Kann man als Vierfach-Mutter und Geisteswissenschaftlerin eines der größten Hochtechnologieunternehmen führen? Ja, das geht. Die Trumpf-Chefin im Gespräch über ihr flexibles Arbeitszeitmodell, Produktpiraterie und Vorstandssitzungen mit Ehemann und Bruder
Frau Leibinger-Kammüller, Sie sind als Chefin des
Maschinenbauers Trumpf die Nachfolgerin ihres Vaters Berthold
Leibinger und die Vorgesetzte Ihres Mannes und Ihres Bruders. Ihre
Tochter soll mal gesagt haben, sie wolle dasselbe machen wie Sie,
weil „Papa im Büro machen muss, was Mama sagt“. Wer ist denn bei
Ihnen zu Hause das Leitbild?
Bei uns daheim muss sich niemand unterdrückt fühlen. Wir haben drei
Söhne und eine Tochter, da gibt es unterschiedliche Themen und
Leitbilder. Mal ist der eine zuständig, mal der andere. Dass mein
Mann und ich gemeinsam in der Geschäftsleitung sitzen und ich die
Vorsitzende bin, ist kein Problem. Mein Mann verantwortet einen
eigenen großen Geschäftsbereich – ebenso wie mein Bruder. Ich
bewundere beide sehr. Sie machen ihre Aufgaben sehr gut. Irgendwann
allerdings geht es um Entscheidungen für die gesamte
Unternehmensgruppe. Aber das klappt. Und unsere Tochter ist eben
stolz auf mich. Sie hat drei ältere Brüder; die Idee, dass sie
denen mal sagen kann, was Sache ist, fasziniert sie natürlich.
Ihr Vater ist Aufsichtsratsvorsitzender bei Trumpf. Er
hat Ihnen mal am Telefon eine Frage zur Firma gestellt, woraufhin
Sie antworteten: „Das habe ich dir doch schon beim Mittagessen
erzählt.“ Er erwiderte: „Aber jetzt frage ich dich als
Aufsichtsratsvorsitzender.“ Trennen Sie zwischen Beruf und
Familie?
Nein, das ist völlig undenkbar in so einem Unternehmen.
Und wie bekommen Sie Abstand?
Wir machen nicht mehr als Großfamilie gemeinsam Urlaub, wie wir es
früher manchmal getan haben. Aber natürlich fahre ich mit meinem
Mann und den Kindern in die Ferien. Mein Mann und ich sprechen
nicht über das Tagesgeschäft, sondern über strategische Dinge. Dann
ist Trumpf mal ein paar Stunden gar kein Thema, und später kommen
wir wieder darauf zurück. Um auf neue Ideen zu kommen, ist das
hilfreich. Aber meine Lieblingsfrage zu dem Thema fehlt noch.
Wie lautet die? Kann man als Frau und
Geisteswissenschaftlerin ein solches Hochtechnologieunternehmen
führen?
Ja, das geht.
Vor einem Dreivierteljahr haben Sie bei Trumpf ein
flexibles Arbeitszeitmodell eingeführt, bei dem die Mitarbeiter
zwischen 15 bis 40 Wochenstunden wählen und bis zu
1000 Überstunden sammeln können.Wie viele Mitarbeiter nutzen
das?
Wenn Sie alle Einzelbausteine betrachten, dann nutzen es rund
75 Prozent. Bisher sind das vor allem Mitarbeiter, die ihre
Arbeitszeit erhöhen wollen. Uns schwebt vor, dass das gegeneinander
läuft: Die einen stocken auf, andere arbeiten vorübergehend
weniger. Ein verheirateter Ingenieur mit Kindern kann für eine
Weile von 40 auf 30 Stunden heruntergehen, damit seine Frau
mehr arbeiten kann. Dafür muss sie allerdings die Voraussetzungen
in ihrer Firma finden. Das wird kommen. Das wird sich einspielen,
wenn unsere Mitarbeiter gute Erfahrungen mit diesem Modell gemacht
haben. Und wenn sie merken, dass diejenigen, die eine Weile
weniger arbeiten, keine Mitarbeiter zweiter Klasse geworden sind,
sondern auch Karriere machen können. Das muss sich in den Köpfen
entwickeln.
Seite 2: Kinderbetreuung in Japan










