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 > „Du verlierst alles“

Kapital
Ökonomie und Alltag

„Du verlierst alles“

von 
Til Knipper
16. Dezember 2011
picture alliance
Wulff, Bundespräsident
"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr", wird der Rilke Liebhaber Wulff gedacht haben

Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keinen Kredit über eine halbe Millionen Euro ein. Vor allem dann nicht, wenn Sie der erste Mann im Staate werden wollen. Freitagskolumnist Til Knipper über Wulffs Patzer, Eigenheimpatriotismus made in USA und die Härte eines Monopoly-Spiels

Diese Woche habe ich viel über Immobilien und ihre Finanzierung gelernt. Auch wenn der documenta-5-Experte, aka mein Chef, mir das Wulff-Thema gestern schon vor der Nase weggeschnappt hat, fasse ich die wohl vorherrschende Meinung (siehe Frank Schirrmacher) nochmals kurz zusammen: Wenn Sie sich gerade geschieden haben, für sich und ihre neue Ehefrau ein Einfamilienhaus kaufen wollen, Ministerpräsident eines Flächenstaates sind, zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht damit rechnen, in gar nicht allzu ferner Zukunft das höchste Amt im Staate zu bekleiden, dann dürfen Sie auf keinen Fall einen günstigen Kredit über eine halbe Million Euro von der Frau ihres Trautzeugen aus erster Ehe annehmen, sondern müssen zur örtlichen Sparkasse gehen, um dort ein Prozent mehr Zinsen zu bezahlen. Halten Sie sich nicht an diesen Rat und haben zu allem Überfluss vorher auch noch auf einem Flug in die USA ein Upgrade in die Businessclass angenommen, sind sie später höchstens noch für das Amt des FDP-Genralsekretärs vermittelbar, es sei denn, gegen Sie wird wegen Fahrerflucht ermittelt. Dann ist der Weg in die politische Langzeitarbeitslosigkeit vorgezeichnet.

Aber zurück zu den Immobilien: Schirrmacher behauptet in seinem Artikel, Wulff habe sich das Haus nicht leisten können und "auf normalen Wegen auch keinen Kredit für 120 Prozent der Kaufsumme bekommen". Wulff ist demnach in Schirrmachers Augen vergleichbar mit den amerikanischen Subprime-Kreditnehmern. Dabei vergisst der FAZ-Herausgeber aber, dass Wulff auch als Ministerpräsident schon eine recht hohe Bonität genossen haben dürfte, nicht zuletzt wegen der großzügigen Pensionsansprüche, die dieses Amt im Vergleich zu normalen Jobs mit sich bringt. Wulff fand auch sofort eine Bank für die Refinanzierung, als er sich entschied den Privatkredit vorzeitig zurück zu zahlen.

Apropos 120-Prozent-Kredite: In den USA, schreibt James Surowiecki diese Woche im New Yorker, zahlt die große Mehrheit der Hauseigentümer weiterhin ihre Hypotheken zurück, obwohl sie der Bank nach dem Verfall der Immobilienpreise häufig 150 Prozent des Hauswertes schulden. Sie verbrennen also jeden Monat Geld, statt die Zahlungen einzustellen und der Bank das Haus zurückzugeben, was in den USA rechtlich möglich ist. Warum machen es die amerikanischen Häuslebesitzer nicht? Unternehmen wie American Airlines, die noch vier Milliarden US-Dollar auf dem Konto hatten, meldeten freiwillig Insolvenz an, weil sie seit längerer Zeit Verluste machten und dem "schlechten Geld nicht weiterhin gutes hinterwerfen wollten", können durch diesen Schritt Vereinbarungen mit den Gewerkschaften lösen und ihre Kosten reduzieren.

Dass sie ihre Schulden nicht bezahlen, obwohl sie es könnten, führt nicht zu einem öffentlichen Aufschrei, schreibt Surowiecki, sondern American Airlines Vorgehn wird allgemein als "very smart" akzeptiert. Ganz anders bei den amerikanischen Hauseigentümern, denen von allen Seiten suggeriert wird, es sei unamerikanisch, seine Schulden nicht zu bezahlen. John Courson, der Präsident der amerikanischen Hypothekenbankenvereinigung spielt dabei gerne die gesellschaftliche Karte: Wer seine Zahlungen einstelle, sende die falsche Botschaft an "seine Familie, seine Kinder und seine Freunde".

Wie man seine Kinder auf das Thema Immobilienfinanzierung richtig vorbereitet, erzählt der wohl derzeit beste amerikanische Stand-up-Comedian Louis CK in seinem aktuellen Programm. Mit seinen beiden Töchtern, neun und sechs Jahre alt, spielt er gerne Monopoly, obwohl er einräumt, das die Jüngere emotional noch nicht bereit dafür sei, in diesem Spiel zu verlieren. Denn eine Monopoly-Niederlage ist etwas Finsteres, Schwerwiegendes. Schonung von ihrem Vater darf sich die Kleine in diesen Situationen aber nicht erhoffen. Stattdessen sagt er dann zu ihr: "Okay, Sweetie, jetzt passiert folgendes: Du verlierst alle Deine Grundstücke, alles, was Du hast, die Bahnhöfe, die Häuser all Dein Geld gehört jetzt mir. Du musst mir das alles geben und das ist nur ein Bruchteil von dem, was Du mir schuldest. Du verlierst alles, wofür Du so hart gearbeitet hast, an mich und ich werde es benutzen, um damit Deine Schwester zu zerstören." Suchen Sie das Spiel doch für die Festtage schon mal heraus.

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Wulffs Patzer

In dem Beitrag suggeriert Verfasser Til Knipper, der damalige Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff, hätte für sein Eigenheim keinen ähnlich günstigen Kredit (Hypothekendarlehen) bei örtlichen oder überörtlichen Sparkassen oder Banken bis hin zur Norddeutschen Landesbank erhalten können und sich aus diesem Grunde ein Privatdarlehen bei Frau Geerkens, seiner Trauzeugin aus erster Ehe, gewähren lassen.

Es dürfte unstrittig sein, daß der Ministerpräsident als Bankkunde ein sehr gutes Risiko darstellt, so daß er mit äußerst günstigen Konditionen hätte rechnen können, Konditionen, von denen wir Normalverbraucherinnen und -verbraucher eigentlich nur träumen können.

Warum er dennoch ein Privatdarlehen der Familie Geerkens vorgezogen hat, bleibt unerfindlich. Es zeigt immerhin die Nähe und eine gewisse Abhängigkeit von einer finanzkräftigen Unternehmerfamilie. Und gerade diesen Eindruck sollte ein Politiker, der ein höheres Staatsamt bekleidet, unbedingt vermeiden, um unabhängig zu bleiben.

Gleiches gilt im übrigen für seine Nähe zum AWD-Gründer Carsten Maschmeyer, der inzwischen vielfach als Persona non grata gilt und über den es kaum Positives zu berichten gibt. Wie kann ein amtierender Bundespräsident sich in einer luxuriösen Finca dieses Multimillionärs oder gar Milliardärs Maschmeyer auf Mallorca einmieten?

Muß es für ihn immer "die Nähe zum großen Geld" sein in der Hoffnung, Urlaub zum Schnäppchenpreis machen zu können?

Das dienstliche Salär eines Bundespräsidenten (und auch das eines Ministerpräsidenten) dürfte mehr als ausreichen, um einen angemessenen Urlaub in gehobenem Amtiente zu machen, oder?

Christian Wulff hat einmal mehr bewiesen, daß er kein Gespür für diese Zusammenhänge hat. Für den Inhaber des höchsten deutschen Staatsamtes ist dies zumindest ein schwaches Bild, das er durch eine starke Amtsführung bislang nicht aufhellen konnte.

  • Antworten
Yvonne Walden16.12.2011 | 12:16 Uhr

Am Thema vorbei

Ich muss gestehen, diese Skandälchen interessieren mich immer nur am Rande, aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, war Wulffs Fehler nicht, den Kredit anzunehmen, sondern ihn nicht anzugeben, als er danach gefragt worden ist.
Während ersteres vielleicht ein "Geschmäckle" hat, ist letzteres ein klarer Regelverstoß, für den er momentan Gelb sieht. Aber selbst Rot wäre nicht sonderlich schade, denn den wollte ja eh keiner wirklich als Präsident.

  • Antworten
Thomas D.18.12.2011 | 00:16 Uhr

Bundespräsident Wulff

Es ärgert mich sehr, das solche Leute Deutschland präsentieren, jeder Andere würde bei einem Fehltritt seinen Arbeitsplatz und sogar sein Haus verlieren. Nicht aber in der Politik, 4 Jahre im Amt und sie haben ausgesorgt.

  • Antworten
steiger21.12.2011 | 15:10 Uhr

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