Indem die deutsche Politik die schwelende Debatte über „Konstruktionsfehler“ der Währungsgemeinschaft nicht aufgreift, überlässt sie das Feld Verschwörungstheoretikern und Apokalyptikern. Die Politik steckt in einem Kommunikationsdilemma.
Manchmal reichen wenige Buchstaben, um die große Eurodebatte wieder einzufangen. Im November vergangenen Jahres machte die Meldung Schlagzeilen, eine Gruppe deutscher und französischer Diplomaten diskutiere hinter verschlossenen Türen eine Verkleinerung der Eurozone. Man müsse eine genaue Liste der Euro-Länder erstellen, die nicht „Teil des Clubs“ sein können, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters anonym einen Beamten. Doch das Dementi folgte prompt und auf ungewöhnlichem Wege. Per Kurzmitteilungsdienst Twitter erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert, die Bundesregierung wolle im Gegenteil die „Eurozone als ganzes“ stabilisieren.
Mit jedem öffentlichen Zweifel an der Währungsunion in ihrer heutigen Form laufen Politiker Gefahr, einen ungeordneten und unbeherrschbaren Prozess herbeizureden, eine Kettenreaktion, die selbst zu einem chaotischen Zerfall des Währungsraums führen könnte. Die Bundesregierung steckt in einem Dilemma. Es wäre angesichts der Entwicklungen verantwortungslos, sich nicht auf das Szenario einer kleineren Eurozone vorzubereiten. Zugleich wäre das öffentliche Reden darüber verantwortungslos, könnte zur selbsterfüllenden Prophezeiung geraten.
Und so überlässt die Politik die öffentliche Euro-Debatte vielen Panikmachern und Apokalyptikern – und inzwischen auch dem ehemaligen Bundesbanker Thilo Sarrazin. Die fragen sich dann, kommt die D-Mark über Nacht? Müssen Portugal und Spanien den Euro verlassen? Ist das ganze Währungsprojekt ein Irrweg? Im Forum des Internetportals Hartgeld.com zum Beispiel debattieren Nutzer intensiv über das baldige Ende der europäischen Gemeinschaftswährung, über den großen Systemabsturz.
Hartgeld.com-Gründer Walter K. Eichelburg geht mit seinen Eurountergangsszenarien hausieren. In Seminaren bereitet der österreichische Verschwörungstheoretiker sein Publikum auf den Euro-Crash vor. Er wirbt für Investments in Gold- und Silber, warnt vor den Lügen der „Mainstream-Medien“. In Eichelburgs düsterer Welt druckt die Bundesbank längst D-Mark-Scheine, bringen die Eliten ihr Vermögen in Sicherheit. Die Gemeinschaftswährung wird scheitern, da ist sich Eichelburg sicher und es gibt viele, die in seiner Parallelwelt versunken sind. Der Zähler des Hartgeld-Forums zeigt mehr als 27 Millionen Besuche seit 2007. [gallery:Eine kleine Geschichte des Euro]
Sicher ist Eichelburg ein kruder Krisengewinnler, der mit der Warnung vor dem Eurountergang Kasse macht. Doch das grassierende Misstrauen gegenüber dem offiziellen Euro-Diskurs gibt zugleich zu denken. Es zehrt davon, dass verantwortungsbewusste Politiker eben nicht frei und offen über „Konstruktionsfehler“ oder den Zuschnitt der Währungsgemeinschaft reden können, wenn sie das Vertrauen in den Euro nicht selbst erschüttern wollen. Die Kommunikation zwischen Politikern in Regierungsverantwortung und Bürgern ist zwangsläufig gestört, weil die Finanzmärkte „mithören“.
Aus Sicht der Euroskeptiker muss das kollektive Schweigen der Politik surreal erscheinen. Fast täglich lassen sich in der Wirtschaftspresse, in den politischen Talkshows, in Blogs und Foren des Internets drastische Botschaften hören: Der Euro sei nicht zu Ende gedacht worden, die Währungsunion sei in der heutigen Form ökonomisch nicht tragfähig. Und es sind mitnichten nur Verschwörungstheoretiker und Apokalyptiker, wie Eichelburg, die sich zu Wort melden. Doch die Regierenden lassen sich nicht einmal auf die seriösen kritischen Stimmen ein. Niemand greift die virulente These auf, dass viele Ursachen der Krise im Euro selbst liegen. Die Währungs-Systemfrage wird nicht gestellt.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, warum ein Nobelpreisträger die Einführung des Euro rügt











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