Yahoo-Chefin Marissa Mayer

Die Tigermama vom Silicon Valley

Ihre Methoden lösen nationale Debatten aus, Marissa Mayer versucht derweil ihren Internetkonzern zu retten 

Yahoo-Chefin Marissa Mayer
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Unser Autor

Christine Mattauch ist freie Wirtschaftskorrespondentin. Sie lebt und arbeitet seit 2007 in New York.

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Nach sieben Monaten an der Spitze von Yahoo hat Marissa Mayer einen neuen Spitznamen weg: „Stalin des Silicon Valley“, schreibt die New York Times. Und warum? Per Dekret hatte sie ihren Mitarbeitern verboten, zu Hause zu arbeiten, und sie ins Büro zurückbeordert. Passender wäre vielleicht „WLAN-Lenin“ gewesen. Denn die Entscheidung fiel, nachdem Mayer die Login-Daten ihrer Heimarbeiter überprüft und festgestellt hatte, dass sich viele von ihnen eher selten im firmeneigenen Netz anmeldeten. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle eben doch besser, wird sich die als Datenfetischistin bekannte Mayer gedacht haben.

In ihrer kurzen Zeit als Yahoo-Chefin hat Mayer schon jede Menge Schlagzeilen produziert. Frauen sind rar in der Tech-Branche, und mit 37 Jahren ist sie die jüngste, die je ein IT-Unternehmen dieser Größe leitete. Einen Tag nach ihrer Ernennung gab sie bekannt, dass sie schwanger war. Ihre Babypause dauerte ganze zwei Wochen, dann ließ sie auf eigene Kosten ein Kinderzimmer in die Chefetage einbauen und bezeichnete kurze Zeit später das Kinderkriegen als „easy“.

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In den USA hat sie sowohl mit dieser Äußerung als auch mit dem Homeoffice-Verbot eine landesweite Debatte ausgelöst. Harte Kritik erntet Mayer vor allem von Frauen. New-York-Times-Kolumnistin Maureen Dowd und Frauenrechtlerin Joanne Bamberger werfen ihr vor, arbeitenden Müttern zu schaden, für die flexible Arbeitszeiten und Heimarbeitsplätze unverzichtbar seien. Selbst die deutsche Familienministerin Kristina Schröder fühlte sich berufen, Mayer für ihre kurze Babypause zu kritisieren.

Mayer selbst kommt der Trubel um ihre Person sogar gelegen, weil die Publicity dem Konzern nützt – erstmals seit langem steigt die Zahl der Yahoo-Nutzer. Sie selbst ist es ohnehin gewohnt, im Rampenlicht zu stehen: Mayer war eine der wenigen, die ihren früheren Arbeitgeber Google nach außen vertreten durfte. Die Partys in ihrem Fünf-Millionen-Dollar-Penthouse oberhalb des Luxushotels Four Seasons in San Francisco waren legendär; ebenso die 60 000 Dollar, die sie für ein Mittagessen mit Modezar Oscar de la Renta spendete.

Nach außen glamourös, greift sie nach innen energisch durch, wie das unpopuläre Heimarbeitsverbot beweist. Aus der Yahoo-Zentrale heißt es dazu nur, Mayer wolle ihrer demoralisierten Mannschaft, die mit ihr den sechsten CEO in fünf Jahren erlebt, neuen Teamgeist vermitteln. „Sie mag ein darwinistisches Arbeitsumfeld, in dem sich die besten Ideen durchsetzen“, beschreibt das New York Magazine ihren Führungsstil.

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Um die Stimmung zu verbessern, lobt die Chefin bei jeder Gelegenheit alles, was sie bei Yahoo vorfindet, aber die Lage ist kritisch. In den Anfangsjahren des Internets war das Such- und Nachrichtenportal der Inbegriff der Onlinewelt. Doch Yahoo verliert seit Jahren Marktanteile. Der Aktienkurs, schon mal bei 110 Dollar, steht heute bei gut 20 Dollar – immerhin 30 Prozent mehr als bei Mayers Amtsantritt.

„Marissa besitzt eine Qualität, die bei Yahoo Mangelware ist: Klarheit“, sagt der Sachbuchautor Ken Auletta, der zwei Jahre im Hauptquartier von Google recherchierte. Dort war sie bekannt dafür, Kollegen mit hochfliegenden Plänen zu erden – freundlich, aber unnachgiebig. Sie formulierte Leitlinien für Design und Sprache und definierte Prozesse, nach denen neue Projekte durchzuführen waren. Über 100 Produkte soll Mayer entwickelt haben. Als Informatikerin mit Stanford-Abschluss genießt sie auch den Respekt der eigenen Programmierer. Doch kann sie auch Strategie?

Tech-Blogs wie „All Things Digital“ halten ihr vor, keine Vision für Yahoo zu haben. Dabei hat Mayer gleich zu Anfang ein klares Statement abgegeben: Sie stattete die gesamte Belegschaft mit Smartphones aus. „Das mobile Geschäft birgt enorme Chancen für Yahoo“, sagt sie, „wir haben all die Informationen, die die Leute auf ihren Handys abrufen wollen.“ Yahoo solle die erste Anwendung werden, die sich Leute nach dem Kauf eines Smartphones herunterladen – eine Art Super-App. Wenn das keine Richtungsbestimmung ist.

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Gleichzeitig ist es aber auch ein Eingeständnis, dass Yahoo beim Aufstieg des mobilen Internets und der Entwicklung eigener Apps bisher tief geschlafen hat. Ob die Aufholjagd in einem hart umkämpften Markt gegen Konkurrenten wie Facebook, Google oder Apple funktioniert, ist fraglich. In der Branche gilt eine Kehrtwende bei Yahoo als schwierig bis unmöglich.

Gerade deswegen hat Mayer der Wechsel zu Yahoo aber gereizt. Bei Google sah die Ex-Freundin des Firmengründers Larry Page dagegen keine weiteren Aufstiegschancen. Mayer war 1999 als 23-Jährige zu dem damals unbekannten Start-up gestoßen, als Mitarbeiter Nummer 20. Der Aufstieg der Suchmaschine machte sie reich: Ihr Vermögen wird auf 300 Millionen Dollar geschätzt.

Bei Yahoo hat sie gleich zu Beginn ein loyales Team um sich versammelt. Schlüsselpositionen wurden neu besetzt, darunter die Vorstände für Finanzen, Organisation und Marketing. Viel zu verlieren hat Mayer nicht. Selbst wenn die Wende misslingt, gewinnt sie Erfahrung – der nächste Chefposten ist damit schon garantiert. Wenn sie noch mal einen haben will. Doch dass sie sich in Kürze auf die Erziehung ihres Sohnes Macallister beschränkt, kann man wohl ausschließen. 

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