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 > Lieber Rente als Leistung

Kapital

Wir sind RentenbürgerLieber Rente als Leistung

Von Florian Felix Weyh15. Mai 2012
picture alliance
Rente, Gesellschaft, Bürger, Geld, Kapitalismus, Schlecker
Auch er will seine Rente. Sie zu sichern gleicht dem Speckanfressen vor dem Winter
Schrift:

Man kann keine Zeitung aufschlagen, ohne Belege dafür zu finden, dass sich der Raubtierkapitalismus des Westens in eine rentenabhängige Gesellschaft verwandelt hat. Unternehmertum gilt als unmenschlich, soziale Absicherung durch Renten als gerecht. Ein Rentenschlaraffia für alle aber ist zum Scheitern verurteilt

Seite 1 von 3

Es ist keine Schöne Zeit, in der ­Célestin Guittard Tagebuch führt. Sein Land befindet sich in Aufruhr, die Wirtschaft ist zusammengebrochen, erdrückende Schulden des untergegangenen Regimes machen jeden Handlungsspielraum für die Übergangsregierung zunichte.

Um überhaupt noch eine Währung auf die Beine stellen zu können, konfisziert sie kirchliche Ländereien und gibt Papiergeld aus, das jederzeit gegen den gestohlenen Grund und Boden einlösbar sei. Der Trick funktioniert nur mäßig. Auf wenige Prozent vom Ausgabewert rutscht der Marktpreis dieser „Assignaten“, denn niemand traut dem Deckungsversprechen der neuen Herrscher.

Warum auch? Im Stundentakt lassen die Akteure der Französischen Revolution ihren Gegnern die Köpfe abschlagen. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus. Was aber bewegt den Revolutions-Chronisten Célestin Guittard in den Jahren 1791 bis 1796?

Es ist seine Rente – und die Rendezvous mit seiner deutlich jüngeren Geliebten, die er in seinem Tagebuch immer mit einem Kreuzchen markiert. Der Zeitzeuge des welthistorischen Umbruchs gehört keineswegs dem privilegierten Adel an. Nein, Guittard ist ein „Rentenbürger“.

Seinen Lebensunterhalt bestreitet er aus Tontinen, einer frühen Form der Lebensversicherung, und einer Leibrente, in deren Kapitalstock er beizeiten eingezahlt hat. Zu seinem Glück fällt dieses System nicht der Revolution zum Opfer. Stattdessen verwandeln die Revolutionäre das Instrument der Krone in eine staatliche Pension.

Doch über die gesamte Tagebuchzeit hinweg – zu Beginn seiner Aufzeichnungen ist er 66, also im besten Rentenalter – kann Guittard nie wissen, ob sein Lebenskonzept nicht von der Wurzel her bedroht ist. Schließlich gelten die verhassten Pfründe von Adel und Kirche – „leistungslose Einkommen“, wie Adam Smith die Rente charakterisierte – als Ursprung aller Ungerechtigkeiten.

Über all dem Grämen merkt Guittard bis zu seinem Tode nicht, dass ausgerechnet er ein Zukunftsmodell verkörpert. 210 Jahre später sind wir alle Célestin Guittards.

Rentenbürger – wir? Allerdings.

Man kann kaum die Zeitung aufschlagen, ohne Belege dafür zu finden, dass sich der angebliche Raubtierkapitalismus des Westens in eine höchst erfolgreiche rentenabhängige Gesellschaft verwandelt hat. Überspitzt gesagt, ist Rente immer eine Zusicherung von Geldzuflüssen, die nicht nach Leistungen aufseiten des Empfängers fragt.

Die Suche danach wird selten von Misserfolgen erschüttert. Da kollabiert etwa – endlich! – eine überflüssige Drogeriemarktkette, deren Umgang mit den Mitarbeitern an Praktiken aus dem 19. Jahrhundert erinnerte und jahrzehntelang die Gewerkschaft auf die Barrikaden trieb, und wie reagiert diese? Voller Triumph darüber, dass sich ein persönlich haftender Erzkapitalist aus dem Spiel gekegelt hat? Nein, sie schreit nach einer staatlich unterstützten „Transfergesellschaft“.

Die Öffentlichkeit nimmt es beifällig zur Kenntnis, denn den Bedürftigen am unteren Ende der Gesellschaft gönnt man solche Absicherungen; wer diese ablehnt, kann nur ein kalter, liberaler Prinzipienreiter sein.

Der Fall Schlecker kommt uns Rentenjunkies entgegen, weil er vom eigentlichen Brennpunkt ablenkt. Leistungslose Einkommen werden zwar prinzipiell von allen Schichten der Gesellschaft angestrebt, aber dort, wo sie sich in den Mantel der „sozialen Gerechtigkeit“ hüllen, lässt sich ihre Grundtendenz nicht ernstlich kritisieren.

Parteiübergreifend glauben die meisten Menschen, dass „soziale Gerechtigkeit“ dann erreicht sei, wenn stete Geldzuflüsse für jedermann an möglichst wenige Gegenbedingungen geknüpft und von möglichst wenigen Unwägbarkeiten bedroht sind. Eine Selbstständigenökonomie gilt als abschreckend, ja inhuman, während eine zementierte Arbeitsplatzgesellschaft mit Kündigungsschutz und kaum einklagbarer Leistungspflicht die Gloriole der Gerechtigkeit trägt.

Woran liegt das? Die Ursprünge dieser marktfernen Mentalität liegen noch vor der Französischen Revolution. Als in Europa das Industriezeitalter anbrach, stand dessen Akteuren ein verführerisches Vorbild vor Augen, das wenig mit Unternehmertum, aber viel mit Savoir-vivre zu tun hatte: das bequeme feudalistische Leben von Adel und Klerus.

Selbst wenn Missernten die Bodenpächter auszuhungern drohten, ließen die Grundherren den Pachtzins in seiner Höhe unangetastet. Doch Ironie der Geschichte: Das Oberschichtprivileg des leistungslosen Einkommens, das die Massen erst auf die Straße getrieben hatte, diente nach dem geglückten 1789er-Umsturz als künftige Wohlstandsverheißung: Bodenrente für alle.

Weshalb wir die Rente dem Gewinn vorziehen

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Artikel von Weyh

Her Weyh, ihre Argumente bleiben ohne Fazit. In Deutschland werden Rentenanssprüche nur nach einer langen Lebensarbeitszeit erworben und dabei ist Rentengerechtigkeit notwendig. Diese Rentengerechtigkeit blieb aber allen Ostdeutschen versagt. Kohl wollte 199o in fünf bis zehn Jahren gleiche Ansprüche in Deutschland erreicht haben. Heute ssind wir davon noch weit entfernt. Bisher sind die Renten nichnt gestiegen, sogar die Inflationsrate wurde nicht einmal ausgeglkichen.
Die Rentnern im Osten haben auch gearebeitet und jetzt sind sie bedroht von Altersarmut und dabei sieht die Regiuerung gtroßzügig hinweg. Zum Schluss: Herr Weyh, Sie selbst werden auch einmal von einer Rente leben müssen in einem hochverschuldeten Deutschland.

  • Antworten
Otmar Schütze19.05.2012 | 13:39 Uhr

Renten

Ich glaubte auf eine Reaktiuon zu treffen. Aber? So füge ich noch an, die Rentner sollten auch den Lebensstandart eines Landes genießen können, Autos kaufen und reisen dürfen. Damit sind sie ein ökonomischer Faktor, der Nachfrage erzeugen kann. Darüberhinaus sind zufriedene Rentner auch ein Politikum bei der nächsten Wahl. Oder auch nicht!

  • Antworten
Otmar Schütze19.05.2012 | 17:17 Uhr

Kein Schuß ins Schwarze

Ein mutiger Artikel, vor allem vor dem Hintergrund der immer wieder neu aufflammenden Forderung nach einem bedingungslosen Einkommen. Und dennoch! Das leistungslose Einkommen mit einem Rentenfeudalismus zu etikettieren, in dem sich die heutigen Nicht-Leistungserbringer sozusagen freiwillig eingerichtet haben oder in Zukunft wollen, trifft nicht ins Schwarze und überdehnt den Begriff des Feudalismus gewaltig. So prächtig und aristokratisch dürften sich nur die Reichen und Superreichen fühlen, die leistungsloses Zinseinkommen beziehen, wogegen der Bezug des leistungslosen Einkommens eines Harzt IV Bürgers oder die mehr oder weniger auskömmlichen Renten der heutigen Rentnergeneration, seien sie durch Frühverrentung oder normalen Rentenbezug entstanden, nicht zu den feudalen Prunkstücken gehören. Ganz zu schweigen von den vielen hoch subventionierten Unternehmen, die im übertragenen Sinne Sozialtransfers erhalten, damit sie am Leben bleiben und ihren Mitarbeitern ihre Gehälter zahlen können. Sie alle sind keine Rentenfeudalisten.

Richtig ist sicher, dass das Gefälle der leistungslosen Einkommen an dessen oberen Ende die Reichen und Superreichen stehen den Begriff des Feudalismus schon eher trifft. Hier haben die vielen kleinen oder mittleren Rentenbezieher und sonstigen Bezieher leistungsloser Einkommen keinen Zugang zum feudalen Lebenswandel der Reichen. Das erinnert an die vielen französischen Bauern, der zwar den Prunk des Hofstaates Ludwig XIV durch ihre Leistungsabgaben ermöglichen durften, den Zugang zu diesem luxuriösen Lebenswandel aber erhielten sie nicht.

Was der Autor als eine besondere Erkenntnis und Weiterführung aus der französischen Revolution versteht, nämlich das bequeme feudalistische Leben von Adel und Klerus in die heutige Zeit zu projizieren und schlicht die Generation der Rentenfeudalisten nennt ist zu kurz gesprungen. Schon weit vor der französischen Revolution eigentlich zu allen Zeiten war es so, dass viele Menschen einem Herrscher, egal ob König, Kaiser oder Bandenführer ein leistungsloses Einkommen zukommen ließen. Je nach Versprechen die Fleischtöpfe zu füllen, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig.

Der eigentliche Knackpunkt aber, der Kritik herausfordert ist die Ansicht des Autors, dass es keine Belege dafür gäbe dass der Kapitalismus ein Raubtier sei, der die Menschen in eine rentenabhängige Gesellschaft treibe. Schade, dass er an dieser Stelle nur beschreibt, aber zu wenig analysiert. Ich denke, dass der Kapitalismus sehr wohl eine rentenabhängige Gesellschaft produziert, denn ohne sie gäbe es ihn nicht mehr.

Das System des Kapitalismus ist so angelegt, dass auf Dauer nur wenige gewinnen können, aber viele verlieren müssen damit das System überhaupt eine Weile funktioniert. Dies erkennt man schon an den vielen Armutsflüchtlingen in aller Welt. Es sind Länder, die Menschen statt Waren exportieren müssen. Damit die weltweit ständig steigende Zahl an Verlierern das System nicht zum implodieren bringen muß dieser Defekt ständig repariert werden. Nämlich die Versorgung der Verlierer sicher zu stellen. Sie werden aufgefangen in mehr und mehr überbordenden Sozialsystemen. Ohne sie gäbe es das System Kapitalismus nicht mehr. Es muß sozusagen bei Strafe seines eigenen Untergangs ständig leistungsloses Einkommen für die Verlierer schaffen. Und das kuriose ist, finanziert werden sie von den Gewinnern des Systems, die wiederum auch die Bedingungen stellen, wie Gläubiger das so tun. So gebiert der Kapitalismus aus Selbsterhalt heraus leistungslose Einkommen und damit eine rentenabhängige Gesellschaft.

  • Antworten
Heinz Pelzer20.05.2012 | 12:07 Uhr

Rentenbürger

Ich habe den Artikel und die Kommentare mit Interesse gelesen. Überall gibt es einen wahren, richtigen Kern und viel Geschwafel drum herum. Die schwarz-weiß-malerei und die Festlegung auf die Schuldigen oder das schuldige System erinnern aber an unselige Vorvätersünden des linken und des rechten Spektrums. Ich behaupte nicht, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, noch allgemeingültige, erfolgversprechende Lösungen parat zu haben. Aber es gibt doch ein paar Dinge die erst mal klargestellt werden müssen, bevor man in eine solche Diskussion einsteigt:
1. Im Gegensatz zu früheren Systemen ist die heutige Rente von den Arbeitnehmern aus ihrem Einkommen während des Berufslebens angespart, also vorfinanziert worden. Ob es nun die gesetzliche Rente ist oder eine private Anlage oder Versicherung, oder beides, ist nebensächlich. Die Mär vom "Arbeitgeberanteil" ist reine Gewerkschaftspropaganda. Selbstverständlich ist auch dieser Anteil natürlicher Teil des Gehalts und wird von den Unternehmen entsprechend einkalkuliert.
2. Die so erwirtschaftete Rente ist also mitnichten ein leistungsloses Einkommen - die Leistung wurde in 40-45 Jahren Berufsleben erbracht.
3. Anders sieht es aus mit den Mitmenschen, die sich erfolgreich im sozialen Netz ohne Gegenleistung breitmachen. Ich rede ncht von Kranken und Menschen mit Behinderungen. Jeder Bezieher von ALGII oder Sozialhilfe ist eigentlich ein Angestellter der öffentlichen Hand, wäre also zu entsprechender Arbeitsleistung verpflichtet. Nur keiner wagt es, diese Leistung einzufordern. Mit welcher Logik, mit welchem Recht?
4. Die Arbeitgeber (Unternehmer) als eiskalte Kapitalisten zu verteufeln ist "en vogue", aber es gibt keinen, ausser ihnen, der das Risiko trägt und die Arbeitsplätze bereitstellt. Wieso wiederholen gebildete und studierte Journalisten gebetsmühlenartig immer wieder, dass genau diese Unternehmer und Risikoträger Ausbeuter und eiskalte "Neoliberale" seien? Wer sonst soll denn Arbeitsplätze bereitstellen? Es gibt noch viele Punkte, zu denen ich Stellung beziehen könnte, aber ich würde mich freuen, wen wir erst einmal diese angesprochenen Themen abarbeiten würden.

  • Antworten
Gerd Nothhaft22.05.2012 | 01:12 Uhr

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