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 > Dem Kapitalismus fehlt das Korrektiv

Salon
Friedbert Pflüger

Dem Kapitalismus fehlt das Korrektiv

von 
Friedbert Pflüger
28. September 2011
picture alliance
Friedbert Pflüger
"Die Demokratie muss zurück zu vermeintlich „alten“ Werten"

Die Systemfrage ist wieder da. Die Exzesse des Kapitalismus gefährden die Demokratie. Hat die Linke mit ihrer fundamentalen Systemkritik also doch Recht? Nein, sagt Friedbert Pflüger. Die Marktwirtschaft müsse einen alten Wert neu entdecken – die Gerechtigkeit.

Seite 1 von 3

Hat die Linke doch Recht? Mit dieser Frage hat der konservative britische Publizist Charles Moore eine wichtige Debatte angestoßen, die in Deutschland etwa von Frank Schirrmacher, Michael Naumann und Josef Joffe aufgegriffen wurde. Schirrmacher konstatierte in der FAZ, dass die politische Praxis in den Zeiten „enthemmter Finanzmarktökonomie“ nicht nur belege, „dass die gegenwärtige ‚bürgerliche’ Politik falsch ist, sondern (...) dass die Annahmen ihrer größten Gegner richtig sind“. In der Tat stellt sich zwei Jahrzehnte nach dem durchschlagenden Sieg von Demokratie und Marktwirtschaft über die kommunistische Planwirtschaft heute das erste Mal wieder die grundsätzliche Systemfrage. Die Marktwirtschaft und zunehmend auch die parlamentarische Demokratie befinden sich in einer Legitimationskrise.

Das gilt nicht zuletzt für Deutschland. Bei einer vom Deutschen Bankenverband in Auftrag gegebenen Umfrage vom November 2010 waren nur 48 Prozent der Deutschen der Auffassung, die deutsche Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft habe sich bewährt – der schlechteste je in dieser Umfrage ermittelte Wert. 71 Prozent der Befragten glauben, es gehe in unserer Gesellschaft sozial „eher ungerecht“ zu. Die globale Finanzkrise, die dramatische Verschuldung der öffentlichen Hand und nicht zuletzt die demographische Schieflage erschüttern das Vertrauen in zentrale soziale Errungenschaften. Die Rente ist eben nicht mehr sicher, das Gesundheitssystem ist längst an seine Grenzen gestoßen und in der Bildung entscheidet der Geldbeutel der Eltern mehr als Talent und Fleiß über den zukünftigen Status der Kinder. Zwar gibt es wieder mehr Arbeit, aber die ist oft so schlecht bezahlt, dass die Familie davon nicht ernährt werden kann. Der Satz, wonach es dem Einzelnen gut geht, wenn es den Unternehmen gut geht –  er trifft nicht mehr zu.

Schichtenübergreifende Unzufriedenheit

Klage aber führen keineswegs nur die sozial Schwachen. Kritik und Abwendung sind fast noch stärker in den Mittelschichten verbreitet. Hier herrscht der Eindruck, dass Leistung sich nicht mehr lohnt, dass man als ehrlicher Arbeiter oder sozial verantwortlicher Unternehmer zwar den Mehrwert in Wirtschaft und Gesellschaft produziert, aber eine überbordende Bürokratie, Finanzspekulanten und Sozialschmarotzer davon profitieren. Nicht in erster Linie die Plünderungen in London, brennende Autos in Berlin, Protest der Studenten in Chile oder der Aufstand gegen Sparmaßnahmen in Spanien oder Griechenland beunruhigen – sondern vor allem der (noch) stille Protest aus der Mitte der Gesellschaft bietet Anlass zur Sorge.

Aber sind an all dem „die Wirtschaft“, „der Markt“ oder „die Finanzmärkte“ schuld? Oder liegt das Versagen nicht in erster Linie an der Unfähigkeit der Politik, für die globalisierte Wirtschaft einen gerechten Ordnungsrahmen zu schaffen?

So droht der Vertrauensschwund in die Gerechtigkeit der Wirtschaftsordnung zunehmend auch die Demokratie zu beschädigen. In der oben erwähnten Umfrage glauben 81 Prozent der Befragten, die politischen Führungskräfte würden ihren Aufgaben „nicht gerecht“. Immerhin knapp die Hälfte, nämlich 44 Prozent der Befragten, zeigten sich mit der Demokratie in Deutschland als solcher „eher unzufrieden“! Für politische Parteien sehen die Zahlen noch schlechter aus. Zu ihnen haben einer anderen Umfrage zufolge 74 Prozent der Befragten „wenig“ oder „kein“ Vertrauen. Der in der Bonner Republik gelebten kritischen Sympathie, die mündige Bürger dem Gemeinwesen entgegenbrachten, folgte zunächst eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft und Staat. Heute greift darüber hinaus spürbar Verachtung gegenüber Regierung und Parlament um sich.

Was sind die Gründe für diese Entwicklungen?

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Man muss allerdings "leider" auch zugeben, dass das Volk sich von der Politik abwendet und das ein Problem ist. In meiner Studentenzeit wurde nicht über Politik diskutiert. Das muss sich wieder ändern. Dafür können die Politiker nur bedingt etwas.

  • Antworten
Ben28.09.2011 | 15:48 Uhr

Mehr oder weniger Staat ist die Frage

und nicht mehr oder weniger sozial. Das politische System wird immer sozialistischer, Stasi 2.0. Man kombiniert dies mit einer Hetze gegen den freien Markt, der angeblich für all die staatlichen Fehlsteuerungen verantwortlich sei. Und das Mittel der Wahl dagegen ist noch mehr Staat.

Bei diesem Mittel sind sich alle Parteien ja einig, was sie faktisch zu einer SED 2.0 macht. Und der Autor macht auch dabei mit.

  • Antworten
Ilja29.09.2011 | 09:08 Uhr

Von "Kapitalismus" steht nichts im Grundgesetz

Bei den Ausführungen des Friedbert Pflüger (CDU) könnte der Eindruck entstehen, als habe er sich inzwischen "vom Saulus zum Paulus" gewandelt, denn für einen Unionspolitiker vertritt er durchaus revolutionäre Ansichten.

Es spricht nichts dagegen, jeden Tag etwas klüger zu werden. Dies scheint bei Herrn Pflüger der Fall. Bei Kommentator "Ilja" bestehen diesbezüglich allerdings große Zweifel.

Er wiederholt nämlich gebetsmühlenartig die uralten Phrasen von "weniger Staat und mehr Markt". Genau mit diesen und anderen Thesen erreichten die Liberalen (FDP) inzwischen bundesweit eine Talfahrt auf 2 Prozent Wählerinnen- und Wählerzustimmung. Auch Wählerinnen und Wähler können also durchaus hinzulernen und Konsequenzen ziehen.

Der Kölner Professor Müller-Armack definierte einstmals die Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft.

Aber auch er ignorierte bedauerlicherweise, daß die Kapitalseite (Produktionsmittel) gegenüber der Arbeitsseite (Arbeitskraft) immer im Vorteil war und ist, denn die Kapitaleigner verfügten stets über die erwirtschafteten Überschüsse, die eben nicht gerecht zwischen Arbeit und Kapital geteilt werden. Daraus ergibt sich heute nicht zuletzt die extreme Scherenbewegung zwischen Arm und Reich.

Herr Pflüger sollte also Vorschläge dahingehend machen, wie er sich eine Änderung unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems praktisch vorstellt.

Von einem "Korrektiv" lediglich zu schreiben hilft da wohl kaum weiter.

Langfristig führt kein Weg an der Realisierung des Artikels 15 unseres Grundgesetzes (Vergesellschaftung/Sozialisierung) vorbei. Denn Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel (!) können zum Zwecke der Vergesellschaftung ...in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.

Und nach Artikel 14 Absatz 2 unseres Grundgesetzes ist eine Enteignung durchaus zulässig, wenn sie zum Wohle der Allgemeinheit geschieht.

Herr Pflüger und seine Parteifreundinnen und Parteifreunde sollten also "weiterdenken" und sich nicht nur verbal für gerechtere Verhältnisse in Deutschland, Europa und weltweit stark machen. Konsequenzen sind gefragt und werden sich dauerhaft nicht umgehen lassen.

  • Antworten
Yvonne Walden29.09.2011 | 12:31 Uhr

Wenn "klüger werden" bedeutet,

sich Ihrer Position anzunähern, dann bleibe ich lieber dumm. Denn was nun einmal richtig ist, ändert sich nicht.

Die ganze neoliberale Richtung einschließlich FDP hat allerdings nichts mit einem wirklich freiem Markt zu tun, ganz abgesehen davon, dass es den meisten FDP-Politikern zu offensichtlich nicht um Inhalte sondern um Posten ging, weshalb sie völlig zurecht verlieren. Ich habe sie übrigens nie gewählt.

Dass es extrem schwer ist, den Leuten klarzumachen, dass der staatlich kontrollierte Markt vor allem den großen Konzernen nutzt, während ein wirklich freier Markt vor allem dem kleinen Mann nutzt, weiss ich selbst. Ich erwarte auch nicht, dass diese Ansicht besonders populär wird, angesichts der ja doch sehr erfolgreichen Assoziation vom "freiem Markt" mit neoliberaler Staatskontrolle.

  • Antworten
Ilja29.09.2011 | 23:50 Uhr

An dem Verlust von Anstand, Ehre und Gerechtigkeit

im Wirtschaftsleben sind sicher primär die Finanzindustrie und die von dieser gesteuerten Politik schuld.

Die fünfte Gewalt hat allerdings kläglich versagt bei ihrem Auftrag, dieses Tun kritisch-investigativ in Frage zu stellen. Im Gegenteil: jahrzehntelang wurde von allen bürgerlichen Medien der entfesselte Brachialkapitalismus gefeiert, jede Lockerung der Regeln für die Finanzindustrie (und damit Steigerung der Gefährdungshaftung der Steuerzahler) enthusiastisch begrüßt, jede zusätzliche Last für 'das Volk' als hart aber notwendig verargumentiert.

  • Antworten
Serious Sam29.09.2011 | 09:29 Uhr

Soziale Verhältnisse sind eine Machtfrage

Es ist schon reichlich heuchlerisch, wenn ein Mitglied einer neoliberalen Partei das Unsoziale des kaum regelementierten Kapitalismus anprangert.

Wie waren noch die Postulate der Bundestagsparteien a la CDU-SPD-FDP?
"Deregulierung", "Abbau von Handelsbeschränkungen", "Globalisierung". Oder man erinnere sich an Merkels "Sozial ist, was Arbeit schafft!".

Inländische Spielregeln zwischen Marktteilnehmer, welche einen humanen Arbeitsmarkt sicher stellen, sind nur dann und solange realisierbar, wie ein Schiedsrichter in Form eine Regierung die Spielregeln gegen das Kapital durchsetzen kann.

Schafft jedoch eine Regierung wie die unsere jeglichen Protektionismus ab, so kastriert sie sich hinsichtlich ihrer eigenen Druckmittel gegenüber Konzernen, die nun ihrerseits die Gesellschaft mit Abwanderungsandrohungen gefügig macht - der Anfang vom Ende eines Sozialstaates.

Die Antwort auf die Frage, warum ein Bundestag sich machttechnisch gegenüber den Konzernen durch Abgabe der Kontrolle über den inländischen Absatzmarkt selbst kastriert, beantwortet ein Blick auf gewisse "Nebenjobs".

  • Antworten
Richard29.09.2011 | 14:12 Uhr

Beitrag von Herrn Pflüger

Prinzipiell kann Herrn Pflüger zugestimmt werden. Aber 3 Seiten mit
" es muss", "wir brauchen" und keine handfesten Rezepte ist zu wenig !
Wir jammern auf einem hohen Niveau und vergessen, dass uns z.Zt.
die Amerikaner aufgrund globaler Abhängigkeit an der Bezahlung der Kriege im Irak und Afghanistan beteiligen und damit ihre desolate
Finanz - und Wirtschaftslage sanieren wollen. Sie weigern sich, die
Finanzmärkte zu regulieren, weil sie mit dem von ihnen etablierten
System Gewinne ohne Wertschöpfung generieren.
Wir selbst leben dazu selbst über unsere Verhältnisse
Unseren Staat, der 1/3 der Einnahmen im Sozialbereich ausgibt und in dem 10 % der Bevölkerung 50 % der Steuereinnahmen erwirtschaftet, kann
doch nicht ernsthaft als unsozial und ungerecht bezeichnet werden.
Allerdings wird keinem etwas geschenkt; aber jeder hat die Chance mit Einsatzwillen und Verzicht die angebotenen Bildungs-und Arbeitsmöglichkeiten für sich erfolgreich zu nutzen.
Mein Weg begann 1945 in der Stunde Null ! Kein Kindergeld, kein
Hartz IV, kein Wohngeld, kein Heizungszuschuss etc.! Burn-Out u.
sonstige Beschwernisse ohne Chance ! Urlaub ? Dafür 60 Std.Woche !
Solidarität und Verteilen mit und an alle, welche selbst leisten !

  • Antworten
Sirius29.09.2011 | 16:12 Uhr

Intelligenter Artikel

Sehr geehrter Herr Pflüger,

Im Gegensatz zu den meisten Kommentaren muss ich mitteilen, dass ihr Artikel intelligent ist und gute Ansätze bietet ist aber unkonventionell. Daher eckt er so an manchen Lesern und Leserinnen.

Lediglich sollte man präzisieren, dass Bürokratie mit 35 %, Finanzspekulanten mit 50% und Sozialschmarotzer mit 15% Anteil Schuld daran tragen, die Marktwirtschaft kaputtzumachen. Diese Quantifizierung ist gerechtigkeitshalber in meiner bescheidenen Meinung wichtig.

Freundliche Grüße

  • Antworten
Carlos01.10.2011 | 23:19 Uhr

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