Warum man einen Schuldenerlass vielleicht lieber nicht mehr als Haircut bezeichnen sollte? Besonders dann nicht, wenn Männer mit spärlichem Haupthaar involviert sind. Eine sprachliche, biblische, historische und küchenpsychologische Analyse der Eurokrise
Dieser Tage ist in Europa sehr viel vom Haircut, respektive Haarschnitt, coupe de cheveux, corte de pelo, taglio di capelli oder κο?ρεμα (sprich: Kurema) gehört. Ich bin des Griechischen leider nicht mächtig, aber kann es ein Zufall sein, dass in der Online-Ausgabe des Wörterbuchs Pons ganz in der Nähe des griechischen Begriffs für Haarschnitt, κο?ρεμα, das Verb κουρσε?ω (sprich: Kursewo) steht, das so viel heißt wie ausplündern oder überfallen? Ich weiß jetzt nicht, ob das derselbe Wortstamm ist, möchte es aber auch gar nicht wissen, getreu der wichtigsten Kolumnisten-Grundregel "Never let the truth get in the way of a good story", was frei übersetzt so viel heißt wie: "Nie die eigene Kolumne tot recherchieren."
Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte, ist die Frage: Ist Haircut wirklich ein gut gewählter Begriff für den Schuldenerlass für Griechenland? Rein sprachlich erscheint das Bild von den haarigen Schulden schon recht schief. In der zunehmend emotional geführten Debatte über den Fortgang der europäischen Währungsunion sollte man aber auch kulturelle Eigenheiten der betroffenen Länder berücksichtigen. Ein Blick in die journalistische Primärrecherchequelle Wikipedia unter dem Stichwort Frisur hätte möglicherweise gereicht, um zahlreiche Irritationen der vergangenen Tage zu vermeiden: "In Athen waren ein gutes und gepflegtes Aussehen so wichtig, dass eigens ein Tribunal errichtet wurde, um über Angelegenheiten der Kleidung zu entscheiden. Frauen, die in der Öffentlichkeit eine unordentliche Frisur trugen, mussten Geldstrafen zahlen. Bei den Griechen war Körperbehaarung sowohl bei Männern als auch bei Frauen unbeliebt. Die oft kompliziert aussehenden Frisuren mit langen, wallenden Locken bestanden vollständig aus Perücken. Die ärmeren Leute hatten Perücken aus Schafswolle." Selbst ein Calamistrum, eine Art Lockenwickler aus Bronze gab es damals bereits. Frisuren sind in Athen demzufolge schon länger ein Thema.
Für die europäischen Banken, die gegenüber den Griechen jetzt freiwillig auf die Hälfte ihrer Schulden verzichten sollen, versteckt sich in diesem Lexikoneintrag möglicherweise auch noch eine interessante Information. Wenn die Milliarden, die die Griechen sich geliehen haben, Perücken sind, um im Haircut-Bild zu bleiben, es sich dabei also um falsches Haar oder vielleicht sogar nur Schafswolle handelt - sollten die Banken dann nicht lieber gleich komplett auf ihre Forderungen verzichten, bevor sie sozusagen Falschgeld zurückbekommen?
Der zweite Fehler bei der Verwendung der Friseur-Metapher ist, dass man keine Rücksicht auf die Protagonisten der Schuldenkrise und ihre Frisuren nimmt: Neben dem Noch-Ministerpräsidenten von Griechenland Giorgos Papandreou ist hier vor allem Silvio Berlusconi zu nennen, der Italien zielstrebig Richtung Abgrund führt. Bei beiden Herren fällt die Haarpracht eher spärlich aus. Der Gedanke an einen Haarschnitt lässt bei ihnen verständlicherweise sofort Angstschweißperlen auf den hohen Stirnen entstehen. Inwiefern ein Haarschnitt gut für ihr Land sein soll, ist für beide nur schwer verständlich. Berlusconi hat mit seiner weitestgehend erfolglosen Haartransplantation bereits 2004 der Außenwelt deutlich gemacht, dass er sich lieber weiter verschulden möchte statt harte Strukturreformen durchzusetzen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Ur-Ängste Haarschnitte bei Männern auslösen.











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