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 > „Solarenergie sollte nicht weiter ausgebaut werden“

Kapital

Wirtschaftsweiser„Solarenergie sollte nicht weiter ausgebaut werden“

Interview mit Christoph M. Schmidt13. Juni 2012
picture alliance
stromkabel, reichstag, sonnenfahne, reichstagsufer
„Wir wurden gerade Zeugen des Zusammenbruchs der deutschen Solarindustrie"
Schrift:

Der Wirtschaftsweise Christoph M. Schmidt fordert einen umgehenden Stopp der Solarförderung. Die Politik müsse stärkere Prioritäten bei der Energie setzen, andernfalls drohe ein Risiko der Versorgungssicherheit in Deutschland, sagt er im Cicero-Online-Interview.

Seite 1 von 2

Christoph M. Schmidt ist Direktor des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Er ist Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags

Die Energiewende gehört zu den kompliziertesten politischen und wirtschaftlichen Vorhaben in der Geschichte der Bundesrepublik – ist da das Scheitern nicht schon programmiert?

Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass das Ausrufen eines Prozesses nicht mit dem erfolgreichen Abschluss gleichzusetzen ist. Viele gehen zu Unrecht davon aus, dass jetzt schon alles geschafft ist. Die Politik hat aber im vergangenen Jahr lediglich beschlossen, trotz des Ausstiegs aus der Kernenergie an dem Ausbau der Erneuerbaren Energien und der Reduzierung der Treibhausgase festzuhalten.

Deshalb kam nicht die Idee auf, die Kernenergie zum Beispiel durch den Bau von neuen Kohlekraftwerken zu ersetzen. Das reflektierte den Wunsch der Mehrheit der Bevölkerung, ist aber eine Kombination sehr anspruchsvoller Ziele. Das große Missverständnis ist, dass man glaubt, all dies mit dem bestehenden Instrumentarium umsetzen zu können: Der Netzausbau wird ein bisschen erleichtert, die Fördersätze für Solar- und Windenergie werden ein bisschen heruntergesetzt, aber im Grunde genommen können wir so weitermachen wie bisher.

Doch das große Ziel ist, die Energieversorgung komplett auf Erneuerbare Energien ohne Treibhausgasemissionen umzubauen. Höchstwahrscheinlich wäre es sinnvoll, diese beiden Ziele nicht gleichzeitig erreichen zu wollen. Klüger wäre es gewesen, sich erst einmal auf ein Ziel zu konzentrieren: die Treibhausgase zu reduzieren.

Das will die Bundesregierung ja durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien erreichen. Durch den Ausstieg aus der Kernenergie steht ja der einzige konventionelle, klimaneutrale Energieträger nicht mehr zur Verfügung.

Es gibt unterschiedliche Wege für den Umbau: Wir können bessere Technologien bei der Verfeuerung fossiler Energie einsetzen, wir können der Industrie Quoten bei der Nutzung der Erneuerbaren Energien vorschreiben, den Energieunternehmen allerdings die Wahl lassen, mit welcher Technik sie das erreichen wollen, so dass ein Wettbewerb um die effektivsten und günstigsten Technologien entstehen würde.

Wir haben mit dem Emissionshandel ein gutes System, um die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, auch wenn man es sicherlich noch verbessern könnte: Es belohnt diejenigen, die Treibhausgase einsparen, und erhöht die Kosten für alle, die Treibhausgase erzeugen.

Aber die Politik meint, mehr eingreifen zu müssen. Beispielsweise fördert sie explizit bestimmte Technologien. In der Folge geht es vielen Investoren nicht mehr darum, möglichst günstig sauberen Strom herzustellen, sondern möglichst hohe Subventionsgewinne zu erzielen. Nur das erklärt den Boom der Solarenergie in Deutschland. Wir sind das Land mit der höchsten Produktion von Solarenergie in Europa, allerdings bei weitem nicht das mit den meisten Sonnenstunden.

Im trüben Deutschland wird mehr Solarenergie erzeugt als in ganz Südeuropa, wo Solarenergie wirtschaftlich mehr Sinn macht als bei uns. Und da sich in den vergangenen Monaten gezeigt hat, dass Deutschland künftig als Produzent von Solarzellen keine große Rolle mehr spielen wird, gibt es auch keine industriepolitischen Effekte. Wir wurden gerade Zeugen des Zusammenbruchs der deutschen Solarindustrie trotz Subventionen im dreistelligen Milliardenbereich.

Und der von Deutschland eingeschlagene Weg ist auch sehr teuer. In den kommenden Jahren werden die Strompreise stark steigen.

Der Ausbau der Kapazitäten der Erneuerbaren Energien ist teuer. Weil Sonne und Wind sehr unzuverlässige Energielieferanten sind, müssen konventionelle Kraftwerke bereitstehen, um die Lücken zu füllen. Diese Reservekraftwerke werden aber nur betrieben, wenn es sich lohnt. Das kann über einen hohen Strompreis geschehen oder über Bereitstellungsprämien - beides wird die Bürger sehr viel Geld kosten.

Das alles bedeutet: Wir entfernen uns vom Markt, von der Möglichkeit der Unternehmen, individuelle Investitionsentscheidungen zu treffen, und gehen im Energiesektor noch weiter in Richtung Planwirtschaft. Hinzu kommen die Kosten zur Integration der Erneuerbaren ins Netz: Wir brauchen Pumpspeicher und davon mehr, als in Deutschland gebaut werden können.

Das Netzt muss intelligenter werden, und der Windstrom muss von der Küste nach NRW, Bayern und Baden-Württemberg gebracht werden, wo die Industrie sitzt, die den Strom abnimmt. Auch das wird viele Milliarden kosten. Und auch die wird jemand bezahlen müssen, die Steuerzahler und die Stromkunden.

Im Moment konzentriert sich die Diskussion darauf, wie wir schnell die Erneuerbaren ausbauen. Aber das bringt nichts, wenn die so erzeugte Energie nicht ins Netz kommt. Jetzt sollten die Netze aus- und umgebaut werden und weiter an Erneuerbaren Energien geforscht werden.

Vielleicht haben wir ja in ein paar Jahren viel bessere und effektivere Möglichkeiten. Vor allem der Ausbau der Solarenergie ist teuer und schafft soziale Ungerechtigkeiten: Es entstehen Milliardenkosten, die von allen Stromkunden bezahlt werden und von denen vor allem die Immobilienbesitzer profitieren, auf deren Dächern die Anlagen installiert sind.

Die Menschen sind zwar bereit, für sauberen Strom mehr zu zahlen. Aber die Bereitschaft, diese Mehrkosten zu tragen, kommt an ihre Grenzen. Solarenergie in Deutschland sollte deshalb nicht weiter ausgebaut werden. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz muss reformiert werden. Es schafft die falschen Anreize, kostet sehr viel Geld und bringt uns dem Ziel der  Reduzierung von Treibhausgasen nicht viel näher. Wir haben mit dem Klimawandel ein globales Problem, das wir nicht national oder gar regional lösen können.

Droht ein Risiko in der Versorgungssicherheit?

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3 % Solarstrom

Die Zahl 3 Prozent wird gerne von der FDP genannt, ist aber irreführend. In der warmen Jahreszeit leistet Solarenergie zwischen 10 und 20 Gigawatt zu Mittag. Zu dieser Zeit werden etwa 60 Gigawatt gebraucht. Das heißt, tagsüber werden zwischen 15 % und 30% des Strombedarfs durch Solarenergie gedeckt. Nachts laufen die Kohlekraftwerke, da braucht keiner zusätzliche Energie. Wie ist das nun mit der Zuverlässigkeit? Die ist eigentlich nur in der dunklen Jahreszeit schlecht, etwa wenn Schnee liegt. Auch könnte ich mir ein große Teile Deutschlands bedeckendes Sommerunwetter vorstellen. Das heißt, tatsächlich dürfte Solarenergie viel nützlicher als Windenergie sein. Wozu wir leider noch keine Lösung gefunden haben, ist, wie man die möglichen wenigen Tage pro Jahr abdecken kann, wenn mal die meisten EE ausfallen. Hier müsste man Kraftwerke konstruieren, deren Wirkungsgrad egal ist, aber die im Notfall maximal 60 Gigawatt für wenige Tage produzieren. Ich denke, einfache und sehr billige Gaskraftwerke mit durchaus schlechtem Wirkungsgrad wären die Lösung. Die müssten in Massenproduktion hergestellt werden, also etwa 600 100 kW Anlagen. So etwas gibt es heute noch nicht, Gaskraftwerke sind heute immer teure Handfertigungen.

  • Antworten
robert13.06.2012 | 18:55 Uhr

Solarstrom und Technik

Aus technischer Sicht muss man einige weitere Dinge beachten. Die Einspeisung des PV-Stroms mittels Umrichter muss in ein stabiles Netz erfolgen. Die EE leisten keinerlei Beitrag zur Leistungsregelung und Systemstabilität. Die Abhängigkeit der Netzfrequenz von der Belastung wird durch Synchrongeneratoren geschaffen. Daher ist jede Aussage falsch, die EE würden einen Teil der Energie"versorgung" übernehmen. Für das Netz sind die EE zusätzliche Störungen, die Frage ist derzeit nur, wieviel das Netz verkraften kann. Der massive Ausbau von Leitungen kann die Aufnahmefähigkeit erhöhen, das prinzipielle Problem aber nicht lösen. Dazu kommt, dass das Aufkommen der EE eben nicht dem Bedarf entspricht, speziell die PV liegt komplett daneben. Im Sommer bei niedrigem Bedarf grosse Leistung, im Winter bei hohem Bedarf niedrige Leistung, zur Höchstlast an kalten Winterabenden keinerlei Leistung. Die gesamte PV-Installation ist eine reine Parallelinstallation. Die Kosten pro kwh PV-Strom sinken, das ist richtig, die Aufwendungen für die Aufnahme ins Netz steigen rapide an. Die Gesamtkosten der EE sind viel zu hoch, solange keine technische Möglichkeit existiert, mittels EE das Stromsystem zu betreiben. Wer aber sollte da forschen oder inverstieren, wenn diese Zufallseinspeiser von allen Verpflichtungen für das Gesamtsystem befreit sind? Das EEG verhindert jede sinnvolle Entwicklung, den Machern unterstelle ich, dass es ihnen darum auch nie ging, sondern nur ums Geld... Und warum PV umweltfreundlich sein soll, wenn man betrachtet welche Mengen an chemischem Giftmüll bei der Produktion anfallen und für alle Zeit ins bergwerk kommen hat sich mir noch nie erschlossen.

  • Antworten
Jürgen Schwenk14.06.2012 | 10:49 Uhr

Stimmt nicht

Thema Stabilität des Netzes: Ich habe jetzt noch mal nachgesehen, seit 2010 müssen Solaranlagen, die auf Mittelspannungsebene einspeisen, Blindleistung beisteuern, also Solarparks. Auch über Regelleistung für Solaranlagen wird schon diskutiert, dass heißt nämlich, dass nur ca. 95% standardmäßig eingespeist wird, um im Bedarfsfall auf 100% Leistung erhöhen zu können. Kurz, alles was man mit konventionellen Anlagen machen kann, kann man auch mit EE-Anlagen machen, man muß es nur in die Regeln reinschreiben.

Auch der angebliche Fehlmatch ist falsch. Im Sommer braucht man in Deutschland etwa genauso viel Strom wie im Winter, da wir in Deutschland nicht mit Strom heizen, sondern mit Erdgas. Eher braucht man im Sommer sogar mehr Strom, etwa um die Klimaanlagen zu betreiben. Wie ist das nun mit EE-Strom im Winter? Vor kurzem hat die Regierung die Förderung von "Zuhausekraftwerken", also Minikraftwerke, die Strom und Wärme gemeinsam produzieren, verbessert. Das ist sinnvoll, da die genau im Winter laufen werden. Auch hat Windenergie das Maximum im Herbst und Frühling.

Zu Kosten. Die Kosten, über die man immer liest, sind zum größten Teil in den vergangenen Jahren entstanden, weil die Regierung die Förderung nicht genug gekürzt hat. Ich wäre für die Kürzung der Solarförderung um 30 Prozent, wie das die FDP will, und ich würde sogar die Förderung für Solar- Freiflächenanlagen nächstes oder übernächstes Jahr ganz abschaffen. Windkraft auf See ist momentan am teuersten, hier würde ich einen Deckel vorgeben.

  • Antworten
Robert14.06.2012 | 16:25 Uhr

Gaskraftwerke

600 * 100 kW = 60 MW.
Wie wärs mit 300.000 BHKWs * 100 kW in Wohnblocks und Stadthäusern, betrieben teilw. mit Windgas oder "Solargas", im Winter, wärmegeführt ... in verschiedenen Technologien
Gasmotor, Brennstoffzelle, Stirling etc. dezentral, überschaubar, krisenfest.

  • Antworten
genaugenommen16.06.2012 | 11:22 Uhr

300.000 BHK

Im Sommer laufen die weniger oft als im Winter. Das heißt, man bräuchte sehr viel mehr als 300.000 Anlagen.

Ich habe mir gerade die Studie "UNTERSUCHUNGEN ZU EINEM ZUKUNFTSFÄHIGEN
STROMMARKTDESIGN" durchgelesen, wo untersucht wurde wie man das mit den back-up Kraftwerken lösen kann. Die Empfehlung dort war 40 GW Gaskraftwerke zu bauen und zwar indem "Versorgungssicherheitsverträge" abzuschließen seien. Die Alternative, irgendwo Anlagen rumstehen zu haben, die bei Bedarf eingeschaltet werden, lehnen sie dagegen ab. Das soll so ablaufen, dass in einer reversen Auktion die Kapazitäten der Altanlagen und geplante Neuanlagen angeboten werden. Das heißt, die billigste Neuanlage wird gebaut. So soll verhindert werden, dass Altanlagen rasch abgeschaltet werden und der Steuerzahler die teuersten Neuanlagen bezahlt. Mit BHKW wird das wohl nicht gehen, da die keine sichere Kapazität sind.

  • Antworten
Robert16.06.2012 | 17:30 Uhr

Unterschied zwischen veröffentlichter und Öffentlicher Meinung

Es ist schon auffällig, wie sehr sich die öffentliche Meinung (Umfragen sehen eine bis zu 80 % ige Zustimmung für Solarenergie!) von den oft
kritisch bis polemischen Einträgen hier, aber auch in anderen Online Medien unterscheiden!

Sonnenstrom besticht dadurch, dass er (umweltfreundlich) dort erzeugt wird, wo er benötigt wird (dezentrale Energieerzeugung).

Wenn die Automobil Industrie in den Anfängen nach den gleichen Kriterien beurteilt worden wäre, wie der Sonnenstrom, dann gäbe es heute in Deutschland eine Hauptbranche (Tausende Arbeitsplätze) mit Sicherheit nicht!

Mich würde wirklich einmal interessieren, welche Interessen hinter dieser
offensichtlichen Miesmacher Kampagne und häufig unqualifizierten und mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten gespickten Kommentaren stecken?

W. Thoma
Pressesprecher
Solargruppe Thoma
Neumarkt i.d. Oberpfalz

  • Antworten
Werner Thoma20.06.2012 | 06:58 Uhr

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