100 Jahre – so lange, das hatte Mark Twain vor seinem Tod verfügt, mussten verstreichen, bis seine „Geheime Autobiographie“ an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Nun ist die Zeit verstrichen. Zu lesen bekommen wir ein Buch voller Erinnerungen: persönlich, authentisch und manchmal beleidigend für die Betroffenen
Hundert Jahre! So lange hat die Welt auf die „Geheime Autobiographie“ von Mark Twain warten müssen. Denn erst hundert Jahre nach seinem Tod – so hatte es der Autor von „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“, von „Bummel durch Deutschland“ und „Knallkopf Wilson“ verfügt – durften seine Aufzeichnungen und Erinnerungen an die Öffentlichkeit gelangen; zu intim und persönlich, zu authentisch und manchmal beleidigend für die Betroffenen sei, was er der Nachwelt über sein Leben zu berichten habe.
Mark Twain, der als Samuel Langhorne Clemens am 30. November 1835 in Florida, Missouri, geboren wurde, starb am 21. April 1910 in Redding, Connecticut. Pünktlich im Jahr 2010 legten amerikanische Forscher den ersten Teil seiner „Geheimen Autobiographie“ vor, der jetzt auch auf deutsch erscheint; zwei weitere Teile sollen folgen. Nicht alles, was man darin zu lesen bekommt, ist freilich bisher unbekannt gewesen. Gegen den Willen des Dichters sind in den hundert Jahren nach seinem Tod bereits zahlreiche Fragmente ediert und in Buchform herausgegeben worden. Nun aber sind Twains autobiografische Schriften erstmals in vollem Umfang zu lesen – und zwar in der Gestalt, die ihm zu Lebzeiten vorschwebte: so assoziativ und unchronologisch, so ab- und ausschweifend wie möglich.
„Beginne an einem beliebigen Zeitpunkt deines Lebens“, formuliert Twain in der Vorbemerkung sein Credo, „durchwandre dein Leben, wie du lustig bist; rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert, lass das Thema fallen, sobald dein Interesse zu erlahmen droht; und bring das Gespräch auf die neuere und interessantere Sache, die sich dir inzwischen aufgedrängt hat.“ So wird hier wild zwischen Jugenderinnerungen und Alterseinsichten gesprungen, zwischen Anekdoten und assoziativ dahingeplauderten Erinnerungen, die Twain in Florenz von 1904 an einem Stenografen diktierte. In einer Passage erzählt er vom New Yorker Gesellschaftsleben der 1890er-Jahre, in der nächsten von seiner ersten Reportage-Reise, die ihn in den 1860er-Jahren nach Hawaii führte, und landet schließlich bei seiner Jugendzeit im geliebten Missouri. Twains Heimatdorf Hannibal, das hier als nostalgische Idylle, aber auch als hinterwäldlerisches Kaff mit archaischer Sozialstruktur erscheint, taucht im „Tom Sawyer“ als „St. Petersburg“ wieder auf. Auch lernen wir das reale Vorbild des Huckleberry Finn kennen: Es ist ein gesetzloser Gesell namens Tom Blankenship, den der junge Samuel Clemens widerstrebend bewundert, und mit dem es später ein böses Ende nimmt.
So geht es hin und her und vor und zurück. Doch der Schein der Spontaneität und der Strukturlosigkeit trügt; gerade im fragmentarisch improvisierten Text findet Twain die wahrhaftigste Weise, um den bruchstückhaften, oft trügerischen Charakter der eigenen Erinnerung abzubilden. In das abschweifungsreiche Erzählen fügt er reihenweise Reflexionen über das autobiografische Genre und das Wesen des Gedächtnisses selbst. Gegenwart und Vergangenheit verschränken sich hier in erhellender und oft auch rührender Art; die farbige Rekapitulation von Jugendereignissen und die melancholische Erinnerung an längst verstorbene Freunde verbindet sich mit der immer wieder erhobenen Klage über Mühsal und Tücken des Erinnerns.
So gedenkt Twain etwa seines jüngeren Bruders Henry, der bei einem Unfall auf einem Mississippi- Dampfer ums Leben kam. Das Ereignis will Twain seinerzeit in mehreren Albträumen vorgeahnt haben. Um diese Traum-Erinnerungen strickt er seine Geschichte – und berichtet zugleich, wie er beides vor Jahren schon einmal beim Herrenabend in seinem Club erzählte. Von einem psychologisch gebildeten Freund wurde er daraufhin darüber belehrt, dass man beim Erinnern und Wiederholen derartiger Traumata irgendwann zu der – falschen – Überzeugung gelangt, dass man das Geschehen vorausgeahnt habe. Was wahr und was falsch ist, was erlebt und was geträumt, bleibt letztlich im Ungewissen. Und so ist es immer bei Twain: So wie er Zeit-, Erzähl- und Erinnerungsebenen miteinander verschränkt, verschafft er dem Erinnerten größte Präsenz, dementiert zugleich die Objektivität seiner Geschichte – und vermittelt dem Leser doch ein Gefühl von der Wahrhaftigkeit seines Berichts.
Foto: James Wallace Black/Kevin Mac Donnell












