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 > Über den Euro wird viel Unsinn orakelt

Kapital

Joschka Fischer und der StammtischÜber den Euro wird viel Unsinn orakelt

Von Wulf Schmiese 6. Juni 2012
picture alliance
Joschka Fischer, Interview Europa, Euro
Niemand weiß, welche Strategie derzeit die richtige ist. Brüning hin, Hoover her – die Euro-Zonen-Krise hat keine historischen Vorgänger.
Schrift:

Der deutsche Stammtisch ist sich einig: Griechenland soll den Euroraum verlassen. Indes fordert Joschka Fischer, dass Deutschland mit seiner Wirtschaftsmacht das finanzielle Überleben der Euro-Zone sichern müsse. Beides sagt sich leicht

Seite 1 von 2

„Griechenland soll die Euro-Zone verlassen.“ Das sagt sich leicht, und das sagen immer mehr. Inzwischen ist jeder zweite Deutsche dafür. Zudem wünschen fast zwei Drittel des Volkes, dass die Bundeskanzlerin sich durchsetzen möge in Europa mit ihrer Forderung nach striktem Sparen. Vox populi ist also glasklar: Sollen sie uns bloß alle verschonen mit Euro-Bonds und weiterer Kohle für dieses Esel- und Olivenland, dessen elf Millionen Bewohner kaum mehr als ein halbes Prozentchen der Weltwirtschaftsleistung erbringen.

Wer sich klüger als der Stammtisch wähnt, fordert das genaue Gegenteil. Alt-Außenminister Joschka Fischer hat soeben in der Süddeutschen Zeitung die Kanzlerin geradezu angebrüllt wegen ihres Sparwillens. Kein Bild scheint ihm da gewaltig genug, um Angela Merkel als mutwillige Zerstörerin Europas darzustellen:  „Das europäische Haus steht in Flammen“, dröhnt er, doch „Feuerwehrhauptfrau Angela Merkel (…) löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser, und der Brand wird so mit der von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt.“ Wegen dieser rigorosen Sparpolitik Merkels habe sich „die Finanzkrise in der Euro-Zone innerhalb von drei Jahren zu einer wirklichen Existenzkrise ausgewachsen“, beschuldigt Fischer.

In seinem Zorn wirft der vormalige Vize-Kanzler wild mit Metaphern um sich. Europa stehe nicht nur in Flammen, sondern zugleich „am Abgrund“ wenn jetzt nicht Deutschland und Frankreich gemeinsam „das Steuer herumreißen“ würden. Wegen der „dogmatischen Sparpolitik“ erscheine Deutschland „einem Geisterfahrer gleich gegen die Spur fahrend“. Ein dann noch drohender „Sturm auf die Banken in Spanien, Italien und Frankreich wird eine Lawine auslösen, die Europa unter sich begraben wird“.  

Wie derzeit üblich erinnert Fischer natürlich auch an Brünings Sparpolitik von 1929, marschiert rhetorisch jedoch forsch weiter: „Schreiben wir dann ab, was mehr als zwei Generationen Europäer investiert haben und was zu der längsten Friedens- und Wohlstandsperiode unseres Kontinents geführt hat?“ Das soll wohl schlicht heißen: Deutschlands Sparwille könnte Krieg auslösen! „Im 20. Jahrhundert hat Deutschland zweimal mit Krieg bis hin zum Verbrechen und Völkermord sich selbst und die europäische Ordnung zerstört, um den Kontinent zu unterjochen“, holt Fischer dann aus zum Finale seines Untergang-Szenarios. Allen Ernstes schließt er mit dem Satz: „Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zugrunde richten würde.“

Fischers Donnern ließe sich abtun mit den Worten: Der mag es eben dramatisch. Soll er halt wüten. Ist doch ein „has been“, ein Ex. Doch die Frage drängt sich auf, als wessen Ex-Minister Fischer da eigentlich schreibt. Denn von seinem eigenen Land verlangt er mal eben, „dass Deutschland schlussendlich das finanzielle Überleben der Euro-Zone mit seiner Wirtschaftsmacht und seinem Vermögen wird garantieren müssen: uneingeschränkter Kauf der Staatsanleihen der Krisenländer durch die EZB, Europäisierung der nationalen Schulden mittels Euro-Bonds, Wachstumsprogramme, um eine Depression in der Euro-Zone zu verhindern und Wachstum zu generieren“. Fischer verweist auf das große Schuldenmachen in den USA, das schließlich dem deutschen Export zugute komme. Mit dieser schiefen Begründung höhnt er über alle, die nun bang ans eigene Staatsbudget dächten und vor Inflation warnten.

Niemand weiß derzeit, welche Strategie die richtige ist

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Fischer

meint also tatsächlich, dass die deutschen Steuerzahler für alle Zeiten für all Parties, Verfehlungen, Unterlassungen, Geschenke anderer Ländern zahlen sollen. Der Mann gehört eingesperrt.

  • Antworten
VerySeriousSam06.06.2012 | 11:19 Uhr

Kosten der Rettung

Es ist doch wohl klar, dass die Gegenfinanzierung in Dtl. nur durch Tobinsteuer, zusätzlich nach oben gestaffelten und erhöhten 'Spitzensteuersätzen' und Vermögenssteuer auf Privatvermögen geleistet werden kann.
Aber, wenn Dtl. seine starke Wirtschaftsposition halten will, muss man den dejure eigenen BRD und den defakto eigenen Binnenmarkt Eurogebiet stützen.
Und da praktischer Weise das Gesamtvermögen der Menschen etwa in Deutschland, vor allem im oberen Vermögenssegment, so hoch wie noch nie zuvor ist, bietet sich eine Beteiligung dieser Werte doch an, zumal Großteile davon erst durch Privatisierung in den letzten 30 Jahren stark vermehrt und ganze Teile davon 2008 gerettet worden sind. Soviel zu einer stichhaltigen Alternative zur Überbelastung des einfachen deutschen (und nordeuropäischen) Steuerzahlers.
Es ist nicht natürlich, dass die PIIGS teilweise horrend hohe und Dtl gar keine bis negative Zinssätze für Kredite erhält.
Es ist wahrscheinlich, dass gemeinsame Anleihen oder zumindest ein zeitweises handlungsfähiges Einspringen der EZB - verbunden mit sinnvollen EU-Kontrollen etwa in der Finanzverwaltung (Steuereinnahmen in Griechenland!!) der betreffenden Länder - unterm Strich günstiger sind, als die jetzt in Griechenland, Irland, Zypern, Portugal und Spanien anfallenden Garantien und Zahlungen mehr oder weniger direkt an Banken und vor Ort herrschenden Oligarchen.
Aber ich denke, Fischers Frage bezieht sich auf die Tatsache, dass Deutschland die Chance auf eine positive europäische Wirkmächtigkeit, ohne dominant aufzutreten, verwirkt und für ca. 100 Mrd Euro die der Bond oder das Eingreifen der EZB Dtl. kosten würde aufs Spiel setzt.

  • Antworten
quaestor06.06.2012 | 13:55 Uhr

J.Fischer und der Stammtisch

In der Tat, Herr Fischer gehört nicht einmal an den Stammtisch !
Da gibt es klügere Ansätze zur Problemlösung.
Selbst Verträge bewusst und fortlaufend verletzen und Nachfolger beim
Auslöffeln der Suppe belehren und beschimpfen passt zu ihm als
bekannter Steinewerfer !
Meine Empfehlung : Solidarität mit Ländern, welche sich unverschuldet
in Schwierigkeiten befinden, eine solide Finanzpolitk betreiben,
Strukturen rationalisieren, angemessene und vergleichbare Arbeits-
leistungen erbringen und den Sozialsektor reformieren.
Kurzum : Hilfe nur zur Selbsthilfe, nicht als Unterhalt ! Ansonsten
Absenkung des Lebensstandards. Das geht, wie die Nachkriegsgeneration
in Deutschland bewiesen hat !

  • Antworten
Sirius06.06.2012 | 18:39 Uhr

Momentan sind alle ratlos

und ich finde es müßig, Frau Merkel für die Wahlen in Frankreich und Griechenland verantwortlich zu machen, die ein neues aufflackern der Krise hervorriefen. Der Schwelbrand im spanischen Bankensystem, wäre früher oder später sowieso aufgeflammt und Italien steht auch noch auf dem Programm. Vielleicht hat Berlusconi recht, ciaou Euro. Jedenfalls für die Ländern, die nicht in der Lage sind sich am Kapitalmarkt zu finanzieren und eine Zentralbank brauchen, die auf Kommando Geld in beliebiger Höhe druckt. Die Frage ist ja nicht, was ist mit den Krediten, sondern was kommt dann noch mit den Target 2 Salden hinzu? Mit welchen Sicherheiten sind diese Kredite unterlegt? Was sind diese Sicherheiten nach einem Euroaustritt dieser Länder noch Wert? Eigentlich müssten diese Länder bei eine Austritt mehrere hundert Milliarden Kredite von einem Tag auf den anderen bedienen. Niemand kann ein Land zwingen auszutreten, aber es kann auch niemand ein Land zwingen die Schulden der anderen zu bezahlen. Wenn die Krisenländer keine Kredite mehr bekommen, können sie natürlich auch die Zahlungen einstellen. Es ist ihre freie Entscheidung.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann06.06.2012 | 20:44 Uhr

Sarrazin hat recht...

Deutschland schafft sich ab.

Sarrazin hat vollkommen recht. Er wird nach Ludwig Ehrhardt, ebenfalls als einer der „Mahner“ in die Geschichte eingehen.
Die nächste Generation in Deutschland, wenn wir das Wirtschafts-Niveau Rumänien, Bulgarien, Ungarn usw. erreicht haben wird ihm ein Denkmal setzen.
Unsere Staatsverschuldung ist eine sozialistische Massenenteignung kommunistischer Prägung.
2012 erreichen wir ein negatives „Wachstum“ von Staatsschulden in Höhe von 2 Billionen Euro.
Nicht genug. Dank des völlig unnötigen, perversen Atomausstiegs „wachsen“ durch die erneuerbaren Energieformen die Schulden nochmals um rund 800 Milliarden Euro in den nächsten Jahren an, von der Haftung Deutschlands bei der europäischen Schuldenkriese in Höhe von derzeit 500 Milliarden ganz zu schweigen. Dazu kommen noch nicht gedeckten Pensionslasten.
Experten sprechen davon, das sie höher liegen als die Energie Schulden.

So sieht anscheinend „Wachstum“ - im negativen Sinne – unserer Staatsmänner aus.
Das ganze Land wird zu sehend ärmer. Doch nicht nur Politiker und Parteien haben die notwendigen Ziele verfehlt, sondern ein großer Teil unserer Gesellschaft selbst, ist nicht bereit etwas zu verändern.
Wir sind in Wirklichkeit jedoch in unbezahlbarer Daseinsvorsorge auf „Kredit“ stecken geblieben.
Alle Parteien im Bundestag tragen die volle Verantwortung Es gibt im ganzen Deutschen Bundestag keine einzige politische Kraft, die zu den neuen finanziellen Zumutungen auch einmal nein sagen und sich dem scheinbar unaufhaltsamen Weg in die Transferunion ernsthaft widersetzen würde.
1949 ist die Bundesrepublik gegründet worden. Vertrauen war ihr Betriebskapital, dank Ludwig Ehrhardt - dem ersten Mahner: „Maßhalten, sonst wird das ganze System explodieren“.

2012 ist das Kapital verhökert, verstümpert, verzockt, verprasst, vergeudet, durch unser parteiübergreifendes Gutmenschentum mit dem jahrzehntelangen sozialen Volksbeglückungswahnsinn.

  • Antworten
hermann hubert07.06.2012 | 13:42 Uhr

Anknüpfend an den Kommentar von Hermann Hubert

Dass der „Wutbürgeraufstand“ gegen die Schuldenmacher bisher ausgeblieben ist damit erklären, daß die Auswirkungen immer noch nicht in den Taschen der Deutschen spürbar geworden sind.
Vielen Deutschen ist noch gar nicht bewusst, das wir eine Schuldenkrise haben.
Sie beziehen den Sozial-Transfer fröhlich weiter.
Der neue Umweltminister Altmeier hat bereits angekündigt, den Haushalte, welche von der neuen Energie-Armut betroffenen, mit Milliarden zu unterstützen, auf Kosten der Fleißigen im Land.

Willkommen Herr Altmeier beim Kartell der Gutmenschen.

Die Aussicht, von Politik- und den gesamten grün-roten Medienbetrieb (alle Fernseh-Talkshow) gleichermaßen geächtet zu werden, schreckt potentielle konservative Unterstützer und Wähler neuer Parteien ab und verdammt diese zu Auszehrung und Aufgabe.

Jedoch die politisch korrekte Einheitspartei Deutschlands macht lustig beim Schuldenmachen weiter.

Es war Wahnsinn dieses System zu schaffen, jahrhundertlang wird darüber als eine Art historisches Monument kollektiven Wahnsinns geschrieben werden.

  • Antworten
Ursula Klein07.06.2012 | 21:45 Uhr

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