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Kapital

Leben mit Schulden„Haltet euch an Diktaturen, die zahlen pünktlich“

Von Kathrin Röggla2. Juli 2012
picture alliance
Kathrin Röggla,Schulden,Diktaturen,David Graeber,Buch,Die ersten 500 Jahre
Kathrin Röggla kann auch zynisch
Schrift:

Geboren und schon schuldig! Unweigerlich steuern wir als Kinder bereits auf die Erwachsenenverschuldung zu. Die Schrifstellerin Kathrin Röggla erklärt, wie man mit den Schulden lebt – und wird zynisch

Wie viele Schulden hat dieses Kind nochmal? Bei der Geburt, sagen Sie? Ach, ist ja erstaunlich! Geboren und schon so schuldig. Und dann, wie geht es weiter? Gibt es noch weitere Kindheitsverschuldung, bevor es zu der ordentlichen Erwachsenenverschuldung kommt, auf die wir alle unweigerlich zusteuern, oder reicht unsere Kindheitsverschuldung schon aus, um alles in Unbeweglichkeit zu ersticken? Die finanziellen Spielräume sind es ja, die bei jedem Sparprogramm beschworen werden, von wem noch mal?

Ach, den Politikern, ja, die Politiker, da war doch was. Sie haben keinen Handlungsspielraum mehr, sagen Sie? Recht haben Sie! Kein Wunder bei den heutigen Verträgen, die jetzt immer nur Handyverträge sind, Knebelverträge und Unterhändlerverträge – bitte? Ja, und immer hängt auch noch ein Versicherer mit drin, ein Rückversicherer und Vorversicherer, der sich mit dem ganzen Mobilfunkschmafu die Gewinne teilt. In jeder Geldbewegung stecken die doch allesamt drin und türmen den Schuldenberg erst so richtig auf!

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Das schimpfen diese Typen vor sich hin in einem Affenzahn, dass mir ganz schwindlig wird. Ich stehe mit ihnen in einer Warteschlange – warten worauf? Wir haben es allesamt vergessen, aber geguckt wird, dass sich keiner vordrängelt. Das ist hier so üblich und nennt sich nach wie vor Deutschland, als wäre nichts gewesen, als wäre hier nichts los. Als würden nicht der Bund der Steuerzahler mit dem Bund der Vertriebenen und dem Unbund der Investmentjunkies loslegen, und miteinander die Steilvorlagen für das öffentliche Gespräch bieten. „Was für ein Unsinn“, sagt der Volkswirt in mir, „es ist doch ganz einfach: Wirtschaftliches Wachstum lebt vom Kredit, lebt davon, dass Menschen, Unternehmen, Staaten Schulden machen, weil sie investieren. Baut man alle Schulden ab, hat man keine Gewinne mehr! Auf diese einfache Rechnung kann man es doch bringen.“

Ja, es hat sich ein Volkswirt in mir eingerichtet, ein Fluchtvolkswirt, Keynesianist erster Güte, nachdem der ganze Rest von Betriebswirten übernommen wurde mit ihrer berühmten betriebswirtschaftlichen Optik, die, Geldblasen vor sich herschiebend, alles plattwälzt.

„Ach was“, mümmelt der Volkswirt seine Karotte weiter: „Kommt es eben zur Geldvernichtung.“ Er unterbricht sich und sieht mich erstaunt an: „Von was reden wir hier eigentlich? Geht es um die Sicherheit beim Abschließen von Geschäften? Haltet Euch an Diktaturen, die zahlen pünktlich! Die müssen ja bedienen, weil sie international nicht bedient werden.“ Er wird zynisch, ich habe es gewusst, „aber solche Dinge nehmen wir hier nicht in den Mund, weil wir absolut demokratisch bleiben wollen“, steuere ich gleich pflichtschuldigst bei, „wir von der Deutschland AG setzen immer noch auf Demokratie, und das sollte ein jeder wissen. Wirklich.“ Ich werde zum Schweigen gebracht, und hier bin ich nun, bei Ihnen.

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, ist eine österreichische Schriftstellerin und lebt in Berlin. Anlass der LITERATUREN-SERIE zu den Schulden ist David Graebers bahnbrechendes Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“.

 

Teil 1: Ein Theologe antwortet: Wie lebe ich mit meinen Schulden?

Teil 2: Schriftstellerin vs. Ökonom: „Haltet Euch an Diktaturen, die zahlen pünktlich“

Teil 3: Schulden: Geschichte schreiben auch Verlierer

Teil 4: Böses Schuldenmachen: Schon früher verpfändete man die Zukunft

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Die Pflichten bzw. Schulden der Kinder

Früher, und in Entwicklungsländern teilweise bis heute, war es üblich, daß man Kinder u.a. deshalb in die Welt setzte und großzog, damit man im Alter versorgt ist.

Das kam z.B. darin zum Ausdruck, daß der Sohn zusammen mit dem Familienhof die Verpflichtung übernahm, für seine Eltern bis zu deren Lebensende zu sorgen.

Heutzutage ist die Altersversorgung vergesellschaftet und wird finanziell abgebildet;
das verallgemeinert aber nur die Pflicht der Kinder- und Enkel-Generationenen für die Älteren zu sorgen;
formaler Ausdruck dieser Pflicht sind nun mal "Schulden" in unterschiedlicher Form.

  • Antworten
Michael Hoffmann09.07.2012 | 09:52 Uhr

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