Kriselnde Weltwirtschaft - Europa vor der Eiszeit, Japan vor dem Endspiel

In seinem neuen Buch „Eiszeit in der Weltwirtschaft“ entwirft Daniel Stelter ein ernüchterndes Zukunftsszenario der globalen Finanzwelt. Er lässt die vergangenen Krisenjahre in Europa Revue passieren und zieht Japan als Negativbeispiel einer Volkswirtschaft mit verkorkstem Krisenmanagement heran

Die japanische Wirtschaft steckt seit Jahren in der Krise.
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Autoreninfo

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums „Beyond the Obvious“. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Heute berät Stelter internationale Unternehmen bei der Vorbereitung auf die Herausforderungen der fortschreitenden Finanzkrise. Im September 2014 erschien seine Piketty-Kritik Die Schulden im 21. Jahrhundert. Sein aktuelles Buch heißt „Eiszeit in der Weltwirtschaft“.

So erreichen Sie Daniel Stelter:

Japan ist seit Jahrzehnten in einer Dauerstagnation mit deflationären Tendenzen gefangen. 1990 platzte eine Blase am Immobilien- und Aktienmarkt; bis heute konnte sich das Land davon nicht erholen. Zwar wuchs die Produktivität deutlich. Dennoch gelang es angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung nicht, zu nennenswerten Wachstumsraten zurückzukehren.  Zu schwer wog die Last der Schulden, die Unternehmen im Boom aufgebaut hatten und dann über zwei Jahrzehnte abbauten. Trotz Rekorddefiziten des Staates und aggressiver Politik der Notenbank blieb das Land in einer Dauermisere gefangen. Die einst stolze Exportnation hat weltweit massiv Marktanteile eingebüßt.

Wir folgen dem japanischen Vorbild
 

Deshalb verweisen westliche Beobachter gerne auf Japan als ein Beispiel für eine verfehlte Wirtschaftspolitik. Hätten die Japaner so konsequent reagiert wie die USA nach dem Platzen der Immobilienblase im Jahre 2009, stünden sie heute ebenso besser da – so lautet die Argumentation.

Zweifel sind angebracht.

Im Vergleich war die US-Blase deutlich kleiner, und vor allem die demografische Entwicklung ist in den USA nach wie vor deutlich besser. Noch gewichtigere Gegenargumente: Die Erholung in den USA seit 2009 ist die schwächste seit dem Zweiten Weltkrieg. Die tatsächliche Arbeitslosigkeit liegt immer noch sehr hoch, während die US-Notenbank sehr großzügig ist. Es ist also zu früh, um den Sieg für die amerikanische Wirtschaftspolitik auszurufen.

Japan setzt alles auf eine Karte
 

Es sieht allerdings auch nicht so aus, als ob es dem vom „Economist“ begeistert als „Superman“ gefeierten japanischen Ministerpräsidenten Abe gelingen wird, das Ruder herumzureißen. 

Zur Erinnerung:

Im verzweifelten Versuch, den sicheren Weg in den Staatsbankrott noch zu verhindern, hat die japanische Regierung 2014 ein aggressives Programm gestartet: Es wird – nach dem Ministerpräsidenten Abe – als „Abenomics“ bezeichnet.

Die Strategie basierte auf drei Säulen:

− viel Geld drucken (relativ zur Größe der Volkswirtschaft rund 1/3 mehr als die nicht gerade knausrige Federal Reserve), um dadurch die Inflation auf über zwei Prozent zu hieven

− „flexibel“ weiter Defizite machen (zurzeit beträgt das Staatsdefizit rund 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes)

− mit Reformen das Wachstumspotenzial stärken, zum Beispiel durch eine höhere Erwerbsquote von Frauen

Heute muss man feststellen: Die „Abenomics“ sind gescheitert. Die Reformen gehen nur schleppend voran. Japan bleibt nicht viel mehr als die altbekannten Rezepte: die eigene Währung massiv abwerten, Wertpapiere durch die Notenbank aufkaufen. Der erhoffte Exportboom hat sich nicht eingestellt. Die japanische Industrie verkauft vor allem hochwertige Produkte, die nicht unbedingt über den Preis verkauft werden. Die Unternehmen haben deshalb weniger die Preise gesenkt und stattdessen lieber die Gewinne maximiert. Weil sie diese Gewinne nicht investieren oder höhere Löhne bezahlen, kommt es im Inland nicht zu mehr Nachfrage. Gleichzeitig wirken gestiegene Importpreise wie eine Konsumsteuer. Private Haushalte zahlen den Preis für die verzweifelte Politik. Stagnierende Einkommen und höhere Lebenshaltungskosten führen zu weniger, nicht zu mehr Wachstum.

Damit wird immer klarer, dass es auf eine andere Lösung der japanischen Krise hinausläuft. Es ist offensichtlich, dass die Regierung die Schulden niemals wird zurückzahlen können. Die Bank of Japan kauft einen immer größeren Anteil der Staatsschulden auf. Nicht lange, und der Großteil der japanischen Staatsschulden ist im Besitz der japanischen Notenbank. Da Staat und Notenbank beide dem japanischen Volk „gehören“, könnte man die Ansicht vertreten, dass die Schulden nicht mehr relevant sind.

Über Nacht die Schulden auf null
 

Schon heute überweist die Notenbank die Zinseinnahmen auf die Staatsschuld als Gewinnausschüttung wieder an das Finanzministerium zurück. Auch auf Tilgung verzichtet sie bereits, kauft sie doch die zur Tilgung neu ausgegebenen Anleihen vollständig auf. Was liegt also näher als diesen verdeckten Schuldenerlass auch offiziell zu machen und die Staatsschulden in der Bilanz der Bank of Japan einfach auf Null abzuschreiben? Über Nacht wären die Schulden verschwunden.

Schon seit längerem diskutieren Volkswirte ernsthaft diese Möglichkeit, auf elegantem Wege die Schuldenkrise zu lösen. Dabei gibt es zwei Schulen. Die einen sehen das als gefahrlos an, solange man es nur einmalig macht und nicht dauerhaft. Das Geld wäre ja schon im Umlauf, insofern drohe keine Inflation. Die anderen sehen das Risiko eines Vertrauensverlustes in unser Geldsystem, was eine völlige Entwertung zur Folge hätte. Wir werden es erst wissen, wenn wir es machen. Ich selber halte das Risiko für erheblich.

Japan scheint gewillt, das Risiko einzugehen. Aber es bereitet sich gut darauf vor: die Pensionsfonds verkaufen ihre Staatsanleihen an die Notenbank und kaufen dafür vermehrt Aktien und ausländische Vermögenswerte. Gelingt das Experiment und die Schulden „verschwinden“ ohne eine Inflation durch Vertrauensverlust auszulösen, steht die japanische Wirtschaft gestärkt da. Kommt es zur Inflation, bieten Aktien und ausländische Vermögenswerte einen gewissen Vermögensschutz. Eine sehr intelligente Strategie!

Europa in der Eiszeit
 

Besorgniserregend ist der Vergleich mit Europa: auch wir haben es mit einer schuldengetriebenen Blase zu tun, die jäh geplatzt ist. Auch bei uns ist die demografische Entwicklung trotz des Flüchtlingszustroms schlecht. Und auch bei uns wirken Staatsschulden und Nullzinsen nicht heilend, sondern nur stabilisierend. Wie Japan bleiben wir in verkrusteten Strukturen gefangen. Auch bei uns wimmelt es von Zombiefirmen, die zwar noch in der Lage sind, die Zinsen zu bezahlen, aber nicht zu tilgen, geschweige denn zu investieren und zu innovieren.

Wir erhalten Banken und Staaten, die eigentlich insolvent sind, und scheuen uns davor, die Schulden zu bereinigen, indem wir sie abschreiben. Die Politik fürchtet sich zu sehr vor der – berechtigten! – Rache der Wähler. Sie müsste klar sagen, dass wir durch die verfehlte Wirtschaftspolitik der letzten Jahre, den Fehler, eine Währungsunion ohne die erforderlichen Voraussetzungen einzuführen, und die Weigerung, die Probleme konsequent zu lösen und stattdessen zu verschleppen, vor erheblichen Vermögenseinbußen stehen.

So fallen wir immer mehr in ein japanisches Szenario. Eine Stagnation der Wirtschaft, die mich an eine Eiszeit erinnert. Deshalb auch der Titel meines neuen Buches: „Eiszeit in der Weltwirtschaft“.

EZB auf verlorenem Posten
 

Die EZB ist die einzige Institution, die sich gegen die Eiszeit stemmt. Dabei kämpft sie auf verlorenem Posten, liegt der Schlüssel für die Lösung doch in einer Bereinigung der faulen Schulden. Zunächst hat die EZB mit ihrer Nullzinspolitik den Schuldenturm stabilisiert. Da die Schulden aber immer weiter wachsen, genügt das nicht. Nun folgen Negativzinsen und Einschränkung der Bargeldnutzung, um eine Flucht aus dem Bankensystem und vor den Negativzinsen zu verhindern.

Als nächstes folgt die direkte Finanzierung von Staaten oder Privaten durch das sogenannte „Helikopter-Geld“. Die Idee stammt vom Nobelpreisträger Milton Friedman und wurde auch vom ehemaligen US-Notenbankpräsidenten Ben Bernanke propagiert. Vordergründig zur Bekämpfung der Deflation geht es in Wirklichkeit darum, die Schuldenlast irgendwie tragbar zu halten. Staaten und Bürger sollen das geschenkte Geld ausgeben und so die Wirtschaft und die Inflation ankurbeln.

Mehr als ein Strohfeuer dürfen wir auch daraus nicht erwarten. Nur wenn es gelingt, unser Vertrauen in das Geld zu zerrütten, kommt es zur gewünschten Inflation. Diese würde aber, wenn sie denn eintritt, ablaufen wie – bildhaft gesprochen – der Schluck aus der Ketchupflasche: nicht als kleiner Klecks (vier Prozent),  sondern eher als eine große Sauerei (Hyperinflation).

Knall oder japanische Lösung
 

Am Ende dürfte wie auch in Japan die „große Lösung“ stehen mit Bereinigung über die Notenbankbilanz. Bis es soweit ist, können aber noch viele Jahre vergehen. Jahre, in denen wir in der Eurozone immer mehr in die Eiszeit abrutschen, und die Konflikte zwischen den Mitgliedsländern zunehmen.

Vieles spricht dagegen, dass wir es in Europa genauso lange in der Eiszeit aushalten wie die Japaner. Zu heterogen sind unsere Gesellschaften, zu verlockend ist der Rückfall in nationales Denken, vor allem, weil Gläubiger und Schuldner in unserem Drama nicht im selben Land sitzen. Doch solange es nicht zu einem politischen Knall kommt – dem Sieg von eurokritischen Parteien in einem der Kernländer der EU – werden wir dem japanischen Vorbild folgen: dem Kaufen von Zeit und dem Hoffen auf ein Wunder. Ersteres geht nur noch begrenzt. Zweiteres wird nicht kommen.

Damit ist die offene Frage: Halten die Bevölkerungen Europas solange durch, bis die Schuldenlösung über die EZB-Bilanz kommt, oder droht zuvor der politische „Unfall“ – der Austritt eines der Kernländer aus der Eurozone? Letzteres hätte zwangsläufig eine schwere Krise zur Folge. Bis jetzt hat die EZB immer als letzte der großen Notenbanken zu noch aggressiveren Maßnahmen gegriffen, vor allem aus Rücksicht auf die Deutschen als Hauptgläubiger in der Eurozone. Bleibt es bei diesem Tempo, sind Chaos und Depression wahrscheinlicher.

P.S.: Natürlich wäre es besser, die Politik würde das Schuldenproblem beherzt angehen und in einem geordneten Prozess lösen. Nach sieben Jahren Krise bleibt nur die ernüchternde Feststellung, dass die Hoffnung darauf naiv ist. Es bleibt die Wahl zwischen Chaos und Experiment mit ungewissem Ausgang. Bis dahin: Eiszeit.

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„Eiszeit in der Weltwirtschaft“, Campusverlag, 337 Seiten, 29,95 Euro

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