Die Schriftstellerin Annett Gröschner ist eine der besten Kennerinnen der Hauptstadt. In ihrem Roman "Walpurgistag" baut sie ihr ein literarisches Denkmal aus irrlichternden, absonderlichen und abenteuerlich normalen Lebensgeschichten
Ausgerechnet die Straßenbahn verzögert Annett Gröschners Ankunft im kleinen Café am Savignyplatz, dabei kennt sich doch kaum jemand so gut wie sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus: Für ihre Reportagen auf den «Berliner Seiten» der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» kurvte sie zwischen 1999 und 2002 mit Bussen und Bahnen kreuz und quer durch die Stadt. Doch nun hat sich an ihrer Haus-Straßenbahnlinie plötzlich eine Baustelle aufgetan, ein Riesenumweg entsteht – Berlin eben.
Annett Gröschner, 1964 in Magdeburg geboren, lebt hier seit 1983, und sie ist Berlinerin aus Passion. «Ich glaube, ich bin nur aus Versehen nicht in Berlin geboren», sagt sie. «Auch Franz Hessel oder Alfred Döblin stammen ja nicht von hier. Die hat es alle irgendwie hierher gespült, wie mich auch.» Immer wieder kreisen ihre Bücher, Essays, Features und Ausstellungsprojekte um diese Stadt, insbesondere um deren östliche Bezirke, auch die von Gentrifizierung und sozialem Abstieg gleichermaßen bedrohten Stadtteile Wedding, Neukölln und Kreuzberg kommen vor. «Das ist das Berlin, das mich am meisten interessiert», sagt sie, auf die Ost-West-Unterscheidung kommt es inzwischen gar nicht mehr so sehr an. Die Trennungslinie verläuft für Annett Gröschner vielmehr zwischen dem «Oben-und-unten-Berlin». Und dies, vor allem aber das «Unten», spielt auch die Hauptrolle in ihrem neuen Roman «Walpurgistag».
Alles beginnt am Alexanderplatz, und die erste Figur, mit der der Leser bekannt wird, trägt denselben Namen wie der Ort: Alex – ein Stadtstreicher mit undurchsichtiger Vergangenheit. Früher einmal will er ein Frauenverführer in Diensten der Staatssicherheit gewesen sein, dann wieder DDR-Standesbeamter im Berolina-Haus, mal dies, mal das. Aber jetzt, während er sich die kalte Nacht zum 30. April unter der Weltzeituhr durch beherzte Sprünge zwischen Phnom Penh und Helsinki verkürzt, machen die Polizisten Bartuschewski und Gottfried Jagd auf ihn: «Herr von Alex, nach ASOG § 29 Absatz 2 ist Ihnen verboten, sich auf dem Alexanderplatz aufzuhalten.» Und während die Ordnungshüter den Mann mit dem schweren Rucksack in ihren Polizeiwagen verfrachten und im Grunewald aussetzen, hat der Roman die Szene, auf der sich alles Weitere abspielen soll, mit grandioser Geste eröffnet.
Denn natürlich steht «Walpurgistag» in literaturgeschichtlicher Beziehung mit Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» aus dem Jahr 1929, Annett Gröschner zeichnet ihrem Roman diese Linie mit dem doppelten Alex des Anfangs wie eine Leuchtspur ein.
Auch bei ihr geht es in 78 Kapiteln um die ärmeren Leute – um aus der Gesellschaft Gefallene wie Alex, seine Freundin Annja Kobe und den ehemaligen Gewichtheber Aki, um drei Rentnerinnen, die gar nicht daran denken, sich dem depressiven Dasein in einem Altersheim am Prenzlauer Berg zu ergeben, um einen Gasableser und einen Taxifahrer, eine Lehrerin und deren Freundin, die sich als Dramaturgin in abstrusen Theaterprojekten betätigt, um den kleinen Sohn einer alkoholabhängigen Malerin, eine Pizzafahrerin und drei türkische Straßengang-Mädels und schließlich auch um ein Hündlein namens Stalin, das in der Nacht zum 1. Mai unter einem Wasserwerfer sein Leben lässt. Nicht eine zentrale Lebensgeschichte wie diejenige des Döblin’schen Franz Biberkopf wird hier also erzählt. Insgesamt 25 Personen bewegt Annett Gröschner vielmehr durch den 30. April des Jahres 2002, Stunde für Stunde, Augenblick für Augenblick – ihren Wegen durch die Stadt zu folgen, wäre ein literatur-touristisches Abenteuer der Extraklasse.
Denn hier eröffnet sich ein Berlin, das alsbald über die Zone der bekannten Sightseeing-Highlights hinausragt. Werden diese touristischen Leuchttürme aber berührt, laden sie sich mit einer Art von Leben auf, von dem sich der normale Besucher, ja, selbst der durchschnittliche Stadtbewohner nichts träumen lässt. Nicht kriminelle Einzeltäter, sondern drei leicht beschwipste alte Damen zünden da ein Hausbesitzer-Cabrio an, der Gasableser, gekommen, um in einer hochherrschaftlichen West-Wohnung wegen unbezahlter Rechnungen die Gasleitung abzuknipsen, wird Teil einer therapeutischen Familienaufstellung, ein von seiner Mutter vernachlässigtes Kind sieht ein anderes in einem Kleidercontainer verschwinden, eine Frau zieht mit einer Tiefkühltruhe, in der ihr Vater liegt, in eine aufgegebene Wohnung in Lichtenberg, eine andere verliert über Nacht ihre Identität – lauter ineinander verschlungene Einzelschicksale, die sich im Verlauf des Romans zu einem Panorama des heutigen Berlin fügen. In der Krawallnacht zum 1. Mai schließlich wird es von allerschönstem Feuerzauber angestrahlt, und was da dann leuchtet, ist nicht das hippe Neu-Berlin. Es ist eine Stadt, deren Geschichte der letzten achtzig Jahre sich aus Aberhunderten von Alltagsgeschichten zusammensetzt, die dem gestaltlosen Gewimmel erst Struktur und Zusammenhalt geben: Charakter.










