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 > „Die Politik wirft alles in einen Topf“

Kapital
Ratingagenturen

„Die Politik wirft alles in einen Topf“

Interview mit Jan-Pieter Krahnen 19. Januar 2012
Burkhard Mohr
Ratingagenturen, Standard & Poor's, Herabstufung, Moody's, Fitch
Deutsche AAAbwehr - eine Karikatur von Reinhard Mohr.

Seitdem Standard & Poor's die Bonität Frankreichs und des EFSF herabgestuft hat, wird wieder einmal über die Notwendigkeit einer europäischen Gegenmacht gestritten. Was dagegen spricht, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Jan-Pieter Krahnen

Seite 1 von 2

Die US-Rating-Agentur Standard & Poor's hat die Bonität Frankreichs, acht weiterer Euro-Staaten und die des europäischen Rettungsschirm EFSF gesenkt.  Und wieder einmal ruft die Politik nach einer europaeigenen Ratingagentur. Warum gibt es die denn bisher noch nicht?
Die Frage ist gut, weil sie schon alle Zweifel zu dem Thema enthält. Wenn es tatsächlich so einfach wäre, gäbe es schon längst eine europäische Ratingagentur. Der wichtigste Grund aber ist, dass nicht einfach zu erkennen ist, worin eine Notwendigkeit besteht. Die gäbe es nur, wenn bei den vorhandenen Agenturen einen Nachholbedarf in Sachen Wettbewerb, Qualität oder Glaubwürdigkeit vorliegt, der durch eine zusätzliche Agentur aus Europa befriedigt werden könnte. Ob dies so ist, müssen wir prüfen.

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Was spricht gegen eine europäische Ratingagentur?
Der Aufbau einer solchen neuen Agentur ist eine sehr teure Angelegenheit. Der Wert, den sie für Investoren hat, basiert allein auf Reputation. Und die lässt sich nicht mit einer großen Summe Geldes kaufen, sondern kann ausschließlich über lange Zeit und gute Arbeit aufgebaut werden. Das dauert viele Jahre, in denen die Agentur mit voller Kraft und vollem Kosteneinsatz tätig sein muss ohne nennenswerte Erlöse zu generieren.

Wie lange bestehen Ratingagenturen wie Standard & Poor's oder Moody’s schon?
Die sind über Jahrzehnte im Anleihe-Markt groß geworden. Beide Firmen sind absolut dominierend im Markt von Unternehmensanleihen und Staatsanleihen. Erst vor wenigen Jahren kam der Bereich der strukturierten Produkte neu hinzu, die sogenannten Asset-backed Securities, die aus Portfolios generiert werden. Diese Anlageklasse hat während der Finanzkrise traurige Berühmtheit bei der Entstehung der Krise erlangt, und die Ratingagenturen haben zum Aufbau dieses Marktes erheblich beigetragen. Und es scheint, dass sie schlechte Arbeit geliefert haben. Im wesentlich größeren und Jahrzehnte alten Anleihe-Bereich dagegen haben sie bis auf den heutigen Tag unverändert exzellente Arbeit geleistet.

Macht die Politik in dieser Frage einen Unterschied, wenn sie nun immer wieder die Debatte um eine europäische Ratingagentur in den Raum wirft?
Nein, die öffentliche Diskussion, gerade in der europäischen Politik wirft diese unterschiedlichen Märkte leider in einen Topf. Es wird überhaupt nicht differenziert. Den Ratingagenturen werden deshalb bei den Staats-und Bankanleihen zu Unrecht massive Vorwürfe gemacht.

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Kaffessatzleserei mit Ambitionen

Herr Kranen ist mit seiner Beschreibung, was Ratingagenturen bewirken und welchen Nutzen sie haben sollen voll im Mainstream der Überfrachtung sozialer Entitäten. Hören viele auf das Urteil der Ratings entfaltet sich eine gleichgerichtete Herde, deren handlungsorientiertes Endresultat dennoch nicht feststeht. Gerade die Finanzkrise hat gezeigt, nachdem sich bis hinein in die Gesetzgebung und Risikobewertung alle daran orientiert haben, sie so das Fiasko mit befördert haben. Ratings basieren, wie alle Prognosen, auf einzelnen Fallzahlen, die aber nicht alle Faktoren berücksichtigen können, die das soziale Verhalten der Wirtschaftsakteure bestimmen. Das ist kein erkenntnistheoretisches Faktum, sondern ein ontologisches. Deshalb sind noch so viele Zahlenreihen nicht Abdruck eines sozialen Verhaltens, dessen Vorhersagbarkeit dadurch transparenter würde, sondern eine Momentaufnahme, die nicht über die Zukunft sagen kann. Darin liegt das Dilemma unsere marktgläubigen Wirtschaftswissenschaft. Diese glaubt einerseits an das Spiel der freien Kräfte und behauptet andererseits die Richtigkeit ihrer Prognosen, obwohl diese aus einem freien Spiel der Marktkräfte nicht zu eruieren sind. Deshalb sind Ratings immer interessengelenkt, wenn sie die Marktteilnehmer davon überzeugen wollen, sich nach den Prognosen zu richten. Aber, das Bündeln von Ansichten befreit uns nicht vor den Risiken. Das schafft nur Konformismus der Handlungsmaximen. Und wenn man es ohne Umschweife benennt sollte, ist es letztendlich Meinungsmache auf hohem Niveau.

  • Antworten
popper20.01.2012 | 11:21 Uhr

Wirtschaftskrieg

Da die Rating-Agenturen in den USA sitzen, sind sie meiner Meinung nach ein strategisches Element im Wirtschaftsktrieg der USA gegen Europa, Die USA haben jedes Interesse an einem wirtschaftlich schwachen Europa. Ein Teil dieses Krieges war es, der Welt die verbrecherischen Ramsch-Anleihen aus den USA anzudrehen; dies geschah nicht nur mit dem Wissen, sondern mit der aktiven Mitwirkung der Rating-Ageturen und ihrer Mitarbeiter. Das man Ramsch mit AAA bewertet kann ja kein Zufall sein!! Also muss eine europäische Agentur her, die mit gleichen Spießen amerikanische Anleihen bewertet.

  • Antworten
bleibtreu20.01.2012 | 13:30 Uhr

Self Fulfilling Prophecies

Drei Wochen vor den Wahlen ist in Deutschland die Publikation entsprechender Umfrageergebnisse verboten. Mit Recht, denn diese würden viele Wähler bei Ihrer Wahlentscheidung beeinflussen. Schlimmer noch bei den Prognosen der Ratingagenturen. Es wird in vielen Gestzestexten Bezug auf Ihre Ratings genommen umd die Anleger und Versicherungskunden vor Verlusten zu schützen. Dadurch lösen aber manche Ratings, gerade in Krisenzeiten zwangsläufig unerwünschte Reaktinen bei den großen Kapitalfonds aus. Jeder Kleinanleger kann Kursschwankungen besser Nutzen bzw. Verluste vermeiden, indem er einfach nur Verkauft, wenn es sich für ihn lohnt. Viele große Kapitalfonds können das nicht. Die Ratings "machen" auch den Markt, insofern darf man sich nicht wundern, wenn sie oft Recht behalten. Sicher sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil, eine notwendige Funktion zur Reduktion von Komplexität immer unüberschaubarer werdender Finanzmärkte geworden. Doch die Intransparenz der Bewertungen und die Abhängigkeit von zahlungskräftigen Kunden im Finanzsektor sind ein Handicap. Transparente Bewertungskriterien, nachvollziehbare Prozesse und Unabhängigkeit von Wirtschaft und Politik, könnten der Wettbewerbsvorteil einer europäischen Ratingagentur werden und die jahrzehntelange Erfahrung der privaten Agenturen schnell wettmachen.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann21.01.2012 | 10:04 Uhr

Rating-Agenturen

Eine europäische Rating-Agentur als Allheilmittel, um sich im Wirtschaftskrieg mit den USA behaupten zu können? Go for it! Ich bin der Meinung, dass eine weitere Meinung sicher nicht schaden kann. Der größte Vorteil, wenn dies durch eine europäische Einrichtung erfolgen würde wäre, dass sinnbefreite Kommentare, dass Rating-Agenturen Teil des Wirtschaftskrieges gegen die USA seien, endgültig ihre Glaubwürdigkeit verlieren würden.

Werden dadurch treffsichere Ratings gewährleistet? Das bleibt abzuwarten. Da es nicht vom Sitzland der Agentur abhängt, dass sich Ratings auf künftige Entwicklungen beziehen und damit zwangsläufig mit Unsicherheit behaftet sind, habe ich da allerdings meine Zweifel.

Es müsste dann allerdings gewährleistet werden, dass Anlagegesellschaften, die von Gesetzes wegen an bestimmte Mindestratings bei ihren Anlagen verpflichtet sind, sich auch nach dieser neuen europäischen Adresse richten können dürfen. Nur so hätte sie auch eine Chance, sich durchzusetzen.

Und dann sollten - allerdings unabhängig davon, ob eine neue Agentur entsteht oder nicht - wir noch alle umdenken und im Hinterkopf behalten, dass eine Rating-Note niemals eine exakte Zukunftsaussage sondern lediglich eine auf Vergangenheitswerten basierende Prognose darstellen kann. Auch AAA bedeutet übrigens nicht, dass ein Ausfall ausgeschlossen ist. Er wird nur als sehr unwahrscheinlich angesehen.

  • Antworten
creeky7821.01.2012 | 15:43 Uhr

Irgendwo hat er auch Recht

Die Bewertung der Bonität europäischer Staaten scheint viel schwieriger, als wir uns das vorstellen. Wir sollten uns jedoch vor Augen halten, das die außerhalb von Europa aufgebauten Ratingagenturen eine viel objektivere Sich genißen als wir hier in Europa. Aus dem einfachen Grund, das sie nicht involviert sind.

  • Antworten
Bauer12326.01.2012 | 21:28 Uhr

Euro Selbstbetrug

Europa ist der Holocaust des 21. Jahrhundert, errichtet eine „Brandmauer“ um im eigenen Saft zu schmoren.

Eine Brandmauer soll einen Brand an der Ausbreitung hindern, hier mauert man sich zur Selbstvernichtung ein, die Maurer sind Frankreich, Deutschland. Alle armen, benachteiligten Staaten ab in den „Euroraum“, um sich von dem Raubzug des Kapitals aus Frankreich und Deutschland die Souveränität rauben zu lassen. Die Neuordnung Europas im Sinne des Kapitals, mit Abschaffung der gesellschaftlichen Grundordnung. Die neue Angst ist die Verbreitung, wir sitzen alle im selben Boot, wenn dann gehen wir alle unter, „der Endsieg naht“.
Eine Mauer hat immer zwei Seiten, wie wir Deutsche wissen, sollte man auf der richtigen Seite stehen. Wir schreiben anderen Staaten Staatsräson vor, die wir nie erfüllen und nur besser dastehen, weil wir unser Land und Bürger vernachlässigen, mit Niedriglöhnen wie Subventionen erpressen.
Wenn die, die heute noch glauben in eine Gemeinschaft einzutreten, um an dem Spiel im Wirtschaftsrollet zu genesen, die Falschspieler erkennen, wird es uns Deutschen schlecht ergehen. Der Franzose wird die führende Rolle der Deutschen
als Entschuldigung ihrer Gier ausrufen und schon sind wir Deutschen wieder die Kriegstreiber.
Das Kapital lässt sich nicht beherrschen, es ist Mittel zum Zweck, wurde zur Vorratshaltung erdacht.
Frank Poschau
www.frank-poschau.jimdo.com

„Es ist ein Produkt unserer Zeit, Dessinteresse ist die Geißel des Wohlstandes,
um den Strick an der Demokratie enger zuziehen.“
Frank Poschau
22.01.12

  • Antworten
Frank Poschau29.01.2012 | 08:55 Uhr

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