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Kapital

"Nach uns die Sintflut"

Von Til Knipper26. Mai 2010
Schrift:
Die Ratingagenturen im Visier der Ermittler: Haben sie die Finanzkrise mitverursacht oder sind sie nur die Sündenböcke? Ihre Abhängigkeit von ihren Auftraggebern, den New Yorker Investmentbanken, war größer als bisher bekannt.
New Yorks Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo ist an der Wall Street alles andere als beliebt. Die Banker beschimpfen ihn gerne als „Kommunisten“ und „Populisten“. Der 52-jährige Demokrat will im Herbst Gouverneur des Staates New York werden und ist auf der Suche nach spektakulären Strafverfahren, die seine Popularität weiter steigern könnten. Er ist ein gelehriger Schüler seines Vorgängers Eliot Spitzer, der Anfang des Jahrtausends als „Sheriff von New York“ Korruption und Insidergeschäfte an der Wall Street bekämpfte. Jetzt ist Cuomo wieder fündig geworden: Gegen acht Investmentbanken, darunter die Deutsche Bank und Goldman Sachs, hat er Ermittlungen eingeleitet. Haben sie die Ratingagenturen vorsätzlich getäuscht, um bessere Bewertungen für ihre Hypothekenverbriefungen zu bekommen? Nicht ausgeschlossen ist auch, dass sich die großen Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch selbst demnächst gerichtlich verantworten müssen. Investoren bereiten in den USA bereits Schadensersatzklagen vor. Die Agenturen sollen Finanzprodukte vorsätzlich falsch bewertet haben. Auch der oberste Untersuchungsausschuss des US-Senats hat sich die Kreditanalysten bereits vorgeknöpft. Der Ausschussvorsitzende, Senator Carl Levin, bezeichnete sie gar als die „Hauptschuldigen für den Ausbruch der Krise“. Sein Ausschuss hat bereits wertvolle Vorarbeit für Andrew Cuomo geleistet. Mehr als 500 Seiten interner Dokumente der beiden größten Ratingagenturen Standard & Poor’s und Moody’s hat der Ausschuss zusammengestellt und mehrere ehemalige und aktive Mitarbeiter als Zeugen vernommen, um die Rolle beim Ausbruch der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression zu untersuchen. Das Paket mit den Dokumenten und der vorläufige Bericht des Ausschusses lesen sich wie ein Krimi. Den Agenturen wird vorgeworfen, dass sie die sogenannten Subprime-Verbriefungen zwischen 2004 und 2007 jahrelang mit unzuverlässigen Modellen bewertet hätten, was zu völlig überhöhten Benotungen dieser Kreditpakete geführt habe. Senator Levin kann nur ein Motiv dafür finden: Profitgier. Angetrieben vom Kampf um Gebühren und Marktanteile im boomenden Geschäftszweig der Kreditverbriefungen verteilten sie großzügigst ihre Bestnote „AAA“. Wie es bei diesem Kampf hinter den Kulissen zuging, macht der Mailverkehr deutlich. Das übergeordnete Motto hieß: Quantität vor Qualität! Bereits im März 2005 beschwerte sich ein S&P-Angestellter darüber, die Einführung von verbesserten Ratingmodellen würde seit Monaten verschoben, „weil wir die Bewertung von Subprimepapieren massieren müssen, um die Marktanteile zu sichern“. Ein Kollege von ihm lässt sich zu der Bemerkung hinreißen, „wir würden sogar Papiere mit gut bewerten, die von Kühen strukturiert wurden“. Viele Mitarbeiter klagten über die ständig steigende Arbeitslast. Eine Untersuchung der US-Finanzaufsicht SEC kam zu dem Ergebnis, dass trotz der stark angestiegenen Anzahl der zu bewertenden Papiere die Ratingagenturen kaum neue Mitarbeiter einstellten. Frank Raiter, ehemaliger Managing Director bei Standard & Poor’s, warf vor dem Senatsausschuss Ende April seinem Ex-Arbeitgeber vor, eine schlechtere Bewertungsqualität bewusst in Kauf genommen zu haben. Nur so sei das erhöhte Ratingaufkommen, das sich zwischen 1995 und 2005 versechsfachte, mit einer konstanten Anzahl von Mitarbeitern zu bewältigen gewesen. Dass die Ratingagenturen den Hals nicht voll genug bekommen konnten, belegen auch die Zahlen. Zwischen 2002 und 2007 verbrieften die großen Investmentbanken fragwürdige Immobilienkredite in Höhe von 3,2 Billionen Dollar. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich der Umsatz der drei großen Ratingagenturen (siehe Grafik) von knapp drei Milliarden Dollar auf über sechs Milliarden. Mit der Bewertung der noch relativ neuen strukturierten Finanzprodukte verdienten die Agenturen mehr als dreimal so viel wie mit der Bewertung von Unternehmensanleihen. Von ihren neuen Großkunden, den Investmentbanken von der Wall Street, übernahmen die zuvor eher akademisch geprägten Agenturen auch die kurzfristige Denkweise. „IBGYBG“ war ein Akronym, das Richard Michalek, ehemaliger Moody’s-Analyst immer öfter von Kunden zu hören bekam, wenn er zu hartnäckig nachfragte oder auf die Einhaltung der strengen Ratingmaßstäbe pochte. Es stand für „I’ll be gone, you’ll be gone“ – frei übersetzt: Wenn das Kartenhaus zusammenfällt, sind wir beide nicht mehr hier oder: „Nach uns die Sintflut.“ Diese Einstellung dokumentiert den kulturellen Wandel, der sich in dieser Zeit in den Agenturen vollzog. „Als ich zu Moody’s kam, stand die Qualität der Bewertungen im Vordergrund, später die Zufriedenheit der Kunden“, sagte Michalek in seiner Zeugenaussage. Aus den Unterlagen des Untersuchungsausschusses geht hervor, dass die Kritiker der neuen Linie kaltgestellt wurden. Die Kunden, die großen New Yorker Investmentbanken, waren dagegen wirklich zufrieden und nutzten die neue Servicementalität der Ratingagenturen weidlich aus. Sogar ein eigener Begriff wurde hierfür geprägt: Rating-Shopping. Sie ließen unliebsame Analysten aus den Bewertungsteams entfernen. Wenn sie mit einer Herabstufung rechnen mussten, drohten sie ganz unverhohlen mit dem Entzug des Auftrags, wie aus einer Mail eines Bankers der Schweizer Großbank UBS an S&P hervorgeht. Er habe gehört, dass aufgrund eines neuen Bewertungsmodells die Bewertung bei S&P in Zukunft fünf Stufen unter der von Moody’s liegen würde. Dann fügte er hinzu: „Das killt Euer Immobiliengeschäft. Könnte uns zwingen, nur noch mit Moody’s und Fitch zu arbeiten.“ Ein S&P-Mitarbeiter verglich das Verhältnis der Abteilung für strukturierte Finanzprodukte zu ihren Topkunden mit der Beziehung von Geiseln zu ihren Entführern. Was die Kollegen als Kundenbindung bezeichneten, sei eher eine Art „Stockholm-Syndrom“, schrieb er in einer Mail. Dass solche Drohungen ihre Wirkung nicht verfehlten, zeigt eine Mitteilung von S&P an einen Banker von J. P. Morgan Chase, in der der S&P-Mitarbeiter versprach, „einige Anpassungen“ vorzunehmen, die sich „für Euch, Jungs, positiv auswirken sollten“. Unbestritten ist, dass die Qualität der Ratings der verbrieften Finanzprodukte tatsächlich miserabel war: 93 Prozent der Subprimepapiere, die 2006 auf den Markt kamen und ein Triple-A-Rating erhielten, wurden inzwischen heruntergestuft auf Ramschstatus. Das heißt aus der Sicht der Investoren, dass aus einer ursprünglich sicheren Anlage mit einem Ausfallrisiko nahe null Prozent innerhalb kurzer Zeit ein spekulatives Risikopapier wurde. Was das Handeln der Ratingagenturen so verwerflich macht, ist die Tatsache, dass die Wall Street ihre Verbriefungs­deals ohne die Mithilfe der Ratingagenturen gar nicht hätte durchführen können. Ohne die AAA-Noten hätten sie diese neue Gattung von Wertpapieren nicht am Markt platzieren können. Denn die großen institutionellen Anleger wie Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds müssen aufgrund gesetzlicher Vorschriften oder selbst auferlegter Anlagerichtlinien größtenteils Wertpapiere mit Bestnoten in ihren Portfolios haben. Neben den möglicherweise kriminellen Machenschaften sehen viele Kritiker das Hauptproblem nach wie vor in dem Interessenkonflikt, der dadurch entsteht, dass die Agenturen von denen bezahlt werden, die sie bewerten müssen. Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman sieht durch den Bericht des Untersuchungsausschusses seine Ansicht bestätigt, dass das „System zutiefst korrupt“ sei. Ähnlich sieht es auch der US-Starökonom Nouriel Roubini von der New York University. Jan Pieter Krahnen, Leiter des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität in Frankfurt, nennt noch einen weiteren Grund für die qualitativ schlechten Ratings der Verbriefungsprodukte: „Auf diesem Gebiet fehlte es den Agenturen an der Expertise und aussagekräftigem Datenmaterial.“ Dadurch sei eine vernünftige Bewertung dieser neuen Finanzprodukte sehr schwierig gewesen, zumal sie sich in Krisensituationen anders verhielten als andere Wertpapiere. Während Einigkeit unter den Experten darüber besteht, dass die Ratingagenturen bei der Bewertung der strukturierten Finanzprodukte versagt haben, sind die Vorschläge zur Verbesserung des Systems sehr unterschiedlich: Sie reichen von der Forderung nach strengerer Kontrolle, rigiderer Haftung und mehr Transparenz über neue Bezahlungsmodelle bis hin zur wettbewerbsrechtlichen Zerschlagung der drei großen Agenturen, die oligopolistisch zusammen etwa 95 Prozent des Marktes beherrschen. Für die Politik kommen die Ermittlungen Cuomos und die öffentliche Diskussion über die Rolle der Ratingagenturen jedenfalls zur rechten Zeit. In den USA hilft es Präsident Barack Obama, seine Pläne zu einer schärferen Regulierung der gesamten Finanzbranche durchzusetzen und so den Primat der Politik gegenüber Banken und Wirtschaft zurückzuerobern. In Europa versucht die Politik jetzt, den amerikanischen Rating­agenturen die Schuld an der Eurokrise in die Schuhe zu schieben, um von den eigenen Versäumnissen der vergangenen Jahre abzulenken. Die Argumentation lautet in etwa, dass die Herabstufung Griechenlands durch Standard & Poor’s um drei Stufen die Krise nur noch verschärft habe, die anschließende Abwertung Spaniens und Portugals dann sogar die Gefahr eines Flächenbrands ausgelöst habe, auf den die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds mit ihrem gigantischen Rettungspaket von 750 Milliarden Euro reagieren mussten. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bezeichnete das Verhalten der Ratingagenturen sogar als „kriminell“. Er will damit wohl unterstellen, dass die Rating­agenturen die Herabstufungen im Interesse der Spekulanten tätigten, damit die von denen erworbenen Kreditausfallversicherungen weiter im Wert stiegen. In Deutschland fordern Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Guido Westerwelle die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur, die bei der Europäischen Zentralbank angesiedelt werden könnte. Jan Pieter Krahnen hält die Kritik an den Kreditanalysten in Bezug auf die Griechenlandkrise allerdings für unberechtigt. Der Ökonom aus Frankfurt, der die Europäische Union in Regulierungsfragen berät, vergleicht die Aufgabe der Ratingagenturen mit der Trennleine zwischen Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich im Schwimmbad. Das ändere nichts daran, dass man auch im Nichtschwimmerbereich ertrinken kann. Anleger müssen dann selbst entscheiden, ob sie schwimmen können oder nicht. Als Frühwarnindikatoren einer Krise eignen sich die Ratingagenturen schon deswegen nicht, weil sie sich mit ihrem denkbar einfach zu verstehenden Notensystem an die breite Masse der Anleger richten. Auch die Gründung einer europäischen Ratingagentur bei der Europäischen Zentralbank lehnt Krahnen ab: „Die EZB wird sich hüten, unter ihrem Dach eine europäische Ratingagentur anzusiedeln“, sagt er. Wenn staatliche Organisationen oder die Banken die Bonitätsbewertung übernehmen, seien die potenziellen Interessenkonflikte im Übrigen noch viel größer. „Politiker und die Anleiheschuldner hätten immer ein Interesse, schlechte Informationen zu verheimlichen“, sagt Krahnen. Im Übrigen habe die Herabstufung Griechenlands doch gezeigt, dass man sich keine Gefälligkeitsnoten bei den bestehenden Ratingagenturen kaufen kann. Die heftige Reaktion der Märkte wertet Krahnen als Beleg dafür, dass die Agenturen auf den Anleihemärkten auch nichts von ihrer Reputation verloren haben. Bei Staatsanleihen ist zudem die Gefahr des Rating-Shopping nicht so groß, weil das Geschäft für die Ratingagenturen viel weniger lukrativ ist. „Ein Länderrating kostet im Schnitt – je nach Größe und Komplexität – von 50 000 bis 200 000 Euro im Jahr“, sagt Jens Schmidt-Bürgel, Deutschland-Chef von Fitch. Vom Prämienkuchen sei das ein relativ kleines Stück. Die Kritik der Politik am übergroßen Einfluss der Ratingagenturen ist auch deswegen fadenscheinig, weil sie selbst dafür gesorgt hat, dass S&P, Moody’s und Fitch so einflussreich wurden. Angefangen hat es damit, dass die amerikanische Börsenaufsicht SEC die drei zu „national anerkannten statistischen Ratingorganisationen“ ernannte. Das Modell wurde in zahlreichen Ländern nachgeahmt. Seitdem sind fast nur noch solche Wertpapiere für Investoren interessant, die eine Note von S&P, Moody’s oder Fitch hatten und die Agenturen wurden zur Zulassungskontrolle an den Kapitalmärkten. Will der Gesetzgeber das Rad zurückdrehen, müsste er nur entsprechende Regeln streichen. In den USA hat die SEC bereits damit angefangen. Außerdem wird dort diskutiert, eine Transaktionssteuer einzuführen, um mit deren Einnahmen die Ratingagenturen zu bezahlen. Ein anderer Vorschlag, der die Interessenkonflikte weitestgehend beseitigen soll, ist, die staatliche Finanzaufsicht als Vermittler der Aufträge einzusetzen. Der Kunde habe dann keinen Einfluss mehr auf die Wahl der Agentur. In Europa zeichnet sich dagegen bei den Unternehmensanleihen ein anderer Trend ab. Nach einer Untersuchung der Royal Bank of Scotland gelang es seit Januar 2009 vierzig Unternehmen, Anleihen zu begeben, ohne vorher ein Rating einzuholen. Krahnen hält die Agenturen trotzdem auch in Zukunft für unverzichtbar.„Das leicht verständliche Notensystem der Agenturen bleibt für viele eine wichtige Information bei ihrer Investitionsentscheidung“, sagt Krahnen. Ohne die Ratingagenturen schlösse man viele Anleger von den Märkten aus, weil sie nicht in der Lage seien, die Kreditwürdigkeit von Ländern oder Unternehmen zu überprüfen. Das würde die Refinanzierung von Ländern und Unternehmen an den Märkten extrem erschweren. Krahnen: „Dann wäre Griechenland wahrscheinlich schon viel früher pleitegegangen.“ Vielleicht sollte man am Ende doch einfach der Empfehlung von Dominique Strauss-Kahn folgen. Der Chef des Internationalen Währungsfonds hält es für unangemessen, den Bewertungen der Ratingagenturen „allzu sehr zu glauben“. Das sieht im Übrigen sogar der Deutschland-Chef von S&P Torsten Hinrichs ähnlich: „Wir betonen selbst immer, dass unsere Meinung nur eine unter vielen ist.“ Dieses S&P-Rating haben die Märkte noch nicht zur Kenntnis genommen.
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