In seinem neuen Roman «Letzter Mann im Turm» übt Aravind Adiga erboste Kritik am indischen Raubtierkapitalismus
Bombay ist eine Stadt der Extreme, glitzernd und schäbig zugleich: äußerste Armut, extremer Reichtum. Das lehrt uns auch der Schauplatz in Aravind Adigas neuem Roman „Letzter Mann im Turm" : Vishram Society, gelegen im Osten Mumbais, in einem Viertel namens Santa Cruz, das umgeben ist von einem der vielen Slums, die sich überall in der Stadt krakenartig um all die Gebäude legen, die man „sauber" nennt.
Auch Vishram Society, Turm A, 1959 erbaut, ist „pucca": ein anständiges Haus. Darauf legen die Mieter dieser Wohngenossenschaft äußersten Wert – selbst wenn das Wasser nur zweimal am Tag fließt und der nächste Monsun dem einsturzgefährdeten Gebäude den Todesstoß versetzen könnte. Eines Tages aber flattert ein großzügiges Angebot ins Haus: Ein Investor will anstelle von Turm A ein luxuriöses Apartmenthaus hochziehen. Umgerechnet 250000 Euro Ablöse bietet er jeder Mietpartei – sehr viel Geld in einem Land, in dem das JahresDurchschnittseinkommen etwa 600 Euro beträgt. Doch die Sache hat einen Haken: Der Deal kommt nur zustande, wenn alle Mieter einwilligen. Und natürlich sagt einer Nein: der „letzte Mann im Turm", ein pensionierter Lehrer, den alle seit dreißig Jahren so schlicht wie respektvoll nur „Masterji" nennen.
Schon in seinem Debütroman „Weißer Tiger" erzählte Aravind Adiga vom Kampf der ganz Reichen mit den Habenichtsen. In diesem Roman nun nimmt er die in Indien aufstrebende Mittelschicht unter die Lupe, die hier – angesichts der Verlockungen durch Geld und ein besseres Leben – bereit ist, notfalls auch über Leichen zu gehen. Denn nicht die Immobilienhaie, sondern Masterjis Mitbewohner werden zu seinen tödlichen Feinden. Adiga liefert dabei mit einem breit gefächerten und wunderbar lebensprall gezeichneten Figurenensemble einen überzeugenden Einblick vor allem in die schleichende soziale Erosion im gegenwärtigen Indien. Zugleich erinnert er seine Leser mit „Turm A" an das einstige Fundament der indischen Nation: an Nehrus Idee, derzufolge die Menschen unabhängig von Religion, Herkunft und Kasten friedlich miteinander leben können. Dieses Fundament aber, so Adigas Befund, hat ebenso deutliche Risse wie der literarische Turm A auch. Denn an die Stelle dessen, was einst die indische Gesellschaft zusammenhielt, ist mittlerweile ein raubgieriger Individualismus getreten, angeheizt von der Sucht nach Wohlstand und Wandel.
Wer Aravind Adiga bislang als literarischen global player gelesen hat, wird mit diesem Roman allmählich eines Besseren belehrt: Dieser Autor hat sich eindeutig einer nationalen Agenda verschrieben. Zugleich hat er sich mit diesem neuen Roman endgültig vom Journalisten zum Schriftsteller gewandelt. Sein beißender Witz, aber auch der literarische Furor machen „Letzter Mann im Turm" – brillant übersetzt von Ilija Trojanow und Susann Urban – nicht nur zu einem äußerst unterhaltsamen, sondern zugleich auch komplexen und zupackenden Roman über das sich wandelnde Indien.










