Das 18. Jahrhundert war von der Vernunft besessen – und von der Konspiration. Alle Wege führen ins Alte Ägypten
Die Aufklärung begann als Verschleierung. Freidenker durften ihre Ideale im 18. Jahrhundert nur in konspirativen Zirkeln entwerfen; und wo eine solche Allianz zwischen Aufklärung und Geheimnis bestand, da wuchs naturgemäß das Unbehagen. So mancher, darunter auch Johann Wolfgang Goethe, machte keinen Hehl aus seinen Verschwörungsängsten. 1781 schrieb er an Johann Caspar Lavater: „Unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Kellern, Gängen und Cloaken miniret wie eine große Stadt zu sein pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denkt und sinnt." Die hier zum Ausdruck gebrachte Verschwörungsangst ist für das 18. Jahrhundert ebenso charakteristisch wie seine eng damit zusammenhängende Ägypten-Begeisterung.
Die Faszination für Kultur und Religion des Alten Ägypten hatte allerdings kaum etwas mit Archäologie zu tun. Dass die sagenumwobenen altägyptischen Mysterien, der Isis- und Osiriskult, zum zentralen Motiv des Bildungs- und Geheimbundromans jener Epoche werden konnten, lässt sich nämlich weniger auf das Interesse an einer physischen, denn vielmehr einer imaginären Unterwelt zurückführen. Den alten Ägyptern wurde nachgesagt, ihr Land mit Höhlen und Grotten zu untergraben und an diesen klandestinen Orten Kulte zu praktizieren, die man sich als eine im Untergrund betriebene Religion vorstellte. Die heute bekannten ägyptischen Grabanlagen wurden entsprechend der griechischen Überlieferung als Kulträume und Wissensspeicher einer Mysterienreligion interpretiert. Diese Vorstellung gewann im 18. Jahrhundert an Attraktivität, glich sie doch in vielen Punkten der Situation der Aufklärer, die sich gegen staatliche und kirchliche Zensur behaupten mussten. Freimaurern und anderen Geheimgesellschaften diente das Alte Ägypten als Spiegelbild ihrer eigenen Lage, das unterirdische ägyptische Priestertum als Modell ihrer eigenen Logen.
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