Facebook stemmt derzeit den bislang größten Börsengang eines Internet-Unternehmens. Cicero Online sprach mit Börsen-Experte Dirk Müller über einen vollkommen überteuerten Kurs, tyrannische Werbung und Zuckerbergs einseitiges Geschäftsmodell
Herr Müller, haben Sie heute schon eine Facebook-Aktie
gekauft?
Nein, das habe ich nicht und ich werde auch
keine kaufen.
Warum
nicht? Sind Ihnen die 38 Dollar zu teuer?
Vollkommen
überteuert! Dieser Börsengang dient allein dazu, den Alteigentümern
die Kassen zu füllen. Facebook braucht kein Geld für seine weitere
Expansion. Die haben mehr als genug! Zuckerberg, seine Partner und
Freunde haben Millionen und Abermillionen Aktien in ihren Depots
liegen. Diese Aktien hatten bisher keinen Wert, weil ein
entsprechender Börsenkurs fehlte. Die Banken konnten zwar schätzen,
aber vernünftig anfangen ließ sich damit nichts. Nun hat man einige
wenige Aktien dem Markt übergeben, um die sich die gesamte
Facebook-Fangemeinde reißen soll, um den Kurs hochzutreiben – mit
Erfolg wie wir sehen.
Der Börsenkurs wird also derzeit nur durch den Hype
befeuert?
Ja, und das gelingt sehr gut! Der Kurs wird
schon ziemlich bald beim doppelten oder sogar noch höher liegen.
Alle Aktien werden mit diesem hohen Kurs bewertet und in Amerika
gibt es dann einige Multimilliardäre mehr, finanziert durch die
Facebook-Fans, die diesen hohen Preis zahlen. Das heißt, hier ist
ein Unternehmen am Start, das einen Börsenwert von 100 Milliarden
Dollar hat. Das ganze bei einem Gewinn von 1 Milliarde und einen
Umsatz von 3,5 Milliarden – eine mehr als sportliche Bewertung. Ob
Facebook in den nächsten Jahren so viel verdienen wird, um diesen
Preis zu rechtfertigen, bleibt zu bezweifeln. Selbst wenn das
gelingt, fragt sich, wo dann die Euphorie und die Käufer herkommen
sollen, um den Kurs zu halten oder noch höher zu treiben.
Erweist sich Facebooks Börsengang dann als gigantische
Fehlspekulation?
An der Börse ist alles möglich!
Halbiert sich der Kurs, so halbieren sich auch die Depotwerte.
Zuckerberg & Co haben also ein großes Interesse daran, dass der
Kurs durch das ganze Geld, das die Aktienverkäufe einbringen, hoch
bleibt. Das ist durchaus denkbar. Aber das sind Zockereien,
Finanzspielereien, die nichts mit dem wirtschaftlichen Erfolg von
Facebook und dem künftigen Wachstums des Unternehmens zu tun haben.
Ich kann den Anlegern empfehlen: Wir haben so viele spannendere
Unternehmen an der Börse, deren Aktien man erwerben kann, die
wesentlich interessantere Bewertungen aufweisen. Zuckerberg ist ein
Hütchenspieler. Dann kann man auch gleich in die Spielbank gehen –
da hat man wenigstens einen schönen Abend.
Aber entspricht diese hohe Bewertung an der Börse dem
tatsächlichen Wert des Unternehmens?
Der Wert eines
Unternehmens ist immer der, den die Menschen bereit sind, dafür zu
bezahlen. Im Vergleich zu anderen Unternehmen ist diese Bewertung
meines Erachtens allerdings viel zu hoch. Facebook verzeichnet mit
seinem Kurs an der Börse einen 100-fachen Gewinn. Bei Google war es
gerade mal das 15-Fache. Da sehen Sie den ganzen Wahnsinn.
Facebooks Investoren werden sich nun die drängende Frage
stellen: Wie nachhaltig ist dieses Geschäftsmodell?
Facebook muss sich überlegen, wie sie mit ihren Usern nachhaltig
mehr Geld verdienen. Ob über Werbung, Käufe und Verkäufe innerhalb
des Facebook-Systems, über kostenpflichtige Sonder-Logins – vieles
ist denkbar. Aber natürlich birgt dieses Geschäftsmodell auch
gigantische Risiken. Da muss nur ein Datenschutzbeauftragter ein
Urteil sprechen und schon ist Facebook akut gefährdet. Auch
Urheberrechtsklagen sind denkbar. Es ist ein sehr einseitiges
Geschäftsmodell, verbunden mit sehr vielen juristischen
Unwägbarkeiten. Darüber sollten sich die Investoren im Klaren
sein.
Seite 2: Müssen wir uns künftig von aggressiver Werbung tyrannisieren lassen?











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