Karl-Heinz Ott hat einen mitreißend poetischen Roman über das geniale Scheusal Jean-Jacques Rousseau geschrieben
Vor drei Jahren, pünktlich zum 250. Todestag, erschien „Tumult und Grazie", Karl-Heinz Otts biografischer Essay über Georg Friedrich Händel. Jetzt legt Ott den Roman „Wintzenried" vor. Dessen Held ist Jean-Jacques Rousseau, der im Jahr 2012 seinen 300. Geburtstag feiert. Hat Ott, der einst vom Musiktheater zur Schriftstellerei wechselte, jetzt vielleicht das Genre der Jubiläumsbiografie für sich entdeckt?
Gegen diese Vermutung lässt sich wenig einwenden, trotzdem legt sie eine falsche Fährte. Der Gattungsunterschied, der das Händel- und das Rousseau-Buch trennt, ist keine äußerliche Angelegenheit. „Tumult und Grazie" ist eine Feier des großen Arkadiers Händel – und ein Buch über ihn. „Wintzenried" dagegen ist ein poetischer Text auf der Spur eines großen Zerrissenen, in der Anlage vergleichbar mit Büchners „Lenz" oder Lion Feuchtwangers Roman „Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau". Er fügt sich in Otts literarisches Werk: Selten himmelhochjauchzend, oft problembeladen war Rousseau, dabei aber mit einer Energie ausgestattet, die auch den von seiner dörflich-engen Vergangenheit gemarterten Ich-Erzähler aus Otts erstem Roman „Ins Offene" antreibt.
Was seinen Roman über Rousseau mit Büchners „Lenz" verbindet, ist die stilistische Mimikry, das Verschwinden des Autors in seiner Figur. Das führt zu Intensität und Respektlosigkeit vom ersten Satz an: „Er liegt im Bett, onaniert und stellt sich Mama dabei vor. Immer hat er Angst davor, es tatsächlich mit ihr tun zu müssen."
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