Warum muss Mario an Angela vorbei? Und warum sind die Arbeiter bei Schlecker so arbeitsam? Von den mannigfaltigen Auswüchsen der entfesselten Märkte und der eigenen Ratlosigkeit berichtet Til Knipper in seiner Freitagskolumne
Stellen Sie sich vor, ich hätte drei Freunde. Nennen wir sie der Einfachheit halber Giorgios, Lorenzo und Javier. Alle drei haben Schulden, ich auch, aber ich gelte als zuverlässiger. Giorgios möchte 1000 Euro von mir haben, Lorenzo 100 Euro und Javier 10 Euro. Wir vereinbaren, dass ich ihnen das Geld zu einem Zinssatz von 4 Prozent leihe. Zum Glück habe ich eine Banklizenz und konnte mir diese Woche bei Lorenzos Landsmann Mario in Frankfurt sehr günstig Geld leihen. Er ist Chef der Europäischen Zentralbank, kann Geld drucken und will, wenn er es verleiht, nur 1 Prozent dafür haben. Die Differenz darf ich behalten und kann meinen Einsatz auf diese Weise vervierfachen. Das Risiko ist relativ gering, weil Mario der Ansicht ist, dass Giorgios, Lorenzo und Javier auf keinen Fall Pleite gehen dürfen.
Warum leiht Mario ihnen das frische Geld dann nicht selbst? Darf er nicht, sagt Angela in Berlin.Die Tatsache, dass ich mir dabei die Taschen voll mache, stört die Angela auch nicht, weil sie hofft, dass ich mit meinem Gewinn meine Eigenkapitalreserven auffülle. Dass ich mir bei Mario nicht nur Geld hole, um es meinen drei Freunden aus Griechenland, Italien und Spanien zu leihen, sondern auch Hedge und Fonds (ok, diese Namen sind jetzt arg plakativ), meinen Bekannten in London und New York, davon etwas zum Spekulieren gebe, nehmen Angela und Mario billigend in Kauf. Insgesamt hat die EZB mehr als eine Billion Euro im Dezember und diese Woche ins System eingeschleust. Scheint ja auch erst mal zu klappen, weil Hedge und Fonds das viele Geld irgendwo investieren müssen und dadurch die Aktien-, Anleihen- und/oder Rohstoffkurse steigen. Das lässt sich von Angela dann als Erholung und Stabilisierung verkaufen. Warum das Marktwirtschaft heißt, weiß ich auch nicht.
Stellen Sie sich weiterhin vor, ein Land wählt in Kürze sein neues Staatsoberhaupt. Einen nennenswerten Gegenkandidaten gibt es nicht. Opposition und Regierung machen gemeinsame Sache. Das Ergebnis steht schon Wochen vor der Wahl fest. Haben Sie jetzt an Russland und Vladimir Putin gedacht oder an Deutschland und Joachim Gauck? Was das alles mit freiheitlicher Demokratie und dem Wettbewerb politischer Ideen zu tun hat, weiß ich auch nicht.
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