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„Amerika ist blockiert“

Von Paul Auster24. Juni 2010
picture alliance
Paul Auster
Schrift:

Vielen gilt er als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Vereinigten Staaten. Auch „Unsichtbar“, sein neuester Roman, beweist: So leichtfüßig wie Paul Auster kann niemand sonst von Politik, vom Älterwerden und der Navigation durch das alltägliche Chaos des Lebens erzählen.

Mr. Auster, können Sie den Raum beschreiben, in dem Sie arbeiten?
Es handelt sich um ein kleines Zimmer mit einem Tisch und einem Stuhl, einem weiteren Tisch, auf dem meine Schreibmaschine steht, und zwei Bücherregalen. Das ist auch schon alles. Das Zimmer ist winzig und schmucklos – abgesehen von zwei Bildern, die meine Tochter gemalt hat, als sie klein war.

Nach der Lektüre Ihres neuen Romans drängt sich die Frage auf: Was ist in Ihrem Arbeitszimmer sichtbar und was nicht?
Ich fürchte, ich bin unsichtbar, weil ich schon seit mehreren Monaten an keinem Buch arbeite. Nach „Unsichtbar“, dem Roman, auf den Sie mit Ihrer Frage zu sprechen kommen, habe ich einen weiteren Roman geschrieben, aber noch keinen neuen angefangen. Ich betrete mein Arbeitszimmer derzeit also kaum.

Welche konkreten Ideen standen am Anfang von „Unsichtbar“?
Mein ursprünglicher Plan war, drei Teile zu schreiben, zwischen denen jeweils zwanzig Jahre liegen würden. Die Teile sollten 1967, 1987 und 2007 spielen, und jeder von ihnen sollte von einer Begegnung zwischen Adam Walker und Rudolf Born, den beiden Hauptfiguren des Romans handeln. Aber irgendwann stellte ich fest, dass das Buch so nicht funktionieren würde. Beim Schreiben muss es etwas geben, das dich drängt, oder etwas, das du drängst, etwas, das die Arbeit zu einer absoluten Notwendigkeit macht. Zweifel können später kommen, aber während der Arbeit muss man den festen Glauben haben, dass man mit seinem Leben nichts Besseres anfangen kann. Als ich beim Schreiben der ersten Fassung von „Unsichtbar“ merkte, dass mir dieser Glaube abhandengekommen war, hörte ich mit der Arbeit auf, dachte für ein paar weitere Monate über das Buch nach und schrieb dann den Roman, der jetzt vor Ihnen liegt.

„Unsichtbar“ beginnt im Frühjahr 1967, als der 20-jährige Student Adam Walker in New York einen geheimnisvollen Franzosen namens Rudolf Born kennenlernt, der Walker Geld zur Gründung einer Literaturzeitschrift anbietet, ihn in die Affäre mit seiner Freundin Margot zu drängen scheint und schließlich mit einer unfassbaren Gewalttat überrascht.
Nun, ich wollte in dem Roman über die Jugend schreiben, über die Verführbarkeit der Jugend, die Unschuld und die Fehler der Jugend. Es handelt sich bei „Unsichtbar“ zwar um keinen autobiografischen Roman, aber ich habe wie Walker an der Columbia University studiert und mit ihm gewissermaßen eine Figur erfunden, die zur selben Zeit jung war wie ich. Zur Zeit des Kriegs in Vietnam, einer sehr gepeinigten und peinigenden Zeit in der Geschichte Amerikas – einer merkwürdigen Zeit, um aufzuwachsen. Ich bin inzwischen doppelt so alt wie damals, wir reden also von der Hälfte meines Lebens. Je älter ich werde, desto energischer wird die Erinnerung, weil Menschen, mit denen man befreundet war, die man geliebt hat, sterben, und unsere Erinnerung das Einzige ist, das von ihnen bleibt. Wie sehr sich das in meiner Arbeit niederschlägt, weiß ich nicht, obwohl ich glaube, dass ein Teil der Inspiration zu „Unsichtbar“ damit zu tun hatte, dass sich in den Jahren 2007, 2008, als ich an dem Roman schrieb, eine Vielzahl von Dingen zum vierzigsten Mal jährten und ich den Drang verspürte, mich diesen Ereignissen abermals zuzuwenden.

Der Titel des Romans weckt Erinnerungen an „Porträt eines Unsichtbaren“, den ersten Teil Ihres 1982 erschienenen Buches „Die Erfindung der Einsamkeit“ – ein Schlüsseltext Ihres Werkes.
Sie haben natürlich recht, das Wort taucht in beiden Titeln auf, aber es wird in den Büchern jeweils anders verwendet. „Die Erfindung der Einsamkeit“ ist das Porträt meines Vaters, eines Unsichtbaren, der sehr schwer zu verstehen war, der nie wirklich präsent war, sich nie wirklich zeigte. Im neuen Roman verwende ich den Begriff des Unsichtbaren auf andere Art, es ist sehr viel offener für Interpretation, hat in gewisser Weise mit dem Unbekannten, dem „Nicht-Wissen“ zu tun. Dinge geschehen, wir können aber nicht sehen, was geschieht, und sind uns nicht einmal über das im Klaren, was wir sehen. In diesem Sinne ist die Ungewissheit eine Art von Unsichtbarkeit der Welt. Das Wort taucht im Roman ein paar Mal auf: Gleich am Anfang wird zum Beispiel gesagt, dass Born ein Gesicht habe, das „in der Menge unsichtbar bleibt“, einmal wird von den Armen und Unterdrückten in Amerika als den Unsichtbaren gesprochen, und als Jim Freeman, der andere Erzähler des Romans, später mit dem Flugzeug von Kalifornien zurück nach New York fliegt, spricht er von dem „unsichtbaren Amerika“, das unter ihm liege. Das Wort taucht noch ein paar weitere Male auf und erzeugt eine ganze Vielzahl von Bildern, die sich um diese Idee herumbewegen.

Sie scheinen auch vom Wort „unsichtbar“ fasziniert zu sein. Inwiefern verzerrt die Sprache die Dinge, die sie beschreibt?
Die Sprache ist alles, was wir haben. Sprache schenkt uns die Welt, die Fähigkeit zu denken und zu beobachten. Aber zugleich beraubt sie uns auch der Welt und schiebt sich wie ein Vorhang zwischen uns und die Welt. Es scheint, als könnten wir uns – egal ob wir schreiben oder miteinander reden – nie genau genug ausdrücken, um den Dingen, die wir meinen, wirklich nah zu kommen. Für dieses Problem gibt es keine Lösung. Wir verfügen über das Werkzeug der Sprache, aber es handelt sich um kein perfektes Werkzeug.

In welchem Gefühlszustand befinden Sie sich, wenn Sie schreiben?
Ich gehe darin völlig auf und bin zugleich dennoch auf Distanz. Man muss sich vollkommen frei und unbelastet fühlen, um für Ideen offen zu sein, aber zugleich ist man auch kritisch, skrupulös. Ich erlebe es oft, dass sich die Dinge in mir aufstauen, doch erst, wenn ich einen Stift zur Hand nehme, bin ich in der Lage, sie wirklich zu denken und in Worte zu fassen. Ich kann nicht in Gedanken schreiben, ich brauche das physische Erleben des Stiftes, den ich auf das Papier drücke. An manchen Tagen strömt es nur so heraus, und während sich mir die Dinge früher oft sperrten, fallen sie mir heute bisweilen einfach zu.

Ihr Roman „Mann im Dunkel“ handelte von einem in sich selbst gefangenen Bewusstsein: von einem Mann, der im Dunkel ein alternatives Amerika imaginiert. Welches Verhältnis besteht in Ihrem neuen Roman zwischen der inneren und der äußeren Welt?
Die Figuren in „Unsichtbar“ sind in ihre Zeit verwickelt, sie sind – so wie wir alle – umgeben von den Ereignissen ihrer Zeit. Walker ist sehr mit seinem Widerstand gegen den Vietnamkrieg beschäftigt, er hat ein so starkes soziales Gewissen, dass er seine Ambition, Schriftsteller zu werden, aufgibt, um als Anwalt zu arbeiten und sich für die Unterprivilegierten einzusetzen. Sogar Rudolf Born, Walkers Antagonist, ist in politische Angelegenheiten verstrickt, obwohl nicht genau klar ist, in welche. Er scheint mit der französischen Regierung zu tun zu haben, der Algerienkrieg wird erwähnt. Aber „Unsichtbar“ ist kein politischer Roman in der Hinsicht, dass sich Lösungen aus der Politik ergeben.

Was geschieht, wenn ein Schriftsteller den Raum verlässt, in dem er arbeitet?
Alles Mögliche kann geschehen. Ich zum Beispiel mache dann hin und wieder Filme oder nehme an Veranstaltungen der Schriftstellerorganisation PEN teil – insbesondere an Veranstaltungen, die sich gegen Zensur und die Inhaftierung von Schriftstellern wenden. Man kann kein Buch schreiben, ohne sich vollkommen frei zu fühlen, und deshalb gibt es in aller Welt Regierungen, die versuchen, freie Meinungsäußerung zu unterbinden. In ein paar Wochen nehme ich in Washington an einer Veranstaltung an der Georgetown University teil, einer Lesung aus Dokumenten, die von der Folter durch amerikanische Soldaten in Guantanamo, Irak und Afghanistan handeln. Diese Dokumente, die unter Verschluss gehalten werden und normalerweise nicht zugänglich sind, sind ziemlich schaurig. Ich sehe es als meine Pflicht an, für derartige Dinge mein Arbeitszimmer zu verlassen.

Können Sie das Amerika beschreiben, das Sie dann sehen?
Natürlich, aber ich bräuchte schon allein fünf Stunden, um nur das Wesentliche zu benennen. Meine Frau und ich reden die ganze Zeit darüber: Die enorme Begeisterung, die wir verspürten, als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, ist inzwischen in Verzweiflung umgeschlagen. Die Dinge laufen nicht, Amerika ist blockiert. Wir können nichts zustande bringen. Die republikanische Partei hat sich dermaßen stark radikalisiert, dass es keine gemäßigten Republikaner mehr gibt, sondern nur solche, die als beinahe faschistische Denker dem rechten Flügel angehören. Sie setzen alles daran, dass Obama scheitert, und blockieren jedes seiner Vorhaben. Die Situation ist außer Kontrolle geraten. Alle möglichen Leute teilen meine Meinung, dass wir noch nie ein Amerika mit einer derart handlungsunfähigen Regierung erlebt haben. Sehen Sie sich die ideologische Härte an, mit der sich die Republikaner der Gesundheitsreform entgegengestellt haben. Es ist fast so, als hätte eine Minderheit die Macht im Land übernommen, denn die meisten der 41 Senatoren der Republikaner kommen aus den kleinen Staaten der USA und repräsentieren nicht mehr als 20 oder 25 Prozent der gesamten Bevölkerung. Den Rest von uns haben sie als Geiseln genommen, und Schuld daran hat auch das amerikanische Regierungssystem, das einem kleinen Staat wie Idaho mit seinen etwa 1,5 Millionen Einwohnern ebenso viele Sitze im Senat zuspricht wie Kalifornien. Und Kalifornien hat mit über 35 Millionen mehr Einwohner als so manches europäische Land. Vor zweihundert Jahren hat dieses System funktioniert und die USA erschaffen, aber es ist nicht mehr zeitgemäß – und enorm frustrierend.

Was ist in diesem Amerika unsichtbar?
Tausend Dinge, die ich nicht verstehe. Ich weiß nicht, was in der Regierung vor sich geht. Ich weiß nicht, was in den großen Konzernen vor sich geht. Ich weiß nicht, was in den Banken vor sich geht, zumal bisher alle Versuche, das Finanzwesen zu reformieren, blockiert wurden und die Dinge trotz der Krise, die wir nicht in den Griff bekommen, genauso weiterlaufen wie bisher. Ich weiß nicht, was in den Häusern von dreihundert Millionen Amerikanern vor sich geht. Alles ist unsichtbar – abgesehen von den Dingen, die direkt vor meiner Nase geschehen. Aber selbst die erscheinen mir oft nicht greifbar und verwirren mich.

Was erzählt „Unsichtbar“ über die amerikanische Gegenwart?
Das müssen Sie mir sagen.

Im Buch heißt es zum Beispiel: „Unterschätzen Sie die Bedeutung von Kriegen nicht. Krieg ist die reinste, klarste Äußerung der menschlichen Seele.“
Das ist eine schreckliche Behauptung, und ich weiß nicht, ob an ihr etwas Wahres dran ist – geschweige denn, ob Rudolf Born, die Figur, die dies in meinem Roman sagt, es wirklich ernst meint. Aber es scheint, als hätten wir Menschen nicht nur eine ausgesprochene Fähigkeit, Krieg zu führen, sondern sogar ein tiefes Verlangen nach Krieg. Man sollte denken, wir hätten inzwischen andere Mittel, Konflikte zu lösen, aber dennoch finden auf der ganzen Welt unablässig Kriege statt. Born ist nach dem französischen Troubadour Bertran de Born benannt, der vor allem für seine Gedichte über den Krieg bekannt ist und natürlich für seine Erwähnung in Dantes „Göttlicher Komödie“ – es ist also nicht verwunderlich, dass er so über den Krieg spricht.

Wann werden Sie in Ihr Arbeitszimmer zurückkehren und sich wieder an Ihren Schreibtisch setzen?
Ich habe keine Ahnung. Im Moment bin ich eher mit untergeordneter Arbeit beschäftigt – mit dem Lesen von Übersetzungen und dem Korrigieren von Fahnen. Ich war in Irland und habe einen Vortrag über Samuel Beckett gehalten und einen anderen hier in New York über Alain Robbe-Grillet. Dann hatte ich versprochen, einen Blick auf die englische Übersetzung von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ zu werfen, des großen Romans meines israelischen Freundes David Grossman, und am Ende habe ich mehrere Wochen mit der Arbeit an der Übersetzung zugebracht. Ich habe also genug zu tun und warte auf das, was als Nächstes kommt – was auch immer das sein wird.

„Unsichtbar“ erscheint am 16. Juli im Rowohlt-Verlag und kostet 19,95 Euro.

Das Gespräch führte Thomas David.

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