„He doesn’t know to email.“ Dieser Wahlspot traf McCain persönlich. Der 72-Jährige gehört zur Vergangenheit. Obama ist der erste Internet-Präsident wie JFK der erste TV-Präsident war.
Cicero-Dossier: Barack Obama
Barack Obama hat in seinem Wahlkampf nur selten seinen Kontrahenten persönlich angegriffen. Einer der vielen Werbespots zielte jedoch auf John McCain. Der Spot stellte die Welt vor über zwanzig Jahren dar. Es war eine Welt ohne Personal Computer, ohne Handy, ohne Internet. „Doesn’t know to use a computer“, erklärt die Stimme und zeigt den heute 72-jährigen McCain. Obama dagegen trägt nicht nur einen Blackberry am Gürtel und ist damit jederzeit vernetzt. Er hat auch wie kein anderer Kandidat vor ihm die Bedeutung des Internets für sich erkannt und genutzt. Medienhistorisch wird der US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 einen Wendepunkt darstellen, vergleichbar mit der entscheidenden TV-Debatte zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon im Jahr 1960. Kennedy war der erste telegene Präsident und wirkte in dunklem Anzug ausgeruht und trotz seiner Jugendlichkeit souverän – während Nixon in hellem Sakko und unrasiert verblasste.
Das Institut für Demoskopie Allensbach weist über lange Zeit einen steigenden Medienkonsum nach. Die aktuelle Studie untermauert jedoch auch, dass das Internet zum wichtigsten Informationsmedium wird. Menschen gehen dazu über, Informationen für eine jeweils konkrete Situation zu suchen – von Freunden und über das Netz. Diese spontane Gesellschaft bildet sich ihre Meinung in einem ständigen Suchfeld und reagiert mit quasi kollektiver Intelligenz auf Ereignisse. Gab es in den neunziger Jahren noch einen News-Zyklus am Tag – also Meldung, Dementi und Bestätigung im TV-Abendprogramm – so läuft dieser heute fast in Echtzeit. Am Tag des Votums der vier hessischen SPD-Abgeordneten gegen Andrea Ypsilanti verzeichnete etwa „FOCUS Online“ mehrere Millionen Seitenabrufe allein zu diesem Thema und rund 4.000 Kommentare von Nutzern. Selbst die schnellen Medien Fernsehen und Zeitung kommen kaum nach.
Neue Protagonisten wie die Bloggerin Arianna Huffington betreten die Bühne. Aus Opposition gegen die Bush-Regierung und eine konservative Medienmacht hat sie eine liberale Autorenplattform gegründet. Auf der „HuffingtonPost“ schreiben heute über tausend Blogger; das Portal syndiziert Hunderte von Nachrichtenquellen. Aber auch Blogs wie „Daily Kos“ oder „Politico“ werden von Millionen gelesen und werten permanent politische News aus. Heute informieren sich doppelt so viele Amerikaner über das Internet wie noch vor vier Jahren. Der US-Wahlkampf wurde mehr denn je über Internet-Videos geführt: Obamas Hommage an den Apple-Werbespot aus dem Jahr 1984, der „Obama-Rap“. 15 Millionen Menschen sahen die Rede, in denen er auf die Ausfälle seines ehemaligen Priesters Jeremiah Wright reagierte. Selbst Paris Hilton schaltete sich mit einem satirischen Videobeitrag ein, als McCain den gewählten Präsidenten wegen seiner Europa-Tour angriff. CNN kooperierte mit dem Videoportal „YouTube“, sammelte dort Fragen von Tausenden von Bürgern – und gewann wieder Marktanteile.
Die jungen Amerikaner wollen auf die Zukunft ihres Landes Einfluss nehmen und nutzen ihr Medium – das Internet –, um die Politikverdrossenheit zu überwinden. Sie waren und sind Obamas Armee, die Gerüchte und Anschuldigungen auf Websites wie „FightTheSmears.com“ entkräftigt. Selbst einer der Gründer des größten sozialen Netzwerks Facebook, der 24-jährige Chris Hughes, zählte zum Wahlkampfteam des Demokraten. Über 80.000 lokale Wahlkampfevents wurden so über die Obama-Community organisiert und Millionen Wahlkampfgelder gesammelt. Zwischen den digitalen Utopisten wie Clay Shirky und Skeptikern wie Jaron Lanier hat sich darüber bereits eine Debatte entwickelt. Shirky beschreibt in seinem Buch „Here Comes Everybody“, wie sich Menschen im Netz selbst organisieren und auf die Politik Einfluss nehmen. Lanier dagegen warnt vor einem neuen digitalen Maoismus, der nicht mit Demokratie und Meritokratie vereinbar ist. Der US-Wahlkampf ist der Sieg des Internets als personalisiertes Partizipations- und Live-Medium. Obama ist der erste cybergene Präsident. Er hat es geschafft, eine Plattform für das Engagement seiner 8 Millionen Unterstützer herzustellen. Das geht weit über die institutionellen Grenzen von Parteien als politische Organisationsformen hinaus.
Menschen vertrauen Institutionen und Unternehmen heute weniger als in der Vergangenheit. Die Harvard-Soziologin Shoshana Zuboff hat diese Vertrauensquoten übergreifend untersucht und kommt zum Schluss, dass der wahre Wert heute in der Beziehung, der „relationship“, besteht. Die gleiche Studie zeigt, dass Menschen viel mehr der Meinung ihrer Freunde und Bekannten vertrauen. Menschen wollen Transparenz und Selbstbestimmung. Dafür nutzen sie Suchmaschinen und Websites, auf denen sie kommentieren oder Bewertungen abgeben. So werden immer mehr Reisen über Bewertungsportale wie „HolidayCheck.de“ gebucht. Was für Hotels und Elektronikprodukte bereits normal ist, werden wir bald auch bei Ärzten und Schulen sehen – erste Anbieter gibt es schon. Und Google ist das am stärksten wachsende Werbemedium, weil es ermöglicht, Werbeplätze neben Suchbegriffen zu schalten. Immer mehr Unternehmen investieren in Communities, um ihre Marken und Produkte glaubwürdig zu präsentieren. Gute Produkte und Dienstleistungen werden weiterempfohlen, sie finden ihre Kunden.
Und Menschen pflegen immer mehr auch ihr persönliches Profil auf Plattformen wie XING und sind bereit, dafür zu bezahlen. Sie präsentieren sich möglichen Arbeitgebern, Journalisten oder Bekannten. So sorgen sie in Zeiten von Patchwork-Karrieren und Zeitverträgen vor und bilden eine persönliche Marke. Zugleich ist diese digitale Identität ambivalent und vermengt das private und berufliche Bild. Aber auch in Krisenereignissen entwickelt sich die öffentliche Meinung durch das Internet viel schneller und mit eigener Dynamik. Handyvideos etwa von turbulenten Landeanflügen werden millionenfach über Seiten wie LiveLeak oder YouTube abgerufen und gelangen auf reichweitenstarke Medien.
Das Social Internet wird für alle zum relevanten Faktor. Medien verändern unsere Wahrnehmung, sagte Walter Benjamin. Es wird Zeit, diese neuen Sozial- und Kulturtechniken zu verstehen.










