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Kapital
Staatsschulden

Warum retten die Reichen uns nicht?

von 
Werner Vontobel
4. Januar 2012
picture alliance
Unternehmensgewinne, Oberen Zehntausend, Reichensteuer, Nettoüberschuss, Vontobe
Besucherin auf der Messe für Millionäre in Moskau

Alle reden über Staatsschulden, aber niemand über die riesigen Unternehmensgewinne, die das ganze System destabilisieren

Seite 1 von 4

Diesen Text finden Sie auch in der neuen Ausgabe des Cicero - jetzt am Kiosk zu kaufen oder hier zu bestellen

Es gibt zwei große Rätsel der aktuellen Wirtschaftspolitik. Erstens: Wie kann sich ein Land, das zehn Jahre lang Exportweltmeister ist und bleiben will, darüber wundern, dass seine Handelspartner allmählich pleitegehen? Zweitens: Wie kann sich die ganze Welt über steigende Staatsschulden ereifern, ohne je über die entsprechenden Überschüsse des Unternehmenssektors zu reden? Dass, drittens, kaum jemand merkt, dass eins und zwei zusammenhängen, wundert dann eigentlich schon nicht mehr.

Zugegeben, die Sache ist komplex. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung hat nämlich nicht nur zwei, sondern vier Konten: Privathaushalte, Unternehmen, Staat und Ausland. Dabei sind folgende Buchungsregeln zu beachten: Die Defizite und Überschüsse (Nettofinanzierungssaldi) dieser vier Sektoren ergänzen sich zu null, ebenso wie die Überschüsse und Defizite aller Länder. So weit die buchhalterische Logik.

Nun zu den ökonomischen Zusammenhängen: Die Privathaushalte sparen für das Alter. Sie erzielen also einen Nettofinanzierungsüberschuss. Der liegt im historischen Schnitt etwa bei 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ihre Ersparnisse legen sie bei den Unternehmen oder beim Staat an, die damit einen Teil ihrer Investitionen finanzieren. Unternehmen und Staat haben also je ein Nettofinanzierungsdefizit, das rund 3 beziehungsweise 1 BIPProzent ausmacht. Der Saldo gegenüber dem Ausland schwankt um null.

Von dieser Norm gab es in jüngster Zeit drei auffällige Abweichungen: Bis 2007 gingen die Überschüsse der Privathaushalte stark zurück oder verkehrten sich – wie in den USA, England, Spanien, Griechenland – sogar in ein Defizit. Nach der Subprimekrise stiegen dann die Defizite und Schulden des Staatssektors explosionsartig an. Drittens erregten auch die „globalen Ungleichgewichte“ zwischen den Überschussländern China, Deutschland, Japan einerseits und „Importweltmeistern“ wie der USA, England, Spanien, Frankreich und Italien mediale Aufmerksamkeit. Die vierte, viel wichtigere Abweichung ging jedoch völlig unter: In immer mehr Ländern verwandelte sich das Nettofinanzierungsdefizit des Unternehmenssektors in einen Überschuss. 2010 belief sich dieser in den EULändern auf 270 Milliarden Euro, in den USA auf 540 Milliarden Dollar und in Japan auf 28000 Milliarden Yen. Das entspricht gut 2, fast 4 oder gut 6 Prozent des jeweiligen BIPs.

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Staatsschulden

Keine Angst vor unseren Staatsschulden ! – Denn:

1) Deutschland hat heute tatsächlich viel weniger Schulden als die derzeit gefürchteten 2 Billionen Euro. Bei seiner Bundesbank verwahrt es nämlich gewaltige und jederzeit flüssige oder jedenfalls sichere Vermögenswerte in Form von Gold, Devisen und Guthaben. Diese Vermögenswerte müssen gegen die Schulden der Bundesbank und des Staates aufgerechnet werden.

2) Weiter sind ein Großteil der deutschen Schulden keine wirklichen Schulden. Dieser „Schulden“teil wurde dem Staat – über die Geschäftbanken – von der Bundesbank zur Verfügung gestellt. Die wiederum hat gar keine hier zugehörigen Gläubiger, denen sie die entsprechende Summe schuldet, hat das Kapital vielmehr selbst „gedruckt“ und muß es nie und niemandem zurückzahlen. Diese „Schulden“ können gestrichen werden.

3) Wollte der Staat dieses Kapital, das heute als Kaufkraft im Markt den Wirtschaftskreislauf befördert, je an die Bundesbank zurückzahlen, würde die Bundesbank das zurückfließende Geld aus dem Verkehr ziehen und vernichten. Das wiederum verursachte dann eine extreme Rezession, Millionen neuer Erwerbslose wären die Folge.

4) Der Bundesbank nimmt für die an den Staat gegebenen Kredite Zinsen ein, welche sie wiederum – zu einem Teil - über den Bundesbankgewinn an ihren Eigentümer, den Staat also, weitergibt. Unser Staat zahlt also nicht nur Zinsen sondern kassiert auch Zinsen.

5) Seine Zinsschulden gegenüber Unternehmen und Privaten finanziert der Staat zwar aus Steuern, aber die entsprechenden Zinsen zahlt er auch an Steuerzahler.

6) Eine Tilgung der Staatschulden gegenüber deutschen Unternehmen und Privaten brächte für die gesamte und unentbehrliche Rücklagen-, Spar- und Vorsorgestruktur Deutschlands einen Zusammenbruch. Wo sollten Investitoren von morgen, Versicherungen und Private zurückfließende Staatsschulden anlegen ? Wollten sie das Kapital bei sich aufbewahren, entzögen sie dem Wirtschaftskreislauf entsprechendes Geld.

7) Bei wirklichkeitsnah zu unterstellenden 1,5 Billionen Euro Staatsschulden entfielen auf hier einmal angenommene 25 Millionen Erwerbstätige je 60.000 Euro. Wollte man diesen Anteil zukünftigen Erwerbstätigen im Verlaufe von 80 Jahren von ihrem laufenden Einnahmen abziehen, so ergäbe das bei 45 Arbeitswochen pro Jahr zu 40 Arbeitsstunden einen Abzug von rund 40 Cent pro Stunde – für Werte, die man übernommen hat. Und diese Schuldentilgung wäre zudem – wie gesagt - nicht notwendig sondern schädlich.

Fazit: Die derzeitigen Staatsschulden beschränken unseren Staat in keiner Weise dabei, alle seine bis heute übernommenen sonstigen Verpflichtungen voll zu erfüllen. - Keine Angst also !

Günter Woltmann-Zeitler
Am Kühberg 1
85247 Arnbach
Telef. 08136/808322

  • Antworten
Günter Woltmann-Zeitler06.01.2012 | 13:28 Uhr

Staatsschulden als Geldanlage?

Sind Staatsschulden wirklich eine Geldanlage oder nur die Illusion einer solchen? Die Antwort dürfte davon abhängen, ob Staaten das geliehene Geld auf eine Weise (in Infrastruktur, Bevölkerungsentwicklung, Bildung) investieren, die es ihnen erlaubt, künftige Zins- und Tilgungszahlungen aus den Effekten des Geldleihens zu erwirtschaften. In jüngster Vergangenheit scheinen Staaten immer mehr der Versuchung nachzugeben, geborgtes Geld zur Finanzierung unproduktiver (nicht zu Wertschöpfung führender) sozialer Wohltaten (Rentenzahlung für fast zwei Jahrzehnte, Hausbesitz für Geringverdiener) und ebenso unproduktiver Kriege (USA) aufzuwenden. Dieses Geld ist nicht investiert, sondern einfach weg (bzw. es wurden dafür vielleicht deutsche Autos gekauft aber nicht bezahlt – der Effekt ist der gleiche als wenn wir die Autos gleich verschenkt hätten, nur dass der Verlust jetzt nicht bei Daimler, sondern beim deutschen Anleger oder beim deutschen Steuerzahler aufläuft). Das werden Anleger nicht nur griechischer Staatsanleihen noch häufiger erfahren müssen, bevor sie es begreifen werden.

Wäre es nicht besser, die Staaten verstopften dem Geldfluss diese Anlagemöglichkeit und würden das Geld wieder in produktive Anlageformen zwingen. Sollte die heimische Industrie der hochentwickelten westlichen Staaten tatsächlich derart kapitalgesättigt sein, wie der Artikel suggeriert, so müssten als nächstes endlich einmal die Entwicklungsländer an die Reihe kommen. Dort müsste in Infrastruktur, landwirtschaftliche und industrielle Wertschöpfung investiert werden. Dort verhungern Menschen, weil ihre Arbeitskraft ohne Kapitaleinsatz nichts wert ist. Statt der heutigen Folklore der Katastrophen- und Entwicklungshilfe sollte die westliche Welt auf Rahmenbedingungen (Bildung, Rechtssicherheit) hinwirken, die privatem Kapital eine Geldanlage in produktiven Strukturen von Entwicklungsländern mit kalkulierbarem Risiko ermöglichen.

  • Antworten
Karl Schade08.01.2012 | 22:10 Uhr

technical socialism

Eben, warum werden die Staatsschulden nicht reduziert z. B. über Ausgabe von negativ verzinsten Anleihen bei Enteignungsandrohungen an die Hedgefonds nach einem 20% weltweiten Schuldenschnitt über den IWF unter Einführung einer flexiblen Planwirtschaft am Arbeits"markt" (was für ein Unwort), z. B. durch Teilverstaatlichung der Zeitarbeitsfirmen (um so deren Know-How zu wahren)und gleichzeitiger Erhebung einer einmaligen Milliardärsabgabe zur Finanzierung eines halbstaatlichen Zukunftsfonds zur Förderung neuer Technologien und Schaffung neuer Arbeitsplätze? Das würde man sofort als Kommunismus verschreien, nehme ich doch stark an.

  • Antworten
Gregor Weber13.01.2012 | 01:12 Uhr

Hervorragend!

Vielen Dank für diese Analyse, die im Gegensatz zu anderen das Problem analytisch darstellt, statt nur zu behaupten. In Zeiten, in denen selbst bislang als seriös geltende Publikationen immer mehr zur Regebogenpresse verkommen endlich mal EIN Artikel, der sich grunsätzlich mit der Problematik beschäftigt, mit Betonung auf "grundlegend" und "beschäftigt". Ich bin es so leid, nach allgegenwärtigem KTG nun immer Wulff überblättern zu müssen, um auf nahrhafte Themen zu stoßen, die dann aber leider nicht nahrhaft, sprich: sorgfältig recherchiert oder begründet sind.
Wenn sich das in den künftigen Cicero-Ausgaben durchzieht, werde ich abonnieren;-)
Zum Thema selbst: die volkwirtschaftlichen Wirkungen sind gut dargestellt, was wären die Maßnahmen?
Häretische Frage (ich gehöre keiner Partei an, muss ich vorausschicken): ist es so verkehrt, hier auch an eine Änderung erbrechtlicher Strukturen bezogen auf Unternehmen zu denken? Ich habe S. Wagenknechts Buch gelesen und finde auch aus eigener beruflicher Anschauung den Grundgedanken nicht so verkehrt, dass es - neben einer aus der Mode gekommenen Verhandlungsmacht der Gewerkschaften - AUCH eine Ursache ist, dass es aufgrund des Pflichtvererbens an Blutsverwandte fast nicht möglich ist, ein Unternehmen kompetenten Nichtverwandten zu vererben? Ich würde mich freuen, wenn ich hier auch eine - mögl. politik- und ideologiefreie - Analyse dazu lesen könnte. Weiter so (Qualität wäre langsma ein Alleinstellungsmerkmal).

  • Antworten
Leo06.01.2012 | 13:38 Uhr

Titelfrage

Kapitalisten werden niemals jemanden retten...sie schicken uns und die Welt nur noch ins Verderben...

  • Antworten
Caramella06.01.2012 | 13:54 Uhr

Kapitalismuskritik

Der Kapitalismus ermöglicht uns einen sehr grosszügig ausgebauten Wohlfahrtsstaat! Der Sozialismus mit der Vergesellschaftung von Verantwortung führte direkt in den Bankrott - und keiner fühlte sich verantwortlich, Honecker etwa??! Populistische Politiker machen Wahlversprechen und geben dauerhaft mehr Geld aus, als es der Staatshaushalt erlauben würde. Das und nichts als das ist der Grund für die Schuldenkrise und damit für die Eurokrise. Es liegt nicht am Kapitalismus, nicht an den Banken, nicht am Weihnachtsmann und auch nicht am Osterhasen - nur an der populistischen Politik...es ist ein Staatsversagen!

  • Antworten
Vernus Libertas06.01.2012 | 23:40 Uhr

Nein, es ist ein Versagen der

Nein, es ist ein Versagen der Nachfrage, beziehungsweise der ungleichmäßigen Verteilung derer. Und ein Versagen der Verteilungsmechanismen. Dabei ziehen die Investoren ja ungleichmäßig zuviel Geld aus der Wirtschaft, produzieren damit spekulative Blasen, diese ihrerseits zuviel Liquidität, die bei Lehmann u. Consorts verspielt wurde. Das müssen die Zentralbanken jetzt ausgleichen. Der Staat versagt, weil er nicht interveniert. Die chinesischen Kommunisten können das sehr wohl und haben deshalb zweistellige Wachstumsraten (auf Kosten des Umweltverschleißes). Deshalb braucht es eine Art "technischen Kommunismus": Finanzplanwirtschaft und flexibilisierte Planwirtschaft für den Arbeitsmarkt. Wir werden alle etwas ärmer, aber dafür gleicher. Oder, wenn´s weiter so läuft, ein paar reich, der Rest elendig.

  • Antworten
Gregor Weber13.01.2012 | 01:22 Uhr

Die Schlüssel-Artikel unseres Grundgesetzes

Eine der Kardinalfragen ist doch: Warum profitieren diejenigen, die ihr Geld für sich arbeiten lassen, deutlich mehr von der sogenannten "Marktwirtschaft" als diejenigen, die mit ihrer Hände Arbeit bzw. mit Hand-Kopf-Arbeit ihr Geld verdienen müssen?

Die zweite Frage ist: Weshalb werden die Artikel 14 und 15 unseres Grundgesetzes so gut wie garnicht thematisiert bzw. beachtet?
Der Artikel 14 ist überschrieben mit "Eigentum - Erbrecht - Enteignung" und der Artikel 15 mit "Vergesellschaftung".

In diesem beiden Verfassungsbestimmungen liegt der Schlüssel für eine sozial-gerechtere Zukunft. Wir müssen diesen Schlüssel nur nutzen und damit die Tür für eine "neue Politik" aufschließen.

Ob eine Regierungskoalition aus SPD, GRÜNEN und der neuen Partei DIE LINKE diese Tür endlich aufschließt?

  • Antworten
Yvonne Walden06.01.2012 | 17:10 Uhr

Warum retten die kReichen uns nicht?

Der Artikel enthält Wahrheiten, Halbwahrheiten und unvollständige Informationen. Aber wir hatten ja ein Muster. Die DDR:
"Keine REICHEN, keine VERMÖGENDEN, keine privaten BANKEN, keine privaten GROSSKONZERNE, keine privaten GROSSGRUNDBESITZER, zentral
festgelegte Löhne, billige Mieten, gerechte Löhne, keine Arbeitslosigkeit, soziale Gerechtigkeit....ein interessantes Umweltmanagement mit interessanten Folgen - z.B. die MULDE - keine 'neo-liberal-kapitalistische Ausbeutung von Mensch und Umwelt" ...allerdings wollten viele Menschen lieber in der "neo-liberalen, kapitalistischen Ausbeuter-BRDäääää" leben. Die DDR
war deshalb gezwungen ein 'kleines Mäuerlein' zu bauen. Außerdem war die DDR 1989 absolut 'pleite'.
Jeder vernünftige Mensch sieht ein, dass Missstände abgestellt werden müssen. Aber man sollte immer bedenken: "Das Gegenteil von GUT ist sehr oft "GUT GEMEINT". Mit GUTMESCHENTUM alleine rettet man die Welt nicht.
Mutter THERESA hat meine Bewunderung - und wahrscheinlich von fast allen Menschen. Wenn alle deutsche Frauen so wie Mutter THERESA werden bzw. handeln, dann hat sich Deutschland in einer Generation erledigt. Es wird keine Kinder mehr geben. Das ist - aus meiner Sicht - nicht weiter schlimm. Es gibt ja genügend andere Kinder auf der Welt. Aber man solte es zumindest erwähnen dürfen.

  • Antworten
Wolfram Wiesel08.01.2012 | 08:58 Uhr

Hmmm

Das wir als einer der "Export"-Weltmeister für die Staatsschulden (Krieg, geringe Steuersätze, über die sich schon Warren Buffet beschwert hat) der USA verantwortlich sind oder den Reformstau in Griechenland zu verantworten haben, halte ich für etwas gewagt.
Und das man vor Staatsschulden in diesen Dimensionen keine Angst haben soll, hat die aktuelle Situation wohl mehr als deutlich gemacht. Fakt ist, dass im aktuellen Haushalt enorme Geldmittel einfach für Tilgung abfließen, während anderswo Schulen verfallen und Straßen zu Buckelpisten verkommen.

  • Antworten
Thomas D.08.01.2012 | 11:08 Uhr

stellenweise klingt es hier

stellenweise klingt es hier wieder sehr nach einer oben / unten diskussion.

es ist sicherlich so dass die habgier in oberen positionen (geld für sich arbeiten lassen etc) einen überproportionalen anteil an den sozialen ungerechtigkeiten verursacht. das eigentliche problem ist jedoch dass man auf diesen positionen keinen austausch der moral vollziehen kann da die ellenbogengesellschaft auch in der niedrigsten hierachiestufe spielbestimmend ist.

eventuell wären demokratisierungsprozesse per internet eine möglichkeit die macht von einzelpersonen zu beschränken und fairere entscheidungen zu treffen, einer solchen veränderung müsste jedoch eine erhebliche investition in die bildung vorausgehen um den populismus einzudämmen.

naja. ich seh schwarz.

  • Antworten
Rudolf08.01.2012 | 14:02 Uhr

Vielleicht eine Götterdämmerung

Warum retten uns die Reichen nicht? fragt der Autor. Wer sich nur auf den Titel fokussiert ist irritiert und könnte spontan zurückfragen, warum sollten sie. Aus ethisch-moralischen Gründen vielleicht? Nein, die können es nicht sein. Denn wer sich in der Welt umschaut stellt fest, dass wir die längst verbraucht haben. So reduziert sich die Frage auf den gleichen Charme wie die, wie lange die Falken noch Tauben jagen wollen. Und wer sind überhaupt die sogenannten Reichen?

Wer allerdings weiter liest, entdeckt die Tugenden eines Buchhalters. Gleich zu Anfang erfährt der Leser einen Grundkurs in Sachen volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung. Staunend erfährt er die Buchführungsregel dass die Defizite des einen, die Überschüsse des anderen sind und dass sich die Zahlungsströme übertragen auf die Konten ein Nullsummenspiel sind. Wohl wahr! Wie sollte es auch anders sein.

Und weil im Unternehmenssektor ständig Überschüsse entstehen, die offenbar weder investiert noch von den Unternehmerhaushalten oder vom Staat in Konsum verwandelt werden, müssen die privaten Haushalten an die Front um diesen fehlenden Konsum zu übernehmen und das möglichst nicht fremdfinanziert, sondern in dem der Unternehmenssektor die Löhne erhöht. Und wenn er es nicht freiwillig tut, soll es notfalls mit der planwirtschaftlichen Brechstange herbeigeführt wird. Und das alles, damit das Nullsummenspiel ins Lot kommt.

Bevor der Autor ins Zahlenwerk steigt bekommen alle noch eine als Rätsel getarnte Frage genannt: Nämlich die, wie sich Menschen nur wundern können, dass der Starke auf Dauer den Schwachen besiegt und das derjenige, der am Boden liegt nicht mehr sein Freund sein könne. Und das es dem armen Ringrichter so viel Kraft koste den am Boden liegenden wieder auf die Beine zu stellen, dass er darunter selber zusammenbreche. In seiner Not ruft er seine Freunde herbei, die ihm helfen sollen, diesen bösen Starken einen Teil seiner Stärke wieder abzunehmen.

Was der Autor völlig vergisst, ist, dass die Wirtschaft so nicht funktioniert. Denn es ist nicht die Aufgabe des Unternehmenssektors, sprich des Unternehmers volkswirtschaftliche Aufgaben zu übernehmen und zu lösen. Im Gegenteil!Die wichtigste Aufgabe des Unternehmers ist es dafür zu sorgen, dass die Einnahmen größer sind als Ausgaben und das die angebotenen Produkte dem Konsumenten oder Investor so preiswert zur Verfügung gestellt werden, wie er sie selber nicht billiger herstellen kann. Wenn ihm das in der Mehrzahl gelingt, im Rahmen der vorgegebenen Wirtschaftsordnung, dann entstehen die maximal möglichen Arbeitsplätze.

Aufgabe des Staates ist dafür zu sorgen, dass die von der Verfassung vorgegebene Wirtschaftsordnung eingehalten wird. Gegebenfalls als partieller Nachfrager aufzutreten, um die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage zu erhöhen und so ein störungsfreies wirtschaftliches Wachstum zu gewährleisten. Diese Fähigkeit hat er durch seine nie richtig ausgeübte antizyklische Wirtschaftspolitik verloren. Hätte er in guten Zeiten gespart und das Geld in schlechten Zeiten ausgegeben, brauchte heute der Autor nicht mit dem Finger auf die bösen Unternehmer zeigen, weil sie die nötige Nachfrage nicht durch freiwillige Erhöhung der Löhne geschaffen haben. Offenbar als Ausweg die Armen zu retten. Eine Forderung, die immer gut klingt.

Die Frage müsste anders lauten: Ist es möglich dass die Superreichen immer reicher werden können ohne dass das Wirtschaftssystem implodiert? Gilt das Gesetz der Natur, dass die großen Tiere die kleinen Tiere solange fressen bis sie an Futtermangel einzugehen drohen auch für die Wirtschaft? Wann müssen die Superreichen einen Teil ihres Reichtums zurückgeben, um den Rest zu behalten, bevor es ihnen die Armen mit Gewalt wegnehmen? Das wäre ein Nullsummenspiel anderer Art.

Solange wir uns über einzelne Divergenzen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechtrechung unterhalten, stößt eine Gruppe von Menschen fröhlich mit den Sektgläsern an. Es sind die zwei Prozent der Superreichen. Menschen, die wirkliche Macht besitzen, nämlich Reichtumsmacht. Es sind die eigentlichen Finanziers der hochverschuldeten Staaten. Personen, die mandatslose Macht besitzen. Macht, die ihnen nicht in einem demokratischen Prozess über Wahlen zugeflossen ist und wieder genommen werden kann und die gegebenenfalls noch ihre Erben erfreuen. Es sind die Eigentümer riesiger Geldvermögen, die sich durch den Zins und Zinseszinseffekt im Laufe der Zeit ohne Arbeit immer schneller verdoppeln. Sie dokumentieren die Herrschaft des Geldes. Sie entscheiden letztlich ob die Armen gerettet werden oder nicht. Sie bestimmen in der Welt, wenn wir nicht aufpassen, über Krieg und Frieden.

Solange wir jedoch ständig Kämpfe in falschen Räumen ausfechten, indem wir die Staatsverschuldung ursächlich mit den Überschüssen im Unternehmenssektor beweisen wollen, solange werden wir den wirklichen Feind nämlich die Superreichen und ihre Einflussnahme nicht erkennen. Schließlich sind sie es, die den Staaten den Sparzwang auferlegen. Denn ihr riesiges Geldvermögen ist bei einer Inflation, Schuldenschnitt oder Staatsbankrott besonders bedroht. Sie sind es, die aus dem ureigensten Interesse brutalstes Sparen verlangen und billigend in Kauf nehmen, wenn Menschen dabei verhungern.

  • Antworten
Heinz Pelzer09.01.2012 | 08:27 Uhr

Götterdämmerung wird möglich

Ich habe lange in Entwicklungsländern gelebt und darum weiß ich dass ihre Sicht der Dinge nur möglich ist mit Wächtern und Maschinengewehren vor der Haustüre. Das wollen Sie doch nicht ?!
Es fällt dem reichen Teil der Gesellschaft sicher nicht leicht einen Teil des Gewinns freiwillig abzugeben, sei es über höhere Steuern oder Einkommen. Diese Notwendigkeit wird den Leuten nicht vor Augen geführt weil der Sozialstaat dafür sorgt dass die Unter- und Mittelschicht nicht zum Stock greift. Und diesen Sozialstaat finanzieren wir seit Jahren über Schulden. Das geht eine zeitlang gut, aber wehe das Wachstum wird geringer oder fällt flach.
Zur Zeit merken wir das noch nicht so richtig denn wir sind ja dabei das Saatgut für den nächsten Sommer aufzuessen. Ungenügende Geburten und schlechte Ausbildung der jungen Leute verringern ja mal eine zeitlang die Investitionen. Aber der Zahltag naht in Form von ungenügender Vorsorge für Beamtenpensionen, schrumpfender Bevölkerung (über 50 % der Abiturientinnen bekommen keine Kinder), Verlust des Kompetenzvorsprung gegenüber großen Völkern, China, Indien, Brasilien.
Dann steheh Sie mit ihren Goldbarren an der Tür und keiner will Ihnen was dafür geben.
Heute können Sie in Deutschland noch unbewaffnet über die Straße laufen, in Mexiko, Pakistan und Brasilien ist das ein Abenteuer. Da leben richtig reiche Leute die genau nach Ihren Prinzipien verfahren.

  • Antworten
Erich Heidkamp28.01.2012 | 18:21 Uhr

@ H. Pelzer

Es kommt auf die Definition "Unternehmenssektor" an - vermutlich ist das schon der "richtige" Raum, den sie auch meinen. woher kommen denn die "Superreichen"? Meist handelt es sich um Erbdynastien der Gründer, die munter und ohne selbst je ein Unternehmen geführt zu haben, über Generationen die Erträge abschöpfen - udn eben nicht konsumieren, sondenr in den "2. Geldkreislauf" einspeisen, die nichts, aber auch gar nichts mehr mit der Produktiivität von realen Unternehmen zu tun hat und so der Realwirtschaft Geld entzieht.
Überspitzt könnte man vermuten, dass hier das ERbrecht eine fatale spielt.

  • Antworten
Leo09.01.2012 | 13:55 Uhr

Reich sein

Arm zu sein ist schlimm, nicht nur wegen des Geldes, das ständig fehlt. Die Armut ertränkt auch das Selbstbewußtsein. Aber wie ist es mit dem reich sein und der ständigen Anst davor, alles wieder verlieren zu können. Da ist es schon besser gierig nach dem Geld zu streben und es anderen vorzuenthalten. Schließlich gibt es ja noch Reichere und zu denen möchte man unbedingt gehören. Wie kann man da noch Opfer erbringen und auch noch für den Staat und seine Politiker, für die tum wir doch schon genug.

  • Antworten
Otmar Schütze25.01.2012 | 12:37 Uhr

Reiche

Die in Deutschland reich gewordenen MMenschen könnten uns schon retten und viele wollen es sogar. Nur die Koaliition nimmt deren Finazhilfe nicht an und ist nicht bereit ein Gesetz zu formuliereen, um die Milliarden zu besteuern. Das verstehewer will. Ich gehe davon aus, wer in einer Gesellschaft wirkt, hat auch ihr gegenüber Verpflichtungen. Es ist einfach nicht hinnehmbar, dass in Deutschland Menschen in bitterer Armut leben und der Staat will oder kann nicht helfen und das Leid der Menschen zu lindern. Dabei ist die Regierung nicht zimperlich, wenn es darum geht Milliarden auszugehen ohne dafür eine Gegenleistung zu forfdern.

  • Antworten
Otmar Schütze19.03.2012 | 13:10 Uhr

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