Eine Kritik der medialen Abschaffung des Wahlkampfs.
Frank Schirrmacher erträgt den Blick von Claudia Roth nicht länger: diesen „schlechtes Gewissen produzierenden Blick“, wie er in der Frankfurter Allgemeinen klagt. Der FAZ-Herausgeber erblickt in der Grünen-Politikerin die „leibliche Verkörperung dieser Ideologie“ und meint damit die Ideologie vom „Mehrwert des guten Gewissens“. Schirrmacher will diesem Blick nicht mehr begegnen: „Es könnte eine Befreiung sein.“
Die Republik muss von Claudia Roth befreit werden, vom Stereotyp dessen, was es auszulöschen gilt, und zwar physisch, verkörpert sie doch „das rot-grüne Projekt“, das „noch die fernste Zukunft moralisch kolonialisiert“, wie der Kulturjournalist aus Frankfurt am Main sich ereifert.
So schreibt man jetzt wieder in Deutschland: voll auf den Menschen, voll gegen die Person. Es wird zur Jagd geblasen. Und wer jagt, bringt zur Strecke.
Bild präsentiert den Lesern ganz besonders stattliches Wild: Außenminister Fischer, „zu fett für den Wahlkampf“, in den unvorteilhaftesten Positionen, mit hängendem Bauch, mit feistem, verzerrtem Gesicht. Als Kontrast dazu: ästhetische Aufnahmen von einer strahlenden Angela Merkel.
So sieht der Leser, was die Republik nicht mehr will, was sie physisch mit Abscheu erfüllen soll. Und was sie wollen soll.
Die abgewählte NRW-Ministerin Bärbel Höhn steht für die Hässlichen, die Bild nicht mehr sehen möchte: Sie wird gezeigt beim gierigen Verschlingen einer Mahlzeit. In der Schlagzeile verrät die Zeitung Bärbel Höhns Rente: „9411 Euro für 10 Jahre Arbeit.“
Ebenso selbstverständlich ist für Bild am Sonntag Hans Eichel ein Abzocker, den es zu eliminieren gilt: „Pensions-Irrsinn – Eichel kassiert über 11000 Euro.“ So was steht in Blättern, für deren Chefredaktoren und Verlagsmanager Minister-Renten Trinkgelder sind.
Die Süddeutsche Zeitung gibt sich nobler: Ihr Magazin zeigt „Bilder aus dem Kanzleramt, wie wir sie nie mehr sehen werden“ – Bilder von Gerhard Schröder. Auch da, unterschwellig, aber deutlich, der Wunsch: Der Typ soll verschwinden! Und die Gewissheit: „Hier sitzt bald Frau Merkel.“
Ja, die Wahllokale sind schon geschlossen. Deutschlands Journalisten haben gesprochen. Europa erlebt eine ganz neue Form der Demokratie: Die Abschaffung des Wahlkampfs durch die mediale Vorwegnahme des Resultats. Nicht einmal der verlegerischen Macht eines Silvio Berlusconi bedarf es dazu. Die Selbstgleichschaltung der Journalisten genügt.
Alles ist also gelaufen; es geht nur noch um den „Abgesang auf die Muttersöhne“ (Die Welt), um den „Abschied von den Alten“ (Welt am Sonntag), um die „Republik im Abschied“ (Die Zeit). Der Bürger hat sich dem medialen Verdikt zu beugen.
Adorno nennt diesen Vorgang die „Fait-accompli-Technik“. Sie bestehe darin, „Streitfragen als bereits entschieden zu behandeln“. Dieser kommunikative Trick liege, so der legendäre deutsche Soziologe, „aller faschistischen Propaganda zugrunde“. Zwar trifft die Adorno-Analyse die aktuelle Medien-Kampagne nicht in der Absicht, wohl aber in den Mitteln, derer sie sich bedient.
Die links-alternative Tageszeitung billigt den Wählern nicht einmal mehr den autonomen Nachvollzug des journalistischen Basta-Entscheides zu. Sie fordert Schröder auf Seite eins mit Herrenreiter-Gestus auf: „Raus hier, aber dalli!“
Wie weit sich der aktuelle deutsche Journalismus von den Regeln seines Handwerks entfernt hat, lässt sich ablesen aus drei Zeilen im Inhaltsverzeichnis des Spiegel: „Gespräch mit CSU-Chef Edmund Stoiber über das rot-grüne Desaster und das Wahlprogramm der Union.“
Das Magazin, das einst als Hochburg und Trutzburg journalistischer Tugenden galt, verzichtet auf alle kritische Distanz, auf jede ätzende Skepsis. Es schmeißt sich dem Interviewten an den Hals, bekennt sich gleich zur gemeinsamen Sache – einem Gespräch unter Kumpanen. Es gibt mittlerweile Spiegel-Ausgaben, die ließen sich trefflich der Bild-Zeitung beilegen.
Im Christiansen-TV durfte Focus-Chefredakteur Helmut Markwort einem linken Sozialdemokraten „nationalen Sozialismus“ unterstellen. Sozis als Nazis? Kein Ordnungsruf, keine Intervention der Moderatorin. Alles ist nur Meinung. Anything goes in den deutschen Medien.
Der Austreibung der rot-grünen Regierung steht die Verklärung von Angela Merkel gegenüber. Volker Ulrich findet sie in der Zeit plötzlich „sehr sanft“. Und so sieht sie neuerdings auf allen Bildern aus – die Frau, die noch vor sechs Monaten, als Rot-Grün gute Umfragewerte hatte, für die Journalisten reihum die miserabel frisierte Topfpflanze mit hängenden Mundwinkeln war.
Die Ranschmeißer drängeln sich bereits in Tegel, um Platz in der Maschine ihrer vorauseilend erkorenen Kanzlerin zu ergattern.
Alles nicht so schlimm? Natürlich nicht. Das Wahlergebnis im September wird demokratisch sein. Die deutsche Demokratie überlebt sowohl den Opportunismus wie die Machtanmaßung ihrer Medien. Das ist ein Trost – und auch keiner, denn die demokratische Kultur stirbt immer unter demokratischen Verhältnissen.
Bundespräsident Horst Köhler (CDU) sagt über Gerhard Schröder: „Der Kanzler hat mit der Agenda 2010 einen Mut bewiesen, den ich historisch nenne.“ Für den Stern „fliehen“ Schröder und Fischer „vor den Folgen ihrer Politik“, Feiglinge alle beide. Der Autor des Artikels hat schon allen zugedient. Auch jetzt will er bei den Siegern sein.
In Deutschland gehen derzeit die Politiker fairer miteinander um als die Medien mit den Politikern. War Fairness nicht einst ein wichtiger Wert im journalistischen Kanon?
Aber geht es nur um Rot-Grün? Um die Schröder-Regierung? Einer wird ganz nebenbei fertig gemacht, sozusagen im Schatten der geschlossenen Journalisten-Front: Guido Westerwelle.
„Grausen vor Guido“, verkündet der Spiegel. Was für ein Mensch muss einer sein, dass er Grausen hervorruft! Da schwingt doch mit: Akne und Homosexualität. „Der Leichtmatrose rudert vor“, meldet der Stern mit dankbarem Rückgriff auf eine Qualifikation, die CSU-Chef Edmund Stoiber für den FDP-Chef erfunden hat. Die Zeit vernichtet den Freidemokraten mit dem Satz: „Er galt immer als kalt, künstlich, unnahbar.“ Der NDR erfindet für ihn sogar eigens ein diffamierendes Verb: Guido Westerwelle „nonsenst“ durch die Medienrepublik.
Sollen Journalisten so nicht mehr über Politiker schreiben und reden? Es wäre – je nach Niveau, dem man sich verpflichtet fühlt – alles sagbar. Unsäglich ist, dass alle dasselbe sagen.
Wo sind die anderen Stimmen? Wo die Kollegen, die sich mit ihren Kollegen anlegen? Mit ihren Chefredaktoren gar? Wo ist der journalistische Stolz, gegen den Strom zu schwimmen?
Wenn morgen Berlusconi die Medienmacht in Deutschland übernähme, müsste man, wie es aussieht, kaum Journalisten auswechseln.
Sollte Angela Merkel tatsächlich Kanzlerin werden, ist ihr dringend zu raten, die Journalisten, die ihrer bereits harren, in Tegel stehen zu lassen – und sich ganz allein in die Lüfte zu schwingen. Andernfalls ist sie bald wieder die Topfpflanze – eine unerträgliche Erscheinung. Wie jetzt gerade Claudia Roth.











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