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 > Wenn der Markt zum Gott wird

Kapital
Frank A. Meyer

Wenn der Markt zum Gott wird

von 
Frank A. Meyer
7. Dezember 2011
picture alliance
markt, Moral, Spekulation, Gott, Kapitalismus
Die Frakfurter Kathedrale der Kapital-Jünger. "Der unsichtbaren Hand, dem Markt und dem heiligen Geld - Amen."

Es heißt, wer Markt an Moral misst, dem mangelt es an Kompetenz, der entlarvt sich als Sozialromantiker ohne Ahnung. Doch jeder Mensch weiß, was er tut - oder unterlässt. Wie kommt es, dass vom Täter in der U-Bahn Reue erwartet wird – vom Täter an der Börse dagegen nicht?

Seite 1 von 2

Die Organisation „Foodwatch“ kritisiert die Spekulation mit Agrar-Rohstoffen. Sie sei massiv mitverantwortlich für den Hunger in der Welt. Zu den „Hungermachern“ zählt nach dem Bericht der Verbraucherschützer auch die Deutsche Bank.
Wie reagiert Josef Ackermann auf diesen Vorwurf? Mit dem Satz: „Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen.“ Ist das ein guter Satz? Er klingt ja erst mal einsichtig. Doch es ist ein schlechter Satz! Nicht dem Schicksal hungernder Menschen gilt der spontane Gedanke, nicht dem Elend ausgemergelter Kinder gilt die Anteilnahme Ackermanns, nein, die Sorge des Schweizers gilt einzig und allein dem Ruf der Deutschen Bank.

Sind „die Märkte“ so? Jenseits von Gut und Böse? So wird es uns mit der Zwei-Wort-Formel „die Märkte“ suggeriert. Tätigen „die Marktteilnehmer“ demnach, wie eine weitere geläufige Formel lautet, ihre Geschäfte jenseits jeder Moral – die Ackermänner in Frankfurt, New York, London, Zürich?

Der konservative Philosoph Hermann Lübbe aus Münster hält Moralismus für den „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“. Ist moralische Gesinnung tatsächlich Unsinn, wenn es um Maß und Maßlosigkeit der Märkte geht? Lübbes Diktum dient der globalisierten Finanzwirtschaft als Dogma: Wer Markt an Moral misst, der redet Mumpitz, dem mangelt es an Kompetenz, der entlarvt sich als Sozialromantiker ohne jede Ahnung von der wilden Wirklichkeit dort draußen auf den Weltmärkten.

Im Spiegel kam jüngst der Spekulant Alan Knuckman (42) zu Wort. Er macht in seinem Geschäft keinen Unterschied zwischen Rohöl, Silber und Nahrungsmitteln: „Ich glaube an den Markt, und der hat immer recht.“ Zum Hunger in der Welt sagt der Rohstoffhändler: „Das Zeitalter der billigen Lebensmittel ist vorbei. Die meisten sind ohnehin überfressen.“ Unterernährung als Folge seines Tuns hält Knuckman für „unerwünschte Nebeneffekte des Marktes“, Kollateralschäden eben, denn wo gehobelt wird, da fallen Späne, wo spekuliert wird, da fallen Menschen – und mit Moral hat das alles natürlich nichts zu tun, viel dagegen mit Lübbes „Urteilskraft“, jener ominösen, jedem Moralismus überlegenen kalten Kategorie.

So scheint denn alles aufs Wundersamste eingerichtet: Nationen werden ins soziale Elend spekuliert, Menschen durch Wetten um Wasser und Brot gebracht – verantwortlich dafür ist allein der Markt, also niemand.

In der Schweiz warben vor Jahren junge Anarchos für einen seltsamen Kandidaten: „Wählt Niemand!“ Den Niemand gab es nicht. Es war ein Ulk. Heute gibt es den Niemand. Und es ist kein Ulk. Es ist der Markt. Diesen Niemand allerdings hat niemand gewählt. Darauf beruht seine Macht, seine Übermacht, seine Allmacht: Es kann ihn nämlich auch niemand abwählen. Nach dem Katechismus der marktradikalen Religion ist das allerdings auch unnötig, denn der Markt kann nicht sündigen, wie ja ein Gott nicht sündigt, woraus folgt, dass der Markt nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Und was dem Finanzkapitalismus ein rechter Gott sein will, der befreit die fehlbaren Menschen von ihrer Sünde, nimmt Bankern, Hedgefondsmanagern, Rohstoffhändlern und Börsenzockern die Last der Moral von den Schultern, indem er alle Schuld auf sich lädt – ein Jesus, ER, der Markt.

Hilft beim Blick auf die finanzkujonierte Welt nur noch Beten?

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Abschieben der Verantwortung

Als Konzeptkünstler beschäftige ich mich mit diesem für mich unerträglichen Verhalten. Ich komme zu einer ähnlichen Sichtweise wie Herr Meyer.

Ich empfinde den Kapitalismus als Religion – als eine fundamentalistische Staatsreligion. Diese gibt den politischen Entscheidungsspielraum vor und prägt das gesellschaftliche Leben bis ins Privateste hinein.

Das Symbol dieser Religion ist das goldene Prozentzeichen, denn Zins, Rendite, Wachstum etc. werden in Prozent bemessen.

Diese Religion hat zwei in Stein gemeißelte Gebote:
1. Wenn du nimmst, dann sei gierig!
2. Wenn du gibst, dann sei geizig!

Für mich sind Geiz und Gier Antikultur, weil sie den Menschen auf seine niedrigsten Beweggründe reduzieren. Weniger Geiz und weniger Gier bedeuten mir mehr Menschlichkeit – und ermöglichen erst Kultur!

Gruß
Andreas Lange

  • Antworten
THE CHURCH OF MONEY08.12.2011 | 09:56 Uhr

wenn der markt zum Gott wird

Einen Gott( einen Rendite-Junkie) kann man nicht verantwortlich machen? Doch ist nicht gerade mit der Schaffung eines Gottes und eines Teufels nicht das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit entstanden? Wer von den "Verantwortlichen" will denn Diese übernehmen? Die Entlohnung dafür nimmt man gerne,doch sie Fehler machen die
"Märkte", die "Globalisierung" oder das "Schicksal". "Denn sie wissen nicht was sie Tun?" Das ist wahrscheinlich, denn Macht verdummt und korrumpiert, "Gier frisst Hirn"! Diese Junkie-Mentalität wird geschützt durch die Baumarkt-Philosophie dieser Raubtiere des Dschungels: der Starke frisst den Schwachen,oder die "natürliche Auslese"? Doch kein Vieh frisst mehr als es braucht, zum Leben.

  • Antworten
wolfram mertin08.12.2011 | 10:33 Uhr

„Die Märkte“

haben durchaus Namen. Die an der Börse investieren sind vorwiegend Fonds, Versicherungen und Investmentbanken mit sehr bekannten Namen. Die Herren Riester und Rürup haben übrigens auch kapitalgedeckte Renten erfunden, die von der Politik wärmstens empfohlen werden.
Die Politik (nicht die Bürger) ist weltweit bei den „privaten Investoren“ verschuldet, da diese ja von irgendwo Geld brauchte um Wahlkämpfe und Wahlgeschenke zu finanzieren. Deshalb ist auch kein Politiker ernsthaft daran interessiert die Banken zu regulieren. Es war sogar eine rot-grüne Bundesregierung, die „Finanzmarktreformen“ für noch hemmungsloseres Zocken eingeführt hat. Die neuen Ministerpräsidenten Griechenlands und Italiens arbeiteten sogar im Bankensektor. Um es genauer zu sagen: Beide waren Mitarbeiter der US-Bank Goldman Sachs.
Welch ein Zufall.

  • Antworten
Domingo08.12.2011 | 13:27 Uhr

Die stillen Teihaber am Casinokapitalismus

Wenn der Markt zum Gott wird, schreibt Frank. A. Meyer. Ergänzend könnte ich hinzufügen oder der Esel zu einer Katze oder die Erde zu einer Scheibe, was wäre dann? Dann wäre das Universum vielleicht ein völlig anderes und alle hätten die vielen Probleme nicht, die der Autor beklagt.

Ungeachtet dessen treibt ihn offenbar der Gedanke an, dass der Markt und insbesondere die Börse etwas Böses sei und er das Gute vom Bösen unterscheiden könne. Wer so denkt schreibt sich Eigenschaften zu, die nur Gott vorbehalten sind, denn er allein weiß was das Gute und das Böse ist und nicht Frank. A. Meyer.

Nun ist was auf dem Markt geschieht nicht alles ein heiliges Sakrament oder ein göttlich geschriebenes Regelwerk, sondern Menschenwerk, allerdings ein Werk, dessen Regeln immer weniger Menschen wirklich verstehen. Und das macht Angst. Und weil es nicht vor der eigenen Haustür passiert, geht es im Dunstkreis des weit Entfernten unter, zurück bleibt Ratlosigkeit. Waren es früher Könige oder Kaiser, die den Menschen sagten, was sie zu tun oder zu lassen hätten, so sind es heute die großen Banken, Hedgefonds, Pensionsfonds. Investmentfonds und dergleichen und die superreichen Eliten. Daran ist aber der Markt oder gar die Börse erst einmal nicht schuld. Welche Waren hier angeboten und nachgefragt werden ist dem Marktplatz Börse völlig egal. Natürlich hängt ihre Beliebtheit von dem Grad ihrer Deregulierung ab.

Die „Hungermacher“ nennt der Autor jene Spekulanten, die mit Agrar-Rohstoffen spekulieren. Hier ist zuerst zu fragen, wer ist denn ursächlich dafür verantwortlich, dass es auf der Welt zu einer voraussehbaren Knappheit dieser Wirtschaftgüter kommt: Der Börsenspekulant oder diejenigen, der immer mehr landwirtschaftliche Nutzflächen vernichten: Doch wohl Letztere.

Und wodurch werden die landwirtschaftlichen Nutzflächen zerstört: Vereinfacht ausgedrückt durch die Treibhausgase und zum anderen durch die Rodung ganzer Wälder. Beide Maßnahmen führen zur Versteppung und Wüstenausdehnung und somit zur Erodierung des Bodens mit sintflutartigen Überschwemmungen und damit am Ende zur Vernichtung landwirtschaftlicher Nutzflächen und Verknappung von Agrar-Rohstoffe. Die Hauptverantwortlichen sind die Industrieländer, wie jeder weiß.

Wer hat den größten Nutzen von dieser Umweltzerstörung: Eindeutig die Bevölkerung der reichen Industrieländer. Wer spekuliert also darauf dass sich daran nichts ändern soll: Ebenfalls die reichen Industrieländer. Wer ist somit der größte Spekulant ohne dass er je eine Börse betreten hat? Antwort: Die Bevölkerung der reichen Industrieländer. Nach dem Motto: Mal sehen wie lange das noch gut geht.

Bei so viel schädlichem Verhalten seitens der Industrieländer kann sich jedes Kind ausrechnen, dass die Preise für Agrar-Rohstoffe ständig steigen müssen, was auch jeder Börsenspekulant weiß. Er spekuliert somit auf einen steigenden Preis, der aufgrund der Konstellation wahrscheinlich zu einem bestimmten Zeitpunkt eintreten wird, den er aber nicht selber erzeugt, sondern der durch die Täterschaft der reichen westlichen Wohlstandsgesellschaft ausgelöst wurde, deren Ansprüche er nur für sich nutzt.

Zum Schluss fragt der Autor; warum von dem Schläger in der U-Bahn Reue und Einsicht verlangt wird, vom Täter an der Börsen nicht. Antwort: Weil es den einzelnen Täter an der Börse nicht gibt. Täter sind wir alle mit unserer ständig steigenden Nachfrage nach immer mehr. Wir alle mit unseren immer höhern kreditfinanzierten Ansprüchen. Dabei bleibt der Eindruck zurück, als ob manche Menschen jetzt erst wissen, dass es so etwas wie Schulden überhaupt gibt. Kein Wunder dass alle irgendwie zu stillen Teilhabern am Casinokapitalismus geworden sind. Deshalb finden wir auch den Täter nicht.

  • Antworten
Heinz Pelzer08.12.2011 | 21:40 Uhr

Dem Autor fehlen grundlegende

volkswirtschaftliche Basiskenntnisse. Schirrmacher hat es besser formuliert, aber sich genau so verirrt. Schade, der Text bleibt erschrecken oberflächlich, kratzt ein wenig, zitiert diffus herum wie es gerade so paßt und stellt Zusammenhänge her, wo keine sind.
Alles andere als ein ernsthafter Beitrag zur Aufklärung. Für Cicero kein gutes Aushängeschild.

  • Antworten
karl.theodor08.12.2011 | 22:47 Uhr

Demokratischer Sozialismus contra Kapitalisms

Eine treffende Analyse des Verfassers Frank A. Meyer.

In einem Punkt dürfte er jedoch falsch liegen. Es gibt durchaus Möglichkeiten, "den Markt" abzuwählen.

Denn die sogenannte kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird an keiner Stelle unseres Grundgesetzes erwähnt.

Allerdings enthält das Grundgesetz den Verfassungsgrundsatz, daß die Bundesrepublik Deutschland "ein demokratischer und sozialer (!) Bundesstaat" ist.

Durch den sogenannten Casino-Kapitalismus werden die Grundzüge unseres sozialen Staatswesens ausgehebelt. Also widerspricht die kapitalistische Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung durchaus unserer Verfassung.

Hätten die politisch Verantwortlichen in der erloschenen Deutschen Demokratischen Republik das, was als "Sozialismus" bezeichnet wird, nicht auf unverantwortliche Weise in Mißkredit gebracht, wäre es vermutlich weniger problematisch, Wählerinnen und Wähler für die Gesellschaftsform eines "Demokratischen Sozialismus" zu begeistern.

  • Antworten
Yvonne Walden09.12.2011 | 11:09 Uhr

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