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 > „Geh nicht gelassen in die Nacht“

Salon
Elke Heidenreich

„Geh nicht gelassen in die Nacht“

von 
Elke Heidenreich
31. Juli 2011
picture alliance
Elke Heidenreich
Wie verbringt die bekannte Autorin ihren letzten Tag

Sich still und leise davonmachen will Elke Heidenreich auf keinen Fall. Ihr Nachbar wird sich wundern. Auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen wird sie mit allen abrechnen, die sie enttäuscht haben, und ihnen tüchtig die Meinung sagen. Ihre verlogenen Briefe bekommen sie vorher zurück.

Als meine Mutter starb, sprachlos, hatte sie im Blick ihrer blauen Augen eine ungeheure Wut. Ich sah, wie enttäuscht sie war, wie zornig auf das, was Krieg, Ehemann, Tochter ihr angetan hatten. Sie war fassungslos über das Scheitern ihrer Träume und sah mich an, als wollte sie sagen: Das soll es gewesen sein? Was für ein gigantischer Betrug! Und ich habe sie total verstanden. Ich habe ein Buch über den walisischen Dichter Dylan Thomas geschrieben, der am Sterbebett seines sonst so starken Vaters fassungslos darüber war, wie sanft und still der Vater hinüberging, und er schrieb sein berühmtestes Gedicht:

„Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light!“

In Curt Meyer-Clasons Übersetzung: Geh nicht gelassen in die gute Nacht, brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert; im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Ich habe dieses Gedicht in die Todesanzeige meiner Mutter geschrieben, es hätte ihr gefallen. Und ich bin genauso. Ich wäre zornentfacht. Noch ein letztes Glas Rotwein, Abschied von den Lieben, in den Garten gucken, das grottenblöde Luther’sche Apfelbäumchen pflanzen? Zeitverschwendung. Ich hatte genug Rotwein, Liebe, Garten. Ich hatte ein unglaublich glückliches Leben mit Liebe und Erfolg und ohne Sorgen in einem reichen Land ohne Krieg, das ist doch was! Aber: Ich würde all mein Geld investieren in ganzseitige, ach was, mehrseitige Anzeigen in sämtlichen deutschen Zeitungen. Ha, in die Titelseiten! (Was kostet eine Titelseite? Egal! Ich wär ja tot! Weg mit dem Geld!) Was für ein ängstlicher, kulturloser Haufen seid ihr alle miteinander, würde ich schreiben. Ihr schreibt, druckt und lest überflüssige Bücher, ihr lasst euch ein Fernsehen vorsetzen, das unzumutbar ist, ihr fresst in Massen Tiere, ohne zu sehen, wie die leiden, ihr lasst die Oper eingehen, dieses wunderbare Kunstwerk, das euch zu kompliziert geworden ist. Ihr begreift gar nichts. Eure Ansprüche sind im Materiellen riesig und im Intellektuellen, im Kulturellen mikroskopisch, ihr habt mich alle miteinander enttäuscht und entsetzt und angewidert, fahrt zur Hölle, ich geh schon mal vor und heize da für euch ein. Ich würde einigen Menschen, die mich besonders enttäuscht haben, noch mal tüchtig die Meinung sagen, ihnen ihre verlogenen Briefe zurückschicken, die in meinem Koffer mit den größten Wunden liegen, ich würde meine Tränen und meine Wut zeigen und mich nicht mehr schämen und zusammennehmen müssen. Von denen, die mich lieben und die ich liebe, muss ich mich nicht verabschieden. Wir sind miteinander im Reinen.

Und in der allerletzten Stunde nach all diesen aus Schmerz geborenen wilden Abrechnungen würde ich nur mit meiner allerliebsten vertrauten Freundin Leonie zusammensitzen, ihr meine Tagebücher ans Herz legen, weg damit, und dann würde ich mich noch mal aufrappeln und mit ihr zusammen bei dem grauenvollen Menschen, der gerade in meine Nähe gezogen ist und in seinem verhunzten Garten eine Fahne mit dem Reichsadler aufgezogen hat, diese Fahne anzünden, weil es unbegreiflicherweise in diesem Land sonst keiner tut, und ich würde seinen unzumutbaren Garten verwüsten, obwohl, wie will man Wüste verwüsten? Und dann wäre ich endlich ruhig. Dann würde meine Freundin meine Hand nehmen, ich würde ihr für alles danken und sie fragen: „Weißt du noch?“, ich würde ihr Grüße und Entschuldigungen auftragen, ihr meinen einzigen kostbaren Gegenstand in die Hand drücken, und dann würde ich lächelnd und zufrieden einschlafen, wenn irgend möglich, mit einer Katze in der Nähe.

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Geh nicht gelassen in die Nacht

Ich finde, das ist ein sehr guter Artikel, der das wirkliche Leben in dieser Welt beschreiben tut.Nur würde ich die Überschrift wählen,"Herr vergeben ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun."

  • Antworten
Klaus Eberhard Memmesheimer31.07.2011 | 09:23 Uhr

"Ich!"

Ja, liebe Elke Heidenreich, das ist die Wut, die ich verstehe, die aber nicht am Ende des Lebens wirklich glücklich macht. In Wut und öffentliche Vergeltung zu investieren, das ich sehr ich-bezogen! Elke Heidenreich stellt sich mit diesen Anzeigen in den Mittelpunkt. Investiert ihr Geld in ihre Wut auf die Verlogenen. "Weg damit", sagt sie. Wäre es nicht weiser, sie würde es denjenigen geben, die nicht in ganzseitigen Anzeigen genannt werden? Denjenigen, die still sterben, weil diese ganze Welt doch so laut verlogen ist, dass es in noch so großen Anzeigen keinen Platz fände?

Liebe Elke Heidenreich! Da sollten Sie nicht angekommen sein, wenn sie gehen, da nicht!

Heute Früh hatte ich auch Gedanken an den Abschied:

"Wenn ich diese Welt verlasse, dann will ich angekommen sein.

Also bleibe ich auf dem Weg und suche ihn gleichzeitig. Eine Wegmarke war jetzt der Anschlag von Oslo. Die Norweger reagierten nicht mit dem Ausruf eines „heiligen“ Krieges gegen Terroristen. Sie trauern. Für Augenblicke waren sie wohl auch wütend über einen Mann, der so verblendet seine Mordbotschaft verkünden wollte. Aber sie bleiben bei sich, trachten nicht nach einer sinnlosen Vergeltung und rücken stattdessen näher zusammen. Sie wissen um die Stärke einer friedlichen Gesellschaft. Wie anders wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn in den USA nach dem 11. September keine Kriegserklärung verkündet worden wäre. Das ist nicht vergleichbar? Doch es ist vergleichbar, wenn auch in einer anderen Größenordnung.

Vor vielen Jahren hörte ich einmal den jüdischen Professor Pinchas Lapide in einer Kirche in Schleswig über das Thema Feindesliebe reden. „Mit einem Juden die Bergpredigt lesen“ lautete der Untertitel des Themas. Es ist über 20 Jahre her, aber es beeindruckt mich noch immer. Oslo erinnerte mich so sehr an diese zentrale Glaubensbotschaft, dass wir nicht Vergeltung suchen sollen. Unsere Welt ist eine Welt der Kriege und der Gewalt. Sie alle werden geführt mit dem moralischen Anspruch, gute Werte zu verteidigen. Doch sie bringen mit jedem Mal mehr Leid und Schmerzen über die Menschen. Es wäre an der Zeit, den anderen Weg zu wählen, den der Gewaltlosigkeit und der Feindesliebe. Was haben die Kirchen da für eine Botschaft? Sie fanden schon immer gute Ausreden, dem „gerechten Krieg“ das Wort zu reden. Aber auch innerhalb der Kirchen gab es die Mahner, die nicht bereit waren, Gewalt und Vergeltung zu rechtfertigen. Nach den Kriegen waren sie die Ausrede, wenn die Menschen kritische Fragen stellten.

Nehmen wir uns die Menschen in Norwegen zum Vorbild. Ich lasse mich gerne von ihnen anstecken und will ihren Weg mitgehen, denn ich möchte angekommen sein, wenn mein Weg zu Ende ist."

Denken Sie noch einmal nach, ob Sie wirklich so Ihre letzte Rechnung aufmachen wollen. Lieben Sie Ihre Feinde und lächeln Sie dann. Ich will es versuchen. Vielleicht gelingt es uns.....

Herzlich freundliche Grüße
Gerhard Falk

  • Antworten
Gerhard Falk31.07.2011 | 09:29 Uhr

Standpunkte, die mich bereichern.

Liebe Elke Heidenreich, ich kann ihre Zeilen wirklich verstehen.
Aber Sie, lieber Gerhard Falk, Sie sprechen mir mit Ihrer Antwort aus der Seele.

Mein Dank geht an sie beide!

Herzlichst
Angelika Schreiner

  • Antworten
Angelika Schreiner31.07.2011 | 11:40 Uhr

Geh nicht gelassen in die Nacht

Herr Falk, Ihre Antwort ist wunderbar und spricht mir aus der Seele. Sie haben Grösse, Reife und den Sinn des Lebens voll erfasst. Es ist ein langer Weg, bis man zu einer solchen Einstellung gelangt. Ich selbst bin noch auf dem Weg. Nur wer an sich selbst arbeitet, sich immer wieder selbst hinterfragt, nur wer tiefe Liebe zu den Menschen und für die ganze Schöpfung empfindet, ist zu dieser, weit über das Diesseits gerichteten Einstellung, fähig. Elke Heidenreich braucht wohl noch einige Zeit auf diesem Weg.

  • Antworten
Beate Parker31.07.2011 | 18:09 Uhr

geh nicht gelassen in die Nacht

Sehr geehrte Frau Heidenreich,

so wie Sie, möchte ich nicht mein Leben beenden. Nicht mit Zorn und Wut sondern entspannt auf humorvoll leise Servus sagen. Es wäre besser darauf zu verzichten, die großen Gesten und Gedanken der Konfrontation nochmals ins Felde zu führen. Wem würde es nützen ? Woher kommt eigentlich Ihre ganze Wut ? Natürlich sehe auch ich, dass die Welt sich immer mehr in eine falsche Richtung bewegt. Trotzdem bleibt sie für uns, die wir nicht in einem Slum oder z.B. im Sudan leben müssen, eine lebenswerte Welt, mit all ihren Tücken und leidvollen Erfahrungen. Warm so unversöhnlich ? Denn all die, die Sie als falsch und unmenschlich kennengelernt haben, entgehen letztendlich nicht dem Tod. Das müsste Sie doch zumindest beschwichtigen.

Also, auf meinem letzten Weg möchte ich schon gelassen sein.

Viele Grüße
Gregor Kampmann

  • Antworten
gregor kampmann31.07.2011 | 22:07 Uhr

Diese Wut, die macht doch krank...

Das glaube ich. Und weil ich gerade vom Glauben schreibe, da geht´s mir als Christ besser.
Ich erspar mir die Anmassung, der Welt vorschreiben zu wollen, wie sie besser zu sein hätte.
Stattdessen gehe ich nicht nur friedlich in jede Nacht, in den Schlaf, sondern wache freudig auf. Dankbar, an diesem WUNDERBAREN Leben teilhaben zu dürfen.
Ein kleines "Ätsch!" an die Anmassung der Atheisten, es in so vielerlei Hinsicht besser zu wissen, als "der Rest der Welt", das brauche ich mir dazu noch nicht einmal zu verkneifen ...
im Übrigen: http://make-everything-ok.com/
Es grüsst herzlich
von der Sonnenseite des Lebens
TF

  • Antworten
Thomas Fügner01.08.2011 | 17:51 Uhr

Ich schließe mich Ihnen an.

Ich schließe mich Ihnen an. Liebe Menschen, wie schade ist es doch, dass nur so wenige die Botschaft Gottes annehmen. Wie schön wäre es, wenn man den verstockten Herzen etwas von der Freude offenbaren könnte. ER schenkt einen tiefen Frieden im Herzen...so verrückt das auch klingen mag.

  • Antworten
LK02.08.2011 | 10:52 Uhr

Elke Heidenreich...

also, ich bin sehr erstaunt, liebe Elke, ich hätte Ihnen mehr ''Größe und Gelassenheit'' zugetraut...und wenn ich mir Ihren verschmitzten Blick so vor Augen führe, dann bin ich gar nicht sicher, ob Sie nicht nur mal testen wollten, wie so die Reaktionen auf einen - sagen wir - Wutausbruch aussehen würden. Ich plädiere dafür, bereits in Schulen eine Stunde ''für friedliches Denken'' einzuführen. Den Tod und das Sterben werden wir (noch) nicht in den Griff bekommen. Aber das Leben
können wir friedlicher Leben. Achten wir mehr auf ein LIEBEVOLLERES 'MehrMiteinander'; achten wir auf die Macht der Worte, installieren wir doch eine ''Gute Worte Datei'; die schon in den Schulen und in den Elternhäusern zum Einsatz kommen soll. Sie, liebe Elke, die so wunderbar formulieren kann...frieden auch Sie mit mir um ein -nicht so kriegerisches Gegeneinander - in diesem Sinn, mit katerlich-kreativen Grüßen, Ihr Peter Rubin, Dichter dran
ps. mein Buch - Katze, Mond und Sterne - braucht Hilfe; könnte Ihren Zuspruch sehr gut gebrauchen...von Kater zu Katze sozusagen...

  • Antworten
Peter Rubin02.08.2011 | 12:11 Uhr

Peter Rubin zu Elke Heidenreich

In der Umkehrung liegt oft der wahre Reiz: Nicht Aufruhr - mehr Milde.
"Liebevolleres Miteinander " hier trifft Peter Rubin den richtigen
mentalen Anreiz. "The reverse method", wie es Elmer Wheeler einst so
schön in seinem Buch: " How To Sell Yourself To Others" beschrieb:
"It´s not interesting what you want, it`s more interesting what you can give". Kurz: Geben statt immer nur wünschen.Weiter: "Listen if you want to speak".Auch so eine goldene Regel von Wheeler. Nicht immer
sprechen (müssen)- auch mal schweigen.Mit der Wut wollen wir uns doch häufig nur behaupten, statt friedlich zu kommunizieren.Also ab sofort Mentalunterricht als Pflichtfach für alle Schulen...wie gehen wir in Zukunft angemessen mit Wut und vielleicht auch mit berechtigte Empörung um.

  • Antworten
Bernd von Frankenberg11.11.2011 | 18:17 Uhr

Was nutzt es schon..

...das ist ein gerne verwendeter Ausspruch.
In diesem Fall ist er sicher richtig. Die Plakate und ganzseitigen Anzeigen werden nicht viel bewirken. Aber nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie in der Medienflut untergehen. Wie hat es Herbert Grönemeyer gesagt: "Wie Schafe schauen sie kurz auf und grasen dann gemütlich weiter". Diese Entwicklungsrichtung der Gesellschaft muss langfristig in den Vordergrund gestellt werden. Hierfür sollte Frau Heidenreich ihr Geld investieren. Möglichkeiten gibt es genug.

  • Antworten
Kommentator02.08.2011 | 13:12 Uhr

Was nutzt es schon...von Elke Heidenreich

Es ist die Wut vor dem Verlust. Verlust an Bedeutung,Einfluß und schlimmer an öffentlicher Anerkennung.Am Ende herrscht Stille.Unerträglich sicher für alle, die das Leben in seiner Fülle ungern aufgeben.
Für die,die empfinden,streiten,lieben..ist es fast unsäglich.Schlußpunkt.Jetzt kommt das Ungewisse,das Ende, kein Einfluß
mehr nehmen können - schlimmer kein Einfluß nehmen dürfen.Entmündigt.
Hilft jetzt Vertrauen,Hoffnung,Hingabe? Keine Schrift,kein Laut gibt
Anwort - das Ende macht gleich - uns alle.Ich war einmal.Immerhin.Vielleicht ein neuer Anfang ohne Wut, etwas Milde,eine Spur von Dankbarkeit und loslassen dürfen - im Himmelreich.

  • Antworten
Bernd von Frankenberg10.11.2011 | 17:24 Uhr

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