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 > Leute, die ihre Hunde Stalin nannten

TITEL: Literaturhauptstadt

Leute, die ihre Hunde Stalin nannten

von 
Annett Gröschner
11. Dezember 2009

 

Es war schon nach drei in der Nacht und der letzte Kunde in der Kneipe «Babel» am östlichen Rand des Prenzlauer Berg so betrunken, dass er, über den Barhocker stürzend, im Handstand endete, aber nicht, ohne trotzdem weiterzureden, ein Kauderwelsch, das dem Namen der Kneipe alle Ehre machte.

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Es war schon nach drei in der Nacht und der letzte Kunde in der Kneipe «Babel» am östlichen Rand des Prenzlauer Berg so betrunken, dass er, über den Barhocker stürzend, im Handstand endete, aber nicht, ohne trotzdem weiterzureden, ein Kauderwelsch, das dem Namen der Kneipe alle Ehre machte. Wie liebe ich sie inzwischen, die Trinker und Raucher, die der Leistungs­gesellschaft des Prenzlauer Berg trotzen, wo permanent mit und ohne Sportkinderwagen gejoggt oder gewalkt wird und auf dem sonnabendlichen Markt Alphamännchen auf Erziehungsurlaub lauthals tröten, sie würden jeden Fahrradfahrer, der ihrer Kleinfamilie auf dem Gehweg zur Gefahr wird, gnadenlos in den Staub treten – in momentaner Ermangelung größerer Aufgaben. Neulich habe ich nachts eine Frau beobachtet, die selbstlaminierte Schildchen in Hundekacke steckte, auf denen geschrieben stand, dass die Hundehalter die Exkremente gefälligst von ihren Kindern fernhalten sollen. Als Großstädterin möchte man in solchen Fällen der Hund sein, der ungerührt auf solche Schilder pinkelt.

Ich bin seit 1983 im Prenzlauer Berg, 20 Jahre habe ich hier gelebt, seit ungefähr sechs Jahren wohne ich nur noch hier. Ich kann natürlich auch die abenteuerlichen Geschichten von Wohnungen ohne funktionierenden Ofen und mit eingefrorenen Außen­toiletten, von bösen Hausbuch-Tanten und schnüffelnden Abschnitts­bevollmächtigten erzählen. Ich kenne auch etliche Geschichten aus der Vergangenheit davor, die mir die alten Frauen erzählt haben, bevor sie gestorben oder weggezogen sind, und ich weiß, welche Bombe bei welchem Angriff in welches Haus fiel und wo noch Tote unter der Grasnabe liegen. Vielleicht fällt mir deshalb der Abschied so schwer. Es ist mir inzwischen peinlich zu sagen, wo ich wohne, wenn ich gefragt werde. Ich sage, ich wohne am Friedrichshain, das klingt wie «im Friedrichshain», also ein bisschen nach Hausbesetzung und Autos anzünden und wesentlich besser als Prenzlberg und Kiez.

Die öffentliche Wahrnehmung des Prenzlauer Berg ist inzwischen besetzt durch eine Mittelstandsgesellschaft, die eine perfekte Fassade aufgebaut hat, die derjenigen der sanierten Häuser ähnelt (den Keller sieht ja niemand). Man gibt sich aufgeklärt, wählt grün, bekommt im fortgeschrittenen Alter noch die gesellschaftlich geforderten und geförderten zwei Kinder, engagiert sich in privaten Kindergärten und Schulen und bildet Baugruppen, um sich den Traum vom Eigenheim gemeinsam zu erfüllen. Dabei werden jahrhundertealte Bäume abgeholzt, die Trinker von ihren Plätzen vertrieben, den Hinterhofwohnungen vergeht das Licht. Ja, es gibt sie noch, die Indianer in ihren Reservaten, die den Touristen Kunststückchen vorführen, in der Kittelschürze über die Straße in die Kaufhalle huschen oder sich dem Trunk hingeben. Die Reservate aber werden knapp.


Nur Zehlendorf ist langweiliger

Kein erfolgloser Künstler kann sich noch eine Wohnung im Prenzlauer Berg mieten. Mit Sprachexperimenten lässt sich hier nicht überleben, es müssen schon Romane sein, am besten mit einem auktorialen Erzähler, der dem Leser die Richtung vorgibt, und in denen Figuren, die Anna oder Paul heißen, melancholisch im Caffè Latte rühren. Ich dagegen will Frau Menzinger, Frau Köhnke und Frau Schweickert, die böse berlinern und ihre Hunde Stalin nennen. Und ich will die Besoffenen, die nachts nach Karin rufen. Vor zehn Jahren hat der Fotograf Ulrich Wüst mein Lebensgefühl auf den Punkt gebracht: «Früher wollte ich immer eine Umwelt, in der mehr Leute jung sind und möglicherweise so denken wie ich. Das ist jetzt am Kollwitzplatz auf eine extreme Art und Weise erreicht, und nun merke ich erst, was das für ein Unfug ist.» Das Paradoxe im Prenzlauer Berg ist, dass eine Masse, die aus lauter Individualisten besteht, von weitem wie ein einheitlicher pastellfarbener Brei wirkt. Langweiliger in der Zusammensetzung ist wohl nur noch Zehlendorf.

Hintergrund

Mit Alfred Döblins «Berlin Alexanderplatz» (1929) fing alles an, seit dem Fall der Mauer kommen immer weitere Legenden hinzu - schließlich leben in der Hauptstadt inwischen die meisten deutschen Dichter, deren Berlin-Romane Regalkilometer füllen. Aber gibt es «Berlin» überhaupt? Ist es nicht von Stadtteil zu Stadtteil, von Kiez zu Kiez eine jeweils völlig andere Stadt? Sechs Autorinnen und Autoren haben für «Literaturen» ihr persönliches Kiez-Bild gezeichnet.

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