersten Kriegsjahr und der Ehrgeiz eines englischen Politikers, des Marineministers Winston Churchill, mussten zusammenwirken, damit die Pionierkompanie von der Südhalbkugel an diesen Einsatzort im Mittelmeer kommandiert wurde.
Während der Fahrt um die halbe Welt kennt Dawkins sein Ziel noch nicht. Der Leser von Peter Englunds Buch über den Ersten Weltkrieg im Spiegel von neunzehn Schicksalen ahnt, wohin die Reise geht. Das Buch des schwedischen Historikers ist ein aus datierten Episoden montiertes Panorama, ein Kriegstagebuch von unten, aus der Perspektive derer, die die Objekte der strategischen Entscheidungen der Generalstäbe waren. Der Leser darf erwarten, dass ihn eine solche Darstellung auch an die Schauplätze führt, die ins Gedächtnis der Menschheit eingegangen sind, nach Verdun und an den Isonzo. William Henry Dawkins ist Australier. Wenn sein Schicksal repräsentativ sein soll, muss es sich in Gallipoli erfüllen.
Der vergebliche Versuch der Alliierten, den Türken die Kontrolle der Meerengen zu entreißen, ist der Inbegriff einer dilettantisch geplanten, aber unter konsequentester Verschwendung von Menschenleben durchgeführten Operation. Für die Australier wurde das sinnlose Massenopfer zum Urereignis der nationalen Selbstbesinnung. Die australische Brigade wähnt sich auf dem Weg nach England, als sie in Ägypten abgesetzt wird. Dawkins und seine Kameraden sind enttäuscht darüber, dass sie das Weihnachtsfest 1914 am Fuß der Pyramiden verbringen müssen und die Front noch nicht erreicht haben. Der Lehrer außer Dienst nutzt den unwillkommenen Aufschub für einen Bildungsausflug. In einem Brief an die Mutter hält er fest, dass ihm die Riesenstatuen von Ramses II. besonders imponieren. "Es muss Jahre gedauert haben, sie zu vollenden."
Englund ist ein im guten Sinne altmodischer Historiker, der die sorgfältig arrangierten Tatsachen für sich sprechen lässt. Durch die Kunstmittel des ironischen Gegensatzes und der unausgesprochenen Vorausdeutung erwächst aus welthistorischen Betrachtungen ein melancholisches Bewusstsein. Auch die alliierten Armeen werden Jahre brauchen, um ihre Arbeit abzuschließen. Und wie die Pharaonen für ihre Monumentalbauten auf ein unerschöpfliches Reservoir von Sklaven zurückgriffen, so fordert der Sieg im Weltkrieg den uneingeschränkten Menschenverbrauch.
Dawkins und seine Pioniere sollen die Wasserrohre für die Eroberer von Gallipoli verlegen. Acht Monate lang werden die Brückenköpfe gehalten. Dawkins, bildet sich der Leser ein, sitzt gut in seinem Sessel, wenn davon im Krieg überhaupt die Rede sein kann. Man wird ihm über die Schulter schauen und ist gespannt auf seine nüchternen Depeschen aus der Herzkammer der grausamen Unvernunft. Aber am 12. Mai 1915, zwei Wochen nach der Landung, fällt William Henry Dawkins. Eine Granate ist über seinem Kopf explodiert. Damit hat der Leser nicht gerechnet.
Englund erzählt wie ein Romancier, ergänzt die Tatsachen der Briefe, Tagebücher und Memoiren, indem er sich in seine Zeugen hineinversetzt. Und so liest man das Buch zunächst wie einen Roman, identifiziert sich mit den Figuren. Doch die Symmetriebedürfnisse des Epikkonsumenten kann und will Englund nicht befriedigen.










