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Kapital

Eurokrise und StaatsfinanzenDer Steuerzahler muss ran, na und?!

Von Til Knipper25. August 2012
picture alliance
Altes Schild eines Finanzamtes
Alles andere als gemocht: Das Finanzamt
Schrift:

„Das zahlt am Ende der Steuerzahler“ ist ein Totschlagseinwand in jeder politischen Debatte, dabei werden die Kosten in jedem Land der Welt an die Steuerzahler weitergegeben, an wen denn sonst.

Leute, die das hier regelmäßig lesen, wissen ohnehin schon einiges über mich, aber ich fasse noch mal für diejenigen, die heute zum ersten Mal aus Versehen hier hineingeraten sind, Grüße Sie!, kurz zusammen: Ich bin Bayern-Fan trotz Philipp Lahm, verehre die Arbeit des Illustrators Christoph Niemann. verstehe Angela Merkels Spar-Euro-Politik nicht und gucke sehr regelmäßig The Daily Show with Jon Stewart.

So, jetzt sind wieder alle auf demselben Stand, Zeit für ein weiteres Detail aus meinem Privatleben, man muss ja auch die Stammleser bei Laune halten, also, bereit? Hier kommt es: Ein weiteres Idol von mir ist Constantin Seibt. Wer? Seibt? Man muss sich jetzt nicht direkt schämen, wenn man mit dem Namen nichts anfangen kann, aber es lohnt, ihn sich für die Zukunft zu merken. Constantin Seibt ist ein Schweizer Journalist, arbeitet für den Tagesanzeiger in Zürich und schreibt Kolumnen, wie soll ich sagen, zum Niederknien.

Darunter finden sich auch solche über das Kolumnenschreiben selbst. In seinem am Mittwoch erschienen Text steht dazu folgende Gebrauchsanweisung:

»1. Auf gute Ideen können Sie lang warten. Sie haben vielleicht vier pro Jahr.

2. Ihr Privatleben liefert nicht genug Stoff. Es langweilt.

3. Vergessen Sie Ihre Meinungen. Diese sind grössten Teils einfach Haare, die nach innen gewachsen sind statt nach aussen.«

Ooooops, worüber soll ich denn jetzt bitte schreiben, vielleicht über die messerscharfe Beobachtung, dass die Schweizer offenbar kein ß mögen? Trägt eher nicht über eine Seite. Ein weiterer Ratschlag von Seibt lautet aber: Raus aus der Halbdistanz, mutig sein!

Also riskieren wir mal was, jetzt nicht gleich Lebensgefahr, sondern eher ein bisschen Thesen oder Fakten frisieren. Ungefähr so wie Leute, die in der Nordheide aufgewachsen sind, aber auf die Frage, wo sie herkommen, gerne antworten: »Aus Hamburg.« Geht meistens gut, es sei denn, der Frager ist ein Hamburger.

Kommen wir jetzt also zum eigentlichen Thema des Textes, dem Steuerzahler. Ist Ihnen schon aufgefallen, dass er in fast jeder Debatte derzeit als Totschlagseinwand gegen alles hervorgeholt wird: »Das geht nicht, das zahlt am Ende der Steuerzahler.« Neues Geld oder mehr Zeit für Griechenland? Nein, dem Steuerzahler nicht vermittelbar. Höhere Kosten für den Berliner Flughafen? Kann nicht sein, dass der Steuerzahler da jetzt nachschießen muss. Sehen Sie auch so? Ist aber falsch, stattdessen müssen Sie auf diesen Einwand immer entgegnen: Ja klar, wer denn sonst?!

Es ist ja nicht so, dass der griechische Premierminister Antonis Samaras selbst haften wollte, als er vor seinem heutigen Deutschlandbesuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach, Griechenland werde alle Hilfskredite von mehr als 100 Milliarden Euro zurückzahlen. Genauso wenig wollten Merkel und der damalige Finanzminister Steinbrück, als sie ihre ohnehin hypothetische, staatliche Garantie für die Einlagensicherung aller Sparer ausstellten, für den Fall des Falles mit dem eigenen Ersparten geradestehen, mal abgesehen davon, dass dabei auch der Steuerzahler an seine Grenzen gekommen wäre.

Aber eines kann man sich ohnehin mal merken: In der Marktwirtschaft werden die Kosten, so lange es geht, immer an den Verbraucher weitergegeben, oder auf staatlicher Ebene an den Steuerzahler. Da spricht auch gar nichts dagegen, weil es für Wettbewerb sorgt. Wer das nicht bezahlen will als Kunde, kann ja den Anbieter wechseln oder als Wähler die amtierende Regierung abwählen. 

Es ist auch nicht ungerecht, wenn alle über die Steuern beteiligt werden, sofern das Steuersystem funktioniert und die Lasten angemessen verteilt. Überhaupt sollte man bei der Lösung der anstehenden Probleme stärker auf den Steuerzahler setzen. Nach einer aktuellen Studie von IWF-Ökonomen ist es während einer Rezession besser, die Steuern zu erhöhen als strikte Sparprogramme durchzuziehen.  Die Untersuchung zeigt, dass radikales Sparen die Rezession vor allem verstärkt und in die Länge zieht. Die Studie ist insbesondere deswegen so bemerkenswert, weil der IWF als Mitglied der Troika die Griechen zu dem brutalen Sparkurs gezwungen hat.

Und wenn Sie die Studie durchgearbeitet haben, schaffen Sie auch noch den Artikel des ehemaligen amerikanischen Finanzminister Larry Summers in der Washington Post in dem er darlegt, dass die Staatsquote in den USA um mehr als die Hälfte auf über 30 Prozent steigen wird. Die Gründe, die er dafür angibt, lassen sich nur schwer wegdiskutieren und sind alle ohne weiteres auf Europa übertragbar: Erstens werden in einer alternden Gesellschaft die Kosten für Sozialversicherung und Gesundheitssysteme unweigerlich ansteigen. Zweitens werden die Zinsen, die sich derzeit auf niedrigstem Niveau befinden, irgendwann wieder normalisieren, was dazu führt, dass die Kosten für die Refinanzierung der Staatsschulden deutlich ansteigen. Und drittens steigen die Preise, zu denen der Staat Leistungen in Bereichen wie Gesundheit, Bildung und Forschung einkauft oder finanziert, schneller als die Inflation.

Warum der republikanische Herausforderer Mitt Romney im US-Wahlkampf trotzdem verspricht, er werde das Defizit durch Steuersenkungen und Einsparungen ausgleichen, aber auch Präsident Barack Obama dem Mittelstand Steuererhöhungen ersparen will, bleibt ihr Geheimnis.

Ich kann mich da nur mit meinem neuen aus dem Italienischen stammenden Sprichwort trösten: "Die Mutter der Idioten ist immer schwanger!" Woher ich das habe? Wissen Sie doch, wenn Sie alle hier verlinkten Seiten genau studiert haben.  

 

 

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Sie erwarten wirklich, dass ein Land, das seit Jahrzehnten von 4-5 Familien beherrscht wird, in dessen Verfassung verankert ist, dass Reeder keine Steuern zahlen und dessen BIP zu 40% aus Schwarz- und Schmiergeldern besteht, jemanden der über Geld und Einfluss verfügt Steuern zahlten zu lassen? Die griechische Regierung hat die Steuern erhöht, Spenden an Kinderheime, in denen die Kinder der Armen am Leben gehalten werden, müssen jetzt mit 20% versteuert werden. Was wollen Sie? Sind sie wirklich so naiv die Lehren der modernen Volkswirtschaft auf eine Oligarchie anzuwenden.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann25.08.2012 | 19:24 Uhr

großartig

großartig
Da füge ich noch ein Zitat von Oliver Wendell Holmes an: "Ich zahle gern meine Steuern, ich kaufe mir dafür Zivilisation."

  • Antworten
Guido Hartmann25.08.2012 | 19:57 Uhr

Wie klamm die Staaten,

Wie klamm die Staaten, insbesondere Deutschland mit 2200 Milliarden € in den Miesen, ist, weiß ich jetzt. Da will der deutsche Fiskus von mir (Österreicher) der ich für meine kurze Tätigkeit in Deutschland ein Rente von € 238,--/a erhalte ganze € 19 an Steuern! Da dauerts dann halt gut mehr als 100 Milliarden Jahre bis ich das abgezahlt habe. Hoffentlich lebe ich nicht so lang, weil ja wie die Astronomen wissen in ca. 7 Milliarden die Sonne explodiert und dann ja eh alles Vorbei ist. Auch die Schulden und meine Steuerzahlung.
Übrigens, die Staaten der Welt sind mit 32000 Milliarden € verschuldet. Bei wem? Bei den Außerirdischen? Wo sind die Guthaben?

  • Antworten
Odranoel05.10.2012 | 23:57 Uhr

Am Ende zahlen nicht alle Alles

Knipper hat recht! Am Ende zahlt alles der Steuerzahler oder noch allgemeiner: Der so genannte kleine Mann. Wer sonst? Das lehrt uns schon die Mathematik. Viele können mit kleinsten Beträgen das x-fache dessen aufbringen was wenige leisten können und seien sie noch so reich.
100 Leute, die 1 Euro zahlen würden bei einem einzelnen Reichen - bei gleicher Summe – schon den hundertfachen Betrag fordern müssen. So wird der kleine Mann – gesehen als große Zahl - immer derjenige sein der die Zeche zahlt und das nicht nur in seiner Eigenschaft als Steuerzahler. So ist das ewige Gerede von den durchgereichten Lasten an den sogenannten kleinen Mann, der in den meisten Fällen gar keine Steuern zahlt, reine Symbolpolitik. Egal, welche Regierung gerade an der Macht ist.

Jeder nachdenkliche Mensch weiß, dass es nur bedingt eine umverteilende Sozialpolitik gibt, die den Langsamen vor dem Schnellen, den Starken vor dem Schwachen, den Listigen vor dem Naiven, den Klugen vor dem Dummen, den Kranken vor den Gesunden und den Alten von den Jungen bewahrt.

Wer sich über diese ungerechte Vorteilsverteilung beschwert, sollte seine Beschwerde direkt an den gütigen Gott richten.

  • Antworten
Heinz Pelzer26.08.2012 | 11:10 Uhr

Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen

Herr Knipper, als Journalist tragen Sie ja im Prinzip keine Verantwortung für Ihre veröffentlichen Vorschläge und Wirklichkeitsmodelle. In anderen Berufen ist man jedoch dran, wenn man ein falsches Urteil fällt. Wenn man nicht mal dafür haftet, sollte man jedoch nicht eine Wirklichkeit konstruieren, so aufgeklärt-zeitgenössisch sich auch das alles gibt, die so nicht existiert. Es sei denn es handelt sich um eine Satire. Zur Sache: Die Steuereinnahmen in Deutschland erzielen ein Allzeithoch. Die Verschuldung von Bund, Ländern und Kommunen, bleiben jedoch gigantisch, dieses ist der eigentliche politische Skandal, weil es die nachfolgenden Generationen und die Armen trifft. Ihre Zukunfts- und Handlungsfähigkeit wird enorm eingeschränkt. Es ist eine jahrzehntelang verheerend falsch ausgeübte Ausgabenpolitik des Staates. Wir haben kein Einnahmeproblem, sondern eindeutig ein Ausgabenproblem. Selbst die EZB fordert die Krisenstaaten dazu auf, staatliche Reformen und harte Sparmaßnahmen einzuleiten (für Griechenland bedeutet das auch, den aufgeblähten und ineffizienten öffentlichen Dienst abzubauen). Das führt natürlich zu Verteilungskonflikten, die jedoch durch die falsche Politik ausgelöst wurden, sowie auch insgesamt die Gemeinschaftswährung Euro ein politisches Projekt ist, das Europa spaltet. Für die Konsolidierung der Staatshaushalte gibt es unterschiedliche ökonomische Theorien. Steuererhöhungen sind jedoch für jede Volkswirtschaft Gift. Ausgabenkürzungen und Steuersenkungen zielen in die richtige Richtung, das scheint auch Präsident Obama zu wissen.

  • Antworten
bernhard jasper26.08.2012 | 18:06 Uhr

Steuerzahler

Ich habe mal nachgesehen. Laut Wikipedia sind alle natürlichen oder juristischen Personen potentiell Steuerzahler. Ausnahmen sind in der Praxis Inhaber von Schwarzgeldkonten und Anteilseigner von Unternehmen in gewissen Steueroasen. Wobei die mit ihrem so gesparten Geld meist doch noch Steuern zahlen, etwa die 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Marine eingeführte Schaumweinsteuer. Dürfte übrigens die kostspieligste Steuer der Welt gewesen sein, denn das kaiserliche Spielzeug war neben anderen Gründen ein Grund für den Ersten Weltkrieg. Hätte es damals schon die FDP gegeben, wäre uns das vielleicht erspart geblieben ;-))

  • Antworten
Robert26.08.2012 | 18:45 Uhr

Nachtrag

Die Steuerzahler finanzieren die Staatsaufgaben und Staatsausgaben. Es ist jedoch ein jahrzehntelang durchgängiges Motiv, dass der Staat mehr Geld ausgibt, als er einnimmt. Selbst bei guter Konjunktur und Rekordsteuereinnahmen ist er nicht in der Lage mit dem Geld auszukommen was ihm zur Verfügung steht, nimmt Kredite auf und gerät in die Abhängigkeit der Finanzmärkte. Es gibt klare Verschuldungsgrenzen. Die Obergrenze von sechzig Prozent des BIP ist weit überschritten. Das ist schädlich und rechtswidrig! Die Steuerzahler sind berechtigt empört, wenn sie jetzt noch zusätzlich für die Mißwirtschaft anderer Staaten haften und zahlen sollen, zumal wenn im eigenen Land die Mittel für Zukunftsinvestitionen gering genug sind. Die Staaten haben Steuer- und Finanzautonomie, wollen diese auch nicht an eine zentrale europäische Institution abgeben, weil das die parlamentarische Demokratie zerstört. Diese ständige Externalisierung von Kosten und Haftungen auf den Steuerzahler muss gestoppt werden, so ist das vom Wähler auch nicht gedacht. Wir wollen auch keine Wahlgeschenke. Der Staat soll die ihm übertragenen Aufgaben und Leistungen nach bestem Wissen und Gewissen (nach Verfassung und Recht) erfüllen und den Bürger bei seiner selbstbestimmten Lebensplanung- und Führung nicht einschränken. Kritik ist auch an staatlichen Projekten zu üben, wie die sogenannte „Energiewende“ und andere Großprojekte, wo ständig die Kosten aus dem Ruder laufen. Ständig werden uns Wirklichkeitsmodelle geliefert, die kaum überprüft werden können. Auch die Politik ist der Rationalität verpflichtet, d.h. konkret mit Methoden der kontrollierten Problemformulierung und Problemlösung zu arbeiten.

  • Antworten
bernhard jasper27.08.2012 | 12:24 Uhr

IWF Studie

In der Rezession lieber Steuern erhöhen als Sparprogramme aufzulegen, da sich die Rezession sonst in die Länge zieht, Griechenland aber immense Sparauflagen antragen. Ein Widerspruch in sich, der den Gedanken aufwirft, was und ob diese "Spezialisten" eigentlich nachdenken, bevor sie etwas tun. Griechenland hat ein eklatantes und institutionelles Problem im Steuerrecht, das sich über viele Jahre etabliert hat und jetzt nach Meinung der Troika innerhalb weniger Jahre behoben werden muss/soll. Die Handhabung des Steuerrechts ist Teil der dortigen Mentalität und lässt sich nicht mal eben ändern. In diesem Zusammenhang auch interessant wie sehr Griechenland das Sparen vorgebetet wird in unserem schönen Deutschland aber nichts gemacht wird. D.h. die Neuverschuldung fällt ja geringer aus, was aber ist mit den Altschulden ? Hat sich darüber schon jemand seine Gedanken gemacht ?

  • Antworten
Dana28.08.2012 | 07:27 Uhr

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