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Kapital

FreitagskolumneKeine Kompromisse mehr

Von Til Knipper20. Januar 2012
picture alliance
Restaurantkritik, kolumne, Euro
Beim Essen und auch in der Politik gilt: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“
Schrift:

Über schlechte Bewertungen guter Restaurants ärgert sich unser Kolumnist Til Knipper und findet, dass man Restaurantkritiken und auch das Amt des Bundespräsidenten Profis überlassen sollte. Knipper erklärt, warum uns das Internet verweichlicht und der Euro darunter zu leiden hat

Kennen Sie Leute, die in Restaurants sitzen und mit dem Handy das Essen fotografieren, die Zeit zwischen Bestellen und Servieren stoppen und aufzeichnen, ob der Kellner sich für den Nachbartisch mehr Zeit nimmt als für den eigenen? Kennen Sie nicht, sehr gut, sonst müsste ich Sie an dieser Stelle aus der Kolumne herausschmeißen, weil ich keine Leser dulde, die mit solchen Leuten Kontakt haben.

Diese Leute sind nämlich dieselben, die 45 Minuten nach Verlassen des Restaurants auf Internetdiensten wie restaurantkritik.de oder qype.com Noten verteilen und Sätze schreiben wie: „Ich habe den Eindruck, dass Freunde dort besser behandelt werden als der normale Gast.“ Dass sie mit dieser Formulierung gleich die Begründung dafür mitliefern, warum sie keine Freunde haben, merken sie nicht einmal. Wer möchte schon mit jemandem befreundet sein, der einen behandelt, wie alle anderen? Aber jetzt drohe ich in diesen Wulff-Duktus zu verfallen und darum soll es hier heute ausnahmsweise mal gar nicht gehen.

Es geht mir eher darum, dass man gewisse Dinge, u.a. Restaurantkritiken oder auch das Amt des Bundespräsidenten Profis überlassen sollte. Denn der Hinweis, dass das „Steak zu teuer“ sei , hilft in der Regel wenig, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass es sich um ein Stück Filet handelte, das der selbsternannte Internet-Gourmet-Kritiker offenbar nicht voneinander unterscheiden konnte. Auch wenn 250 Qype-User einem Restaurant im Durchschnitt 4,5 Sterne gegeben haben, hilft das mir bei der Restaurantauswahl nur selten, weil die Erfahrung lehrt, dass hohe Noten vor allem solche Restaurants bekommen, die billig und gewöhnlich und durchschnittlich sind.

Professionelle Kritiker geben natürlich häufig auch ein hoffnungslos subjektives Urteil ab, aber man kann sich besser darauf einstellen, weil sie es nicht anonym im Internet machen oder hinter einer Durchschnittswertung verschwinden. Beispielsweise gibt es bei einer öffentlich-rechtlichen Radiostation hier in Berlin einen Kinokritiker, der den unprätentiösen Titel "Kino King Knut" trägt. Ich fahre jetzt schon seit Jahren gut mit der Taktik, ausschließlich Filme zu sehen, die der König zerreißt. Unsere Filmgeschmäcker unterscheiden sich einfach diametral voneinander.

Ich will damit gar nicht bestreiten, dass so etwas nicht auch im Internet funktionieren kann, aber dadurch, dass es im Grunde keine Eintrittshürde gibt, hier seine Meinung zu publizieren, sind auf den entsprechenden Portalen schon häufiger etwas schwierige Personen unterwegs. Oder finden Sie es normal, wenn sich wegen eines Bankwerbespots, in dem der Basketballer Dirk Nowitzki bei einem Metzger eine Wurstscheibe isst, Fleischliebhaber und Vegetarier eine Kommentar-Schlacht auf der Facebookseite der ING Diba liefern?

Ist Ihnen egal? Sie gehen eh nicht mehr ins Kino, nutzen kein Facebook mehr und wissen, welche Restaurants gut sind?

Man kann das Thema ja auch noch auf eine höhere Ebene hieven. Es gibt, und das wird durch das Internet gefördert, eine immer stärkere Tendenz zu mehr Kompromissen, mehr Bürgerbeteiligung, weniger Führung und weniger Mut, für etwas persönlich einzustehen. In 95 Prozent der Fälle geht es gut, wenn man sich bei widerstreitenden Interessen irgendwo in der Mitte einigt, einen Kompromiss schließt. Aber es gibt auch Situationen, in denen das nicht funktioniert: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“, heißt das Sprichwort. Und bei der Diskussion um den Euro und die Zukunft der Gemeinschaftswährung sind wir längst an diesem Punkt angelangt. Oder anders gesagt: Es wäre schön, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel eine klare Linie vorgäbe und nicht, wie es seit zwei Jahren der Fall ist, im Kanzleramt sitzt, die Zeit zwischen dem Bestellen und Servieren demoskopischer Umfragen stoppt und aufzeichnet, ob sich der Wähler mit einer anderen Partei mehr beschäftigt als mit ihrer.

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Sehr treffender Artikel, nur

Sehr treffender Artikel, nur muss ich noch hinzufügen, dass selbst vermeintliche Profikritiker oberflächlich und stumpfsinnig schreiben. siehe http://vincentfricke.wordpress.com/2011/12/30/mit-scheise-auf-klopapier/

Mit freundlichen Grüßen

Vincent Fricke

  • Antworten
Vincent31.01.2012 | 11:27 Uhr

Keine Kompromisse mehr

„Profitester“ mögen in der ganz oben angesiedelten Gastronomie vielleicht (auch das wage ich noch anzuzweifeln) eine kleine Berechtigung haben. Bei der Masse der Gastronomiebetriebe ist und bleibt der Gast selbst das ausschlaggebende Kriterium! Nur um den Gast dreht sich der ganze Betrieb, nur für diesen Gast wird gekocht und damit hat schließlich auch dieser Gast zu entscheiden ob es im gefällt und er wieder kommt oder eben nicht! Was nützt es einem gastronomischen Betrieb, wenn ein Profitester ihn für sehr gut befindet aber die Gäste „mit den Füssen abstimmen“ und zum Mitbewerber gehen! (Wie sie Ihre Kinofilme aussuchen ;-) )

  • Antworten
Sussmann31.01.2012 | 15:28 Uhr

Profis auf beiden Seiten

Die ketzerische Frage sei erlaubt: warum muss der Profi im Lokal sitzen, wenn bei weitem nicht zwingend einer in der Küche arbeiten muss? Deutschland hat den Meisterzwang für die allermeisten Gewerbe gesetzt, bevor sich eine Person selbstständig machen kann. Gut so. Eine große Ausnahme ist das Gastrogewerbe. Jeder vom Amt per Dekret für würdig befundene Mensch darf sich in der Gastronomie verdingen. Manch einer gut, einer mittelmäßig, wenige hervorragend und viele eben auch nur eben so.

Der Gast weiß in der Regel nicht, wer in der Küche steht. Er muss also im Zweifel sein Leben (wie viele der Köche haben kein HACCP installiert??)riskieren. Und hier nehme ich mir als Mitglied einer der oben angesprochenen Seiten auch das Recht heraus, hierfür im Gegenzug meine Meinung von der Laienseite zu nennen.

Was nützt es dem infosuchenden Gast, wenn ich über eine gelungene Maillard-Reaktion schwafele? Oder andere Fachausdrücke verwende, die eines Fachbuches bedürfen? Nein, hier schreiben Laien für Laien. Hier schaut das Volk dem Volk auf das Maul.

  • Antworten
DerSilberneLoeffel31.01.2012 | 18:49 Uhr

Keine Kompromisse mehr

Genau das ist doch d a s Problem! Da bewerten Menschen oftmals ohne Kenntnis und ohne das nötige Bewußtsein für Verantwortung der Gastronomie gegenüber.
Da werden die Eitelkeiten der Mitglieder auf solchen Portalen gepflegt oder aber auch einfach sich nur dem Frust des Alltags hingegeben. Dann ist halt das Steak ...

ABER: Ab wann ist Mensch Experte? Ist der Gast mit fast 40jähriger Restauranterfahrung nicht auch ein zumindest kleiner Experte? Darf dieser Gast dann nicht doch vielleicht auf einer eigenen ohne Kommerzgedanken betriebenen Website Restaurantkritik betreiben?
Ich denke: JA!
Der Autor scheint also meine Seite nicht zu kennen. Denn, wenn dem so wäre wüßte er, dass es mehr gibt als (primitive)Bewertungsportale!

  • Antworten
R. Därr / Euroman31.01.2012 | 21:06 Uhr

Keine Kompromisse

Es stimmt, wenn einem hobbykritisierenden Gast eine Laus über die leber läuft, ist er vergrätzt und bewertet "aus Rache" das Restaurant schlecht. Aber sind Profikritiker vor solchen Animositäten gefeit? Was ist, wenn nicht einer, sondern Dutzende von Hobbykritikern in einem von Fachkritikern ausgezeichneten Gourmettempel Mängel feststellen?
Und warum reagiert der gute Til K. bzw. die Reaktion überhaupt nicht??

  • Antworten
U. Henker24.02.2012 | 08:10 Uhr

Hobby-Kritiker

Gerade bei restaurant-kritik.de ist eine Selbstkontrolle durch die Mitglieder gewahrt! Wenn Kritiken von "Profikritikern" lese, frage ich mich manchmal wissen die eigentlich von was sie schreiben? Ein Herr Rach, okay! Liest man seine Vita, dürfte er auch eigentlich keine Kritik üben und dennoch sind viele Gäste seiner Meinung! Haben Sie sich schon mal gefragt, wer hinter ihrer Meinung steht? Die Leser! Kaufen die das Medium wegen ihren Skripten oder lesen jeden Müll von ihrer Plattform (Zeitung, Zeitschrift usw)!
Mfg
Klaus Geldon

  • Antworten
Klaus195528.06.2012 | 10:30 Uhr

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