Marktideologie - Der Homo Oeconomicus im Schleudergang

Bin ich Masochist, homo oeconomicus, Verhaltensökonom oder alles in einem? Ein Versuch, das Geschäftsmodell meiner Reinigung zu analysieren

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Til Knipper leitet das Cicero-Ressort Kapital. Vorher arbeitete er als Finanzredakteur beim Handelsblatt.

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Ich habe heute Morgen bei der Reinigung meines Vertrauens drei Anzüge abgeholt, die bereits gestern fertig sein sollten. Ich habe es bei dieser Reinigung noch nie, wirklich noch nie erlebt, dass ich reinkomme, "Guten Tag!" sage, meinen Abholzettel hervorkrame, meine gereinigten Sachen entgegennehme, zahle und mich wieder verabschiede.

Stattdessen geht mein Reinigungsbesuch immer ungefähr so:

Ich: Guten Tag!

Fraue Effler (Name von der Redaktion geändert) grummelt irgendwas zwischen den vollbehängten Kleiderstangen. Ich weiß nie, ob es eine Antwort auf meine Begrüßung ist oder eine Beschimpfung ihres Bügelautomats oder einer Mitarbeiterin. Irgendwann kommt sie nach vorne.

Ich: Hallo, ich wollte meine drei Anzüge abholen.

Effler: Oooooooh, Herr Knippel (sie sagt den Namen immer falsch, obwohl sie ihn selbst richtig auf dem Abholzettel notiert hat), da muss ich mal gucken, ob ich die schon fertig habe, ich weiß nur, dass wir Schwierigkeiten mit der einen Hose hatten.

Ich, murmelnd: Ooooooh!

Effler verschwindet dann zwischen den Kleiderständern und ich höre nur noch für mehrere Minuten, wie sie Mantra-artig die Zahl meines Abholzettels wiederholt. Sie braucht unterschiedlich lange, um die Reinigungsgötter auf diese Weise gnädig zu stimmen. Einen direkten Draht nach oben scheint sie nicht zu haben, weil sie meist nur Teilerfolge erzielt, d.h. selten auf Anhieb alle Kleidungsstücke findet. Je weniger sie findet, umso selbstbewusster sagt sie: Reicht Ihnen denn das, wenn ich das bis morgen fertig habe? Also sehnse ja selber, is jrade janz schön stressig, wa?!

Ich: Ähh, also bräuchte die Sachen schon…

Effler: Ok, hamse 20 Minuten? Gehnse vielleicht nen Kaffe trinken, dann ha ick allet fertich.

2. Akt 20 Mnuten später

Ich: Hallo.

Effler: Ooooh, da sindse ja schon wieder, Herr Knippel. Hier sehnse, die Hose ha ick mehrfach jemacht, aber die hat hier vom Auf- und Zumachen die Farbe verloren. Noch ne Sekunde, wa?!

Ich nicke und keine zehn Minuten später habe ich meine Anzüge in der Hand, ich zahle und wir wünschen uns gegenseitig einen schönen Tag.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich mich jedes Mal wieder frage, warum ich Kunde dieser Renigung bin? Sie ist nicht schlecht, nicht teuer, nur 150 Meter von meiner Wohnung entfernt, aber sie ist eben auch nicht besonders gut, schnell oder billig. Masochismus kann es nicht sein, der mich dort hintreibt, dazu neige ich sonst auch nicht.

Ich bin kein Ökonom, soweit ich weiß, gibt es unter ihnen aber noch immer solche, die an den homo oeconomicus glauben. Sie gehen davon aus, dass Menschen permanent um die Maximierung ihres individuellen Nutzens bemüht sind. Dann müsste ich aber doch die Reinigung wechseln, weil Frau Effler mir die Zeit stiehlt.

Ich bin Jurist. Über die schrieb Mark Schieritz kürzlich in der Zeit, sie gäben in der Bundesregierung den Ton an, die die Krise mit immer neuen Regeln bekämpfen wollen, weil sie glauben, deren Ursache liege darin begründet, dass die alten Verträge nicht eingehalten wurden. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble haben in der Krise das Vertrauen in die Ökonomen verloren, auch weil sich die juristischen Lösungen politisch einfacher verkaufen lassen und eine vermeintlich klare Einteilung in Gut und Böse möglich ist. "Das liegt auch daran, dass die Krise von Politik und Ökonomie unterschiedlich verarbeitet wird. In der Ökonomie hat sie eine Lust an der Debatte gefördert", schreibt Schieritz.

Jahrelange Dogmen sind dadurch ins Wanken geraten und die Marktgläubigkeit nimmt ab. Die Verhaltensökonomen sind auf dem Vormarsch. Kürzlich wiesen zwei von ihnen aus Bonn, Armin Falk und Nora Szech, in einem einfachen Experiment mit Mäusen und Menschen nach, was viele ohnehin schon zu wissen glaubten: Der Markt zerstört die Moral. Das Bonner Experiment wies nach, dass in einer Marktsituation 72 Prozent der Teilnehmer bereit waren, das Leben einer Maus zu opfern, wenn sie im Gegenzug dafür Geld erhielten. Je mehr Menschen an dem Experiment teilnahmen, desto weiter fiel der Preis. Einzeln vor die Wahl gestellt, ob die Maus leben sollte oder der Teilnehmer mit 10 Euro nach Hause gehen konnte, entschieden sich nur 45 Prozent für das Geld. Es zeigt auch, dass die Einteilung in Gut und Böse nicht so einfach ist, wie es die Juristen häufig suggerieren.

Was die Wirtschaftskrise in Europa angeht, schreibt Schieritz, dass die Ökonomen davon ausgehen, "sie sei darauf zurückzuführen, dass durch die Einführung der gemeinsamen Währung zu viel Kapital vom Norden in den Süden Europas geleitet wurde. Wer die Guten sind und wer die Bösen – die Haushalte im Süden, die das billige Geld ausgegeben haben oder die Sparer aus dem Norden, die es ihnen zur Verfügung stellten –, ist dann nicht mehr so klar."

Es ist also vielleicht nicht nur schnöde, billige Wahlkampftaktik, wenn Angela Merkel vom bisher gepredigten, strikten Sparkurs zumindest ein wenig abrückt, indem sie bereit ist, den Schuldenländern mehr Zeit beim Abbau der Schulden einzuräumen und auch innenpolitisch die Abgabenlast der Bürger senken will.

So ähnlich ist das auch in meiner Beziehung zu Frau Effler. Statt sie durch einen Reinigungswechsel zu bestrafen, bin ich ihr insgeheim dankbar. Ihr Geschäftsmodell besteht nämlich nicht darin, mir gegen Geld die Anzüge zu reinigen. Sie verkauft mir gleichzeitig auch ein Stück Erleichterung, weil ich weiß, dass es mindestens einen anderen gibt, der ähnlich chaotisch arbeitet wie ich.

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