Doku über kontaminierte Kabinenluft - Gefilterte Berichterstattung

Der Dokumentarfilm „Ungefiltert eingeatmet“ beleuchtet ein gravierendes Sicherheitsproblem in Flugzeugen. Doch kaum ein Zuschauer weiß von diesem Film. Luftfahrtjournalisten und Industrievertreter aber halten den Autor, Tim van Beveren, für „einseitig“ und „fragwürdig“. Haben sich PR-Leute und Journalisten im „Luftfahrt-Presse Club“ gegen ihn verbündet?

Fliegen kann krank machen: Wenn sich in die Kabinenluft toxische Stoffe mischen
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Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Mit deutlichen Worten hat der Journalist Tim van Beveren seinen neuesten Dokumentarfilm mit dem Titel „Ungefiltert eingeatmet – Die Wahrheit über das Aerotoxische Syndrom“ angekündigt: Er beleuchte „ein kleines dreckiges Geheimnis der Luftfahrtindustrie“. Die Premiere war am 15. Juli im Berliner Programmkino Babylon.

Es geht um kontaminierte Kabinenluft, um Nervengifte in Ölpartikeln, denen jeder an Bord eines Flugzeuges in der Luft ausgesetzt sein kann. Nicht nur für das Bordpersonal, auch für Schwangere, Kleinkinder, Ältere und Vielflieger könnten diese ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen.

[video:Vorschau zum Dokumentarfilm über kontaminierte Kabinenluft]

Der Filmemacher Tim van Beveren hatte auch den Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. und die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung zu einer anschließenden Podiumsdiskussion eingeladen. Vergeblich.

Vom Industrieverband hieß es auf Cicero-Anfrage, man nehme das Thema Sicherheit an Bord „sehr ernst“. Doch ein Programmkino sei „kein Forum, um das Thema zu behandeln“. Von der Behörde kam bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Dass die Industrie für sie unangenehme Themen vermeidet, ist nicht ungewöhnlich. Dass das auch Journalisten tun, allerdings schon. Denn zu dem Film gibt es bislang keine Kritiken in der Presse. Während in den USA und Großbritannien über 40 Betroffene Klagen gegen die Luftfahrtindustrie anstrengen, scheinen sich deutsche Medien darüber lieber auszuschweigen. Der Film läuft nicht in den regulären Kinos, auch nicht im Fernsehen. Dabei war das die deutliche Forderung von Politikern der Grünen und der Linkspartei, von Medizinern und Gewerkschaftern anlässlich der Premiere am 15. Juli in Berlin. Aber es fehlt offenbar das Interesse.

Keine Entschädigung für die Opfer


In „Ungefiltert eingeatmet“ schildern Passagiere und Besatzungsmitglieder ihre Vorfälle mit giftigen Gasen an Bord von Flugzeugen. Die Stewardess Freya von der Ropp erlebte das am 23. März 2013 auf dem Flug von Hamburg nach Las Palmas an Bord einer Boeing 757 der Condor. In der Luft lag ein seltsamer Geruch. Nach der Landung hielt von der Ropp ihre Nase unter eine der Frischluftdüsen. Die junge Frau spürte ein Kribbeln, ihr Herz raste, der Kopf schmerzte, alles wurde taub. „Mein erster Gedanke war: So fühlt es sich an, wenn man vergast wird“, sagt sie in dem Film. Sie und ihre damalige Kabinenchefin kamen schwer erkrankt in die Notaufnahme. Zwei weitere Crewmitglieder hatten Vergiftungssymptome.

Bis heute ist Freya von der Ropp auf eine Gehhilfe angewiesen. Die Fluggesellschaft Condor teilte ihr mit, die Stewardess habe womöglich Enteisungsflüssigkeit eingeatmet, oder einfach hyperventiliert. Die Berufsgenossenschaft Verkehr, der Rückversicherer der deutschen Airlines, gab sich mit dieser Diagnose zufrieden und verweigerte von der Ropp bisher eine Entschädigung. Erwiesenermaßen verursachen Frostschutzmittel aber keine derartigen Symptome, wie sie bei von der Ropp auftraten.

Mediziner, die in dem Film zu Wort kommen, haben eine andere Erklärung für ihre Erkrankung: Von der Ropp leide am „Aerotoxischen Syndrom“ als Folge einer Vergiftung mit Organophosphaten.

Auslöser dieses Syndroms ist, so vermuten Experten, ein Cocktail von erhitzten chemischen Zusätzen im Öl, darunter auch das Nervengift Trikresylphosphat (TKP) und weitere gefährliche Chemikalien. Sie befinden sich im Triebwerksöl und den Hydraulikfüssigkeiten und können beim Einatmen Kopfschmerzen, Übelkeit und Lähmungen verursachen. Da die Luft zur Klimatisierung eines Flugzeuges direkt über die Triebwerke angesaugt wird, können diese Nervengifte auch ins Cockpit und in den Passagierraum gelangen.

Solche „Fume Events“ treten laut Industrieangaben bei durchschnittlich einem von 2000 Flügen auf. Rechnet man das auf die tägliche Operation einer großen Airline wie Lufthansa hoch, wäre das allein dort ein Vorfall pro Tag.

Piloten und Flugbegleiter fordern Abkehr vom Zapfluftsystem


2013 wurden bei der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen offiziell 175 derartige Störfälle gemeldet. Die Dunkelziffer liegt vermutlich höher, denn bisher gibt es keine Messsensoren, die vor dem Eindringen solcher Stoffe warnen. Diese Sensoren und effektive Filter fordern Piloten- und Flugbegleitergewerkschaften bereits vergeblich seit 2010, darüber hinaus grundsätzlich die Abkehr vom bisherigen Zapfluftsystem, so wie es beispielsweise bei der Boeing 787 der Fall ist.  

Der Luftfahrtjournalist Rainer W. During bezeichnet die Art und Weise, wie einige Protagonisten mit dem Thema „Aerotoxisches Syndrom“ umgehen, als „Panikmache“, die gerade zur Ferienzeit Passagieren Angst vor dem Flug in den Urlaub schüre. In einem am Montag im „Tagesspiegel“ erschienenen Artikel unterstellt er den Betroffenen, sie führten einen „Feldzug“, um das Syndrom als Berufskrankheit anerkannt zu bekommen. Opfer solcher „Fume Events“ kommen in seinem Beitrag allerdings nicht zu Wort. Er schreibt nicht, dass es mit „Ungefiltert eingeatmet“ seit über einem Monat einen Film gibt, der den derzeitigen Sach- und Wissensstand zu diesem Problem wie kein anderer beleuchtet.

During erwähnt auch nicht, dass es bei der Fluglinie „British Airways“ inzwischen drei Todesfälle gibt, bei denen ein Zusammenhang mit dem „Aerotoxischen Syndrom“ derzeit untersucht wird. Der Steward Mathew Brass starb im März 2014 im Alter von 34 Jahren. Der Flugbegleiter Edward Brady, 46, erlag während eines Flugs von Sao Paulo nach London plötzlich einem Herzversagen, obwohl sein Herz gesund war. (Mediziner vermuten als Ursache der Herzmuskelentzündung eine Aufnahme toxischer Substanzen, wie sie bei „Fume Events“ üblich sind.)

Der dritte Fall, auf den During als einziges eingeht, ist der von Richard Westgate. Der British-Airways-Kapitän litt an unerklärlichen Bewegungsstörungen, wurde als „fluguntauglich“ eingestuft und starb im Dezember 2012 in einem Hotelzimmer in Holland.

During behauptet, Westgate gelte „bei den Protagonisten seitdem als erstes Todesopfer des ‚Aerotoxischen Syndroms‘“. Das jedoch haben weder die beteiligten Wissenschaftler auf einer Pressekonferenz am 15. Juli behauptet, noch Tim van Beveren in seinem Film. Aber genau diese – noch laufenden – Untersuchungen hat er über zwei Jahre mit der Kamera akribisch begleitet und dokumentiert.

Der Luftfahrt-Presse Club: Industrienah?


Auf Cicero-Nachfrage räumt Rainer W. During ein, den Film nicht gesehen zu haben, habe aber Pressekonferenz und Podiumsdiskussion später im Internet verfolgt. During ist zugleich Vorsitzender des Regionalkreises Ost des „Luftfahrt-Presse Club e.V.“ (LPC), einem Zusammenschluss von Luft- und Raumfahrtjournalisten und -publizisten. Der Verein versteht sich als „politisch neutral“ und „wirtschaftlich unabhängig“.

Der Luftfahrtjournalist und Cicero-Autor Andreas Spaeth dagegen sagt, der LPC stehe immer wieder in der Kritik, industrienah zu sein. Spaeth, selbst Vereinsmitglied, sagt, er habe bei der Filmvorführung im Kino Babylon kein weiteres Mitglied des LPC entdecken können. Er halte das Thema kontaminierte Kabinenluft aber für „sehr relevant“.

Eine deutliche Trennung von Journalisten und Pressesprechern gibt es beim LPC jedenfalls nicht. So ist beispielsweise der Vorsitzende des Regionalkreises Mitte des LPC, Johannes Winter, Kommunikationschef der Condor Flugdienst GmbH. Ausgerechnet jener Airline, die am stärksten in der Kritik steht: Der Flugzeugtyp Boeing 757 führt die Statistik an, mit 76 Störfällen in den Jahren 2008 bis 2014. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung im Januar 2015 auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervor. In Deutschland wird dieser Flugzeugtyp bei Passagiermaschinen von der Condor betrieben.

Die Condor betont, dass die Boeing 757 nicht ausschließlich durch Condor betrieben werde, so dass die Statistik keine Rückschlüsse zu Vorfällen bei dieser Fluglinie zulasse. Laut van Beveren nutze sonst noch die DHL diesen Flugzeugtyp: Die DHL habe allerdings Filter eingebaut – und transportiert Pakete, keine Menschen.

Hat der Club ein Interesse daran, das Thema Nervengift an Bord zu vertuschen?

Condor-Sprecher Johannes Winter sagt, er habe weder als Kommunikationschef noch als Vorsitzender des LPC-Regionalkreises Mitte eine Einladung zu dem Film erhalten. LPC-Kreisvertreter Ost, Rainer W. During, sagt: „Mir sind keine Versuche von Industrievertretern bekannt, die Berichterstattung über das Aerotoxische Syndrom zu beeinflussen“, sagt. In allen großen deutschen Medien werde regelmäßig – auch durch LPC-Kollegen – über die Zapfluft-Problematik berichtet.

Ein Beispiel für die Berichterstattung zeigt der Film „Ungefiltert eingeatmet“. Nach dem Vorfall an Bord der Boeing 757, bei dem Freya von der Ropp und eine weitere Stewardess schwer erkrankte, konnte die Abteilung „externe und interne Kommunikation“ einen öffentlichen Skandal verhindern. In einem internen Memo, das van Beveren von Insidern zugespielt wurde, heißt es: „Durch proaktive Kommunikation in Form einer Pressemeldung und Distribution durch die dpa konnten die Inhalte der Medienberichterstattung weitgehend gesteuert werden.“ Bis auf einen Passagier, der Details an verschiedene Medien gegeben habe, seien „alle Medien der Meldung von Condor gefolgt“.

Pressesprecher Winter betont: „Condor hat aktiv die Medien und Passagiere informiert. Die transparente, zeitnahe und offene Kommunikation hat dazu geführt, dass überwiegend Medien sehr faktisch berichtet haben.“

Aber warum waren Mitglieder des Luftfahrt-Presse Clubs trotzdem nicht bei der Premiere des kritischen Films?

Der LPC-Ost-Vertreter During erklärte schriftlich, einige wenige Kollegen hätten ihm gesagt, dass sie „wegen der bekanntlich einseitigen Sichtweise“ des Veranstalters an einer Teilnahme „nicht interessiert waren“. In einem Telefonat hatte During es zuvor drastischer formuliert, wollte seine Aussage hinterher aber nicht autorisieren.

Einschüchterungsversuche von Airbus


Der „Welt“-Luftfahrtfachmann Per Hinrichs, der ebenfalls seit Jahren über das Problem der kontaminierten Kabinenluft schreibt, hingegen war interessiert. Er berichtete auf der Podiumsveranstaltung, wie die Airbus-Pressestelle bei seiner Chefredaktion angerufen und vor einer Zusammenarbeit mit Tim van Beveren gewarnt habe.

Cicero liegen auch zwei E-Mails der Airbus-Pressestelle vor. Im Jahr 2010 warnte der Flugzeugbauer den Sender NDR Info vor den „sehr strittigen und ethisch fragwürdigen Methoden“ des Journalisten Tim van Beveren und der australischen Pilotin Susan Michaelis, die seit Jahren zu dem Thema arbeitet.

2014 schrieb der heutige Chef der Airbus-Kommunikation und damalige Vize, Stefan Schaffrath, dem WDR, man sehe die Arbeit des Tim van Beveren „nicht mehr journalistisch“. „Um unnötige Arbeiten und Frustrationen auf beiden Seiten zu vermeiden, hatten wir uns entschieden, die Zusammenarbeit mit ihm und von ihm initiierten Formaten einzustellen.“

Airbus äußerte sich dazu auf Cicero-Anfrage nicht.

Van Beveren hat eine Vermutung für diese Schmähversuche.

In einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit Airbus über einen anderen Film, den er bereits 1996 für den WDR realisiert hatte, wies der Journalist im Verfahren nach, dass zwei hochrangige Airbus-Mitarbeiter vor Gericht falsche eidesstattliche Versicherungen abgegeben hatten. Das Verfahren vor dem Landgericht Hamburg wurde 2004 beendet. „Airbus konnte seine Einwände nicht beweisen und zog alle Anträge zurück. Aber eine solche öffentliche Ohrfeige vergisst man als Flugzeughersteller Nummer eins nicht so einfach“, sagt Tim van Beveren.

Der Hamburger Medienwissenschaftler Johannes Ludwig möchte den Film „Ungefiltert eingeatmet“ demnächst an seiner Fakultät vorführen: „Das Thema kontaminierte Kabinenluft zeigt, wie langsam sich ein Bewusstsein über Risiken in der Gesellschaft durchsetzt.“

Bis man Asbest als schädlich anerkannt hat, sind auch Jahrzehnte vergangen.

Update um 13:45 Uhr mit Details zur Condor-Statistik

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