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 > „Die Aufarbeitungswelle ist kein Zufall“

Salon

„Die Aufarbeitungswelle ist kein Zufall“

von 
Reinhard Rürup
24. März 2011
Deutsche in belgischer Kriegsgefangenschaft.
Deutsche in belgischer Kriegsgefangenschaft.
Die Ausstellungen zur Wehrmacht und die Studie zum Auswärtigen Amt haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber warum arbeiten viele Institutionen erst jetzt ihre Vergangenheit auf? Ein Gespräch mit dem Historiker Reinhard Rürup.

Herr Rürup, die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ hat für großen medialen Wirbel gesorgt. Die Polizei hat nun ihre Geschichte aufgearbeitet, und auch der BND und das BKA beschäftigen sich mit ihrer braunen Vergangenheit. Ist es Zufall, dass es gerade jetzt zu dieser Aufarbeitungswelle kommt?
Das ist keineswegs zufällig. Bis in die achtziger Jahre dachte man in der Bundesrepublik, man wisse jetzt genug über das „Dritte Reich“. In den neunziger Jahren erschienen aber ganz neue Forschungsarbeiten. Ein Beispiel ist Christopher R. Brownings Buch „Ganz normale Männer“ über die Taten der Ordnungspolizei. Auch die Goldhagen-Debatte spielte eine wichtige Rolle, nicht zu vergessen die Wehrmachtsausstellung. Aus all dem resultierte ein neuer gesellschaftlicher und politischer Umgang mit dem Erbe der NS-Zeit. Unternehmen, Banken, auch große wissenschaftliche Einrichtungen arbeiteten ihre Geschichte auf, immer mehr Institutionen entschieden sich für diesen Schritt.

Die Studie des Auswärtigen Amtes wurde viel kritisiert. Wie stehen Sie dazu?Man kann und muss in der Tat sehr viel an dem Buch bemängeln. Seine grundsätzliche Kritik am Auswärtigen Amt im „Dritten Reich“ ist völlig richtig, aber sie ist auch nicht wirklich neu. Wer wollte, konnte das meiste längst in anderen Büchern nachlesen. Zweifellos bietet „Das Amt“ eine flüssige Darstellung, deshalb ist es auch eine Art Bestseller geworden. Aber in seiner Anlage ist die Studie alles andere als vorbildlich. Zum Beispiel wird nicht systematisch argumentiert. Geschichte wird hier in einzelne Geschichten aufgelöst. Auch ist nicht herauszufinden, welcher der verantwortlichen Historiker welche Teile des Buches verfasst hat.

Sind institutionelle Auftragsarbeiten nicht prinzipiell problematisch? Können Forscher dabei ihre Unabhängigkeit wahren?In den meisten Kommissionen zur Aufarbeitung der Geschichte von Institutionen sind hoch angesehene Kollegen tätig und erzielen überaus interessante Ergebnisse. Mein Kollege Wolfgang Schieder und ich haben etwa sechs Jahre lang ein Forschungsprogramm der Max-Planck-Gesellschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Vorgängerin geleitet, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Der Kommission gehörten auch eine Reihe von Max-Planck-Direktoren an. Wir konnten trotzdem wissenschaftlich unabhängig arbeiten.

Sie waren bis 2004 wissenschaftlicher Direktor der „Topographie des Terrors“ und haben auch an der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ mitgearbeitet. Wie beurteilen Sie die Wirkung dieser Ausstellungen im Nachhinein?Mit der „Topographie des Terrors“, in der es um die Zentralen der SS, der Gestapo und des Reichssicherheitshauptamts geht, haben wir 1987 zum ersten Mal in einer großen Ausstellung den Blick auf die Täter gerichtet. Damit hatten wir einen ebenso überraschenden wie nachhaltigen Erfolg. Die erste Wehrmachtsausstellung war als Provokation gedacht, sie sollte Unruhe stiften, und das tat sie auch. Als wir vier Jahre danach, im Jahr 1991, mit der Schau „Krieg gegen die Sowjetunion“ die gleiche Kritik an der deutschen Wehrmacht öffentlich gemacht haben, hat das nicht für so viel Rummel gesorgt. Was daran lag, dass wir uns um eine möglichst sachliche Aufarbeitung bemüht hatten. Mit der Wehrmachtsausstellung ist es gelungen, eine geradezu überwältigende Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen. Die zweite Fassung der Schau war übrigens sehr viel differenzierter und präziser in den Aussagen, aber auch etwas langatmiger und langweiliger.

Kann die Ausstellung „Ordnung und Vernichtung“ überhaupt noch eine ähnliche Rolle für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus spielen?Die Ausstellung über die Polizei im Nationalsozialismus ist inhaltlich durchaus an die Seite der Wehrmachtsausstellung zu stellen. So wie es damals die Legende von der „sauberen Wehrmacht“ gab, gibt es noch immer die Legende von einer Polizei, die dem Staat, aber nicht dem Nationalsozialismus gedient, ihren Dienst stets ordnungsgemäß und korrekt ausgeübt und – abgesehen von der Gestapo – mit den NS-Verbrechen nichts zu tun gehabt hat. Aber die nationalsozialistischen Verbrechen wurden nicht nur von der SS und der Gestapo begangen, es waren viele andere daran beteiligt. Das zeigen beide Ausstellungen. Allerdings ist die Situation heute anders als in den neunziger Jahren: Erstens hat es die Wehrmachtsausstellung bereits gegeben und auch die Goldhagen-Debatte. Die Ergebnisse der jetzigen Ausstellung können also nicht mehr in gleicher Weise überraschen. Und zweitens reichten die von der Wehrmachtsausstellung ausgelösten Diskussionen bis in das Innenleben nahezu aller Familien hinein. In jeder Familie gab es ehemalige Wehrmachtssoldaten. Dieser Kreis wird bei dem Thema Polizei notwendigerweise kleiner sein.

Das Gespräch führte Silke Kehl

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Viel beachtenswerte wäre intensiv aufzubereiten, daß die Entnazifizierung "nach 1945" gescheiter hat und durch die daraus resultierende personelle Kontinuität auch eine inhaltliche Kontinuität stattgefunden hat, die bis heute in bedenklicher Weise "durchschlägt". So hat das Grundgesetz als Abwehrrecht gegen den Staat keine elementare Rechtskraft erlangt, was ich am eigenen Leibe erlebe. Denn die Justiz und Richterschaft handelt auf Basis von Geheimakten beim NRW-Justizministerium. Das sind Zustände wie vor 75 Jahren. Und die Medien schweigen dazu.

  • Antworten
Rainer Hoffmann03.04.2011 | 00:00 Uhr

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