Staaten und Banken werfen wir vor, dass sie Risiken scheuen und unter Rettungsschirme fliehen. Dabei versuchen wir selbst immer und überall krampfhaft Gefahren zu minimieren und entwickeln uns zu einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung - zu unserem eigenen Schaden.
Rettungsschirme, wohin man schaut dieser Tage. Sie werden vergrößert, aufgespannt, man kann unter sie fliehen und hofft, dass diese Konstrukte aus Bürgschaften, Geld und Zweckgesellschaften einen schützen vor offenbar herabregnenden Bank- oder Staatspleiten, oder Staats- und daraus resultierenden Bankpleiten und weiteren Ansteckungsgefahren.
Die Schirme erfreuen sich keiner allzu großen Beliebtheit beim deutschen Steuerzahler, weil er fürchtet, am Ende für sie zahlen zu müssen. Die Tatsache, dass sie teurer werden, wenn es anfängt zu regnen, weckt zudem schmerzhafte England-Urlaubserinnerungen, in denen Straßenhändler beim ersten Tropfen die Umbrella-Preise verdoppeln, ohne mit der Wimper zu zucken. Also fordern die meisten Experten einen sogenannten Haircut, einen Schuldenschnitt, für Griechenland und in Zukunft vielleicht auch noch für andere Eurostaaten in Not, für den dann am Ende die Steuerzahler in Form eines neuen Bankenrettungsschirms aufkommen müssen.
Wenn dann noch Simon Johnson, der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, den Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann „als den gefährlichsten Banker der Welt“ bezeichnet, nicken alle heftig. Dieser könne nur deswegen höchste Risiken eingehen, um sein Ziel von 25 Prozent Eigenkapitalrendite zu erreichen, argumentiert Johnson, weil Ackermann wisse, dass die Deutsche Bank ein Systemrisiko darstelle und im Falle eines drohenden Konkurses was machte? Sie ahnen es schon, unter einen Rettungsschirm fliehen.
Aber muss man nicht mal fragen, ob die Banken dabei nicht einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend folgen? Versuchen wir nicht ständig Alltagsrisiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen? Sind wir nicht so angstbesessen, dass wir an anderer Stelle gerne Geld für ein vermeintliches Mehr an Sicherheit ausgeben? Werden wir so nicht immer stärker im Wortsinne zu einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, die Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert.
Wie viele Trends ist auch dieser aus den USA zu uns herübergeschwappt, wo eine Frau schon Anfang der Neunziger eine halbe Millionen US-Dollar von McDonald's erhielt, nachdem sie sich mit einem bei der Fastfoodkette erworbenen Kaffee verbrüht hatte.
Die Sicherheitshysterie und die damit einhergehende Angst vor Klagen geht inzwischen so weit, dass in New York Spielplätze umgebaut werden, weil lange Rutschen, hohe Klettergerüste und Betonfußböden als zu gefährlich eingeschätzt werden. Ähnliche Entwicklungen hat es vorher schon in Großbritannien und Australien gegeben. Mit zweifelhaftem Erfolg, wie die New York Times kürzlich unter der Überschrift „Kann ein Spielplatz zu sicher sein?“ berichtete. Studien haben nämlich gezeigt, dass sich auf den „sicheren“ Spielplätzen mehr Kinder verletzten als vorher, weil sowohl Eltern als auch Kinder auf den niedrigeren Geräten und wegen des weicheren Bodens schlechter aufpassen, sagen die Experten. Aber die Abrüstung der Spielplätze hat noch zwei weitere Nachteile: Sie sind für ältere Kinder, die dort bisher auch gespielt haben, uninteressant geworden, weswegen sie entweder an wesentlich gefährlichere Orte ausweichen oder gar nicht mehr spielen, wodurch ihnen die körperliche Betätigung fehlt. Der zweite Punkt ist, dass den Kindern die Möglichkeit genommen wird, selbst Risiken einzuschätzen, Ängste zu überwinden und kleine Erfolgserlebnisse zu feiern. Psychologen haben herausgefunden, dass selbst Kinder, die sich bei einem Sturz verletzten, am Ende von ihren Klettererfahrungen profitieren, da sie als Teenager seltener unter Höhenangst leiden.
Ähnliche Ergebnisse gibt es bei Untersuchungen zu Fahrradhelmen. Wer heutzutage in Deutschland seine Kinder ohne Helm auf Lauf- oder Fahrrad fahren lässt, genießt die gesellschaftliche Akzeptanz eines Schwerverbrechers. Dabei gilt auch hier, dass die anderen Verkehrsteilnehmer Helmträger unvorsichtiger überholen als Radler ohne Kopfschutz. Nach Untersuchungen des englischen Verkehrspsychologen Ian Walker ist es daher sogar wahrscheinlicher mit Helm beim Überholen angefahren zu werden als ohne. Am besten behandelten die Autofahrer weibliche Radfahrer, will Walker herausgefunden haben. Als er im Selbstversuch eine Perücke mit langen Haaren und Frauenklamotten trug, ließen die Autos am meisten Platz beim Überholvorgang - vielleicht ein weiteres Argument gegen Haircuts.











2 Kommentare